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	<title>Heinz Dressel</title>
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	<description>Geschichte und Gegenwart</description>
	<pubDate>Sun, 11 Dec 2011 10:10:28 +0000</pubDate>
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		<title>Brasilien im Fokus: Die „vorrevolutionäre&#8221; Situation bis zum Militärputsch 1964</title>
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		<pubDate>Sun, 11 Dec 2011 10:10:28 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
		
		<category><![CDATA[Aktuelles]]></category>

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		<description><![CDATA[Die Einsetzung einer „Wahrheitskommission&#8221; im ersten Jahr der Präsidentin Dilma Rousseff gibt erneut Anlass, auf die jüngere Geschichte Brasiliens zurückzublicken. Einer Retrospektive tut auch ein Blick auf die „Vorgeschichte&#8221; der „revolução salvadora&#8221;- von der die Militärs zu sprechen pflegten - gut. (Heinz F. Dressel, Ein Rückblick auf zwei Jahrzehnte Diktatur in Basilien aus der Perspektive [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong><font size="4" face="Arial Standard"><font size="4" face="Arial Standard">Die Einsetzung einer „Wahrheitskommission&#8221; im ersten Jahr der Präsidentin Dilma Rousseff gibt erneut Anlass, auf die jüngere Geschichte Brasiliens zurückzublicken. Einer Retrospektive tut auch ein Blick auf die „Vorgeschichte&#8221; der „revolução salvadora&#8221;- von der die Militärs zu sprechen pflegten - gut. (Heinz F. Dressel, Ein Rückblick auf zwei Jahrzehnte Diktatur in Basilien aus der Perspektive eines kirchlichen Beobachters, mabase verlag, Oktober 2008, S. 7 ff.)</p>
<p><font size="4" face="Arial Standard"><font size="4" face="Arial Standard">Wer die 50er und 60er Jahre in Brasilien aktiv miterlebt hat, wird sich noch lebendig an Francisco Julião und an die Landlosenbewegung erinnern. Gregório Bezerra hat einmal sehr eindrücklich das mühevolle Dasein der Landarbeiter des Nordostens beschrieben: In den frühen Morgenstunden begegnet man auf den Straßen der Zuckerregion tagtäglich Lkws, deren Ladeflächen vollgestopft sind mit Männern, Frauen und Kindern, als handle es sich um Viehtransporte. Bei all diesen Menschen, die auf den Fahrzeugen zusammengepfercht sind,  handelt es sich um perspektivlose Landarbeiter, die zum Einbringen der Ernte in die Zuckerrohrfelder transportiert werden. Wenn denn der slogan <em>no future </em>irgendwo auf dem Globus wirklich angebracht war, so hier, bei diesen ausgebeuteten Kreaturen!</p>
<p>Im Nordosten, wo die Konzentration des Landbesitzes besonders markant und die Proletarisierung der Landarbeiter am weitesten fortgeschritten war, bildeten im Januar 1955 eine Anzahl von Kleinpächtern, Landarbeitern, Tagelöhnern, nur für den Eigenbedarf produzierenden „Subsistenz-Landwirten&#8221;, Bauernsöhnen ohne Eigentum, landwirtschaftlichen Leiharbeitern etc. in Galiléia, Pernambuco, eine Berufsgenossenschaft, aus der sich bald die <em>Ligas Camponesas</em> entwickeln sollten, als der Advokat und spätere sozialistische Abgeordnete Francisco Julião das Steuer in die Hand genommen hatte.</p>
<p>Ähnliche <em>Ligas</em> gab es bereits  seit der  Nachkriegszeit. Zumeist hatte man versucht, die Attraktivität und Popularität der örtlichen Ligas durch die Beifügung eines Heiligennamens zu fördern: <em>Liga Camponesa Santa Madalena</em> lautete dann etwa der Name. Ursprünglich sollen die Ligas so etwas wie »Begräbnisvereine« gewesen sein, ähnlich den „Wohltätigkeits-Genossenschaften auf Gegenseitigkeit&#8221;, die bei Eintritt eines Todesfalles in der Familie mittels einer finanziellen Beihilfe, in erster Linie zum Erwerb eines Sarges und einer Grabstätte auf dem Friedhof, eine würdige Bestattung garantierten. Im Laufe der Zeit hatten sich die Ziele der Genossenschaften geändert, und es ging nicht mehr nur um ein paar Meter Land zur Bestattung der Toten, sondern um etwas Land für die hungrigen Lebenden. Julião hat diese »famose Geschichte« später als eine Dramatisierung der Landproblematik interpretiert, auf dem Hintergrund etwa der seinerzeit weltweit berühmten „Geographie des Hungers&#8221; von Josué de Castro, von dem das berühmte Bild vom Zyklus der Krabben stammt: „Die Armen, die in den <em>mocambos</em> hausen, leben von Krabben und die Krabben leben von menschlichen Abfällen.  Alles, was inmitten dieses schwarzen Flußschlammes Mensch ist, war und ist und wird Krabbe sein. Die Menschen in den <em>mocambos</em> riechen nach Krabbe, sie denken wie Krabben, sie schreiten rückwärts wie Krabben.&#8221; (<em>Ciclo do Caranguejo</em>) Vielleicht hat zur Dramatisierung auch das Werk des Ernährungswissenschaftlers Nelson Chaves beigetragen, der in einem Gespräch, das wir 1972 miteinander führten, von einer „neuen Spezies von Menschenaffen&#8221; im Nordosten, die infolge des eklatanten Mangels an Protein entstehe,  gesprochen hatte. Für ihn stand es fest, dass der Grund dafür in der immer stärkeren Industrialisierung des Zuckers zu suchen war. Die Zuckerrohrplantagen breiten sich aus, argumentierte er,  und ersticken alle anderen Kulturen. Dies wirkt sich ganz enorm auch auf die Ernährung der Menschen aus, die sich auf Dörrfleisch, Maniokmehl, Bohnen und Süßkartoffeln und auch auf den Zucker gründet. Die moderne Monokultur des Zuckerrohrs bringt es mit sich, dass die Abwässer aus den Zuckermühlen die ohnehin spärlichen Gewässer der Region so weitgehend verunreinigen, dass Fische und Schalentiere eingehen. Auf diese Weise ist der Bevölkerung eine wichtige Quelle eiweißreicher tierischer Nahrung verlorengegangen. Es konnte überhaupt nicht ausbleiben, dass die darbende Landbevölkerung im brasilianischen „Hungerdreieck« sich eines Tages gemeinsam gegen die herrschenden Lebensbedingungen auflehnen würde, um wenigstens minimale Rechte zu erstreiten. Gilberto Freyre sagte damals:　„Es gibt derzeit in Lateinamerika keine kritischere Region als den Nordosten Brasiliens.&#8221; Die Menschen dachten weithin wie jene Mutter von acht Kindern, die seit 15 Jahren in der Favela wohnte:　„Es ist einfach nicht mehr auszuhalten. Ich werde anfangen zu stehlen. Ich bin ganz versessen darauf, dass der Kommunismus kommt!&#8221;  Es war nicht von ungefähr, dass der Putschversuch der Kommunisten 1935 gerade in Recife begonnen hatte!</p>
<p>Der eigentliche Fokus der ständig wachsenden sozialen Unruhen zu Beginn der 60er Jahre lag dementsprechend im Nordosten. Ein Beispiel der nahezu absoluten, semi-feudalen Macht im <em>sertão</em> erwähnt Paulo Cavalcanti in seiner politischen Chronik <em>Nos Tempos de Prestes</em>: Da hatte, wenige Wochen vor dem Amtsantritt des Gouverneurs Miguel Arraes, der Großgrundbesitzer José Lopes de Siqueira Santos fünf Landarbeiter ermordet, die ins Büro seiner Zuckermühle gekommen waren, um wegen rückständiger Lohnauszahlung zu reklamieren.</p>
<p>Die Landarbeiter waren seinerzeit völlig rechtlos, im Unterschied zu den Industriearbeitern in den urbanen Zentren, zu deren Schutz Getúlio Vargas entsprechende Gesetze erlassen hatte, über deren Einhaltung das „Allgemeine Kommando der Arbeiterschaft&#8221; (<em>CGT</em>) eifersüchtig wachte. Miguel Arraes, der endlich mit einem Zustand brechen wollte, der unter dem Gesichtspunkt sozialer Gerechtigkeit nicht länger zu vertreten war, gelang es, zwischen den antagonistischen Parteien - hier die <em>latifundistas</em>, dort die <em>camponeses</em> - einen Akkord zustande zu bringen und auf diese Weise den sozialen Frieden in Pernambuco zu erhalten.</p>
<p>Im November 1961 tagte in Belo Horizonte der 1. Nationale Kongress der Landarbeiter mit Francisco Julião, der sich mit allen Mitteln für die Interessen der verelendeten Landarbeiter einsetzte. Er hatte eine Delegation von 200 Repräsentanten der <em>Ligas Camponesas</em> mitgebracht. Auf der Tagesordnung stand die Forderung nach einer unverzüglichen Enteignung aller Latifundien einer Größe von mehr als 500 Hektar. Eine besondere Provokation bedeutete das Abspielen eines Tonbandes mit einem Grußwort Fidel Castros an die ca. 5000 Versammelten, in dem der Beifall Kubas zu einer Agrarreform in Brasilien zum Ausdruck kam. Zu den Instrumenten, derer man zur Herbeiführung der geforderten Agrarreform bedürfe, zählte in den Augen der Anführer der <em>Ligas</em> auch die Entsendung von „Landarbeiterführern&#8221; nach Kuba zum 1. Mai 1961.</p>
<p>Von Jacob Gorender, Publizist und Journalist und einst Mitbegründer des<em> Partido Comunista Brasileiro Revolucionário (PCBR)</em>, wissen wir, dass es zu Zeiten der Regierung Jânios (31.1.1961 - 26.8.1961) einen intensiven Polittourismus der brasilianischen Ultralinken nach Kuba gegeben hatte. So befand sich der Vorsitzende des <em>PCB</em>, Jover Telles, vom 30.4. bis zum 23.5.1961 in Havanna. In dem Bericht über seine dortigen Aktivitäten erwähnte er die Frage nach einem <em>Curso político-militar</em> in Kuba für eine Reihe von Genossen. Zu jener Zeit hielt sich auch Francisco Julião, der Leader der <em>Ligas Camponesas</em>, in Havanna auf und suchte - laut Telles - kubanische Unterstützung<em> </em>des bewaffneten Kampfes. Dies entsprach übrigens nicht der Position Telles‘, der empfahl, die Angelegenheit mit Carlos Prestes (dem Generalsekretär des <em>PCB</em>) zu diskutieren. Auch der Rechtsanwalt Clodomir dos Santos Morais, einer der frühen Verfechter einer sozialistischen <em>guerrilha </em>in Brasilien, befand sich im Mai 1961 in Kuba. Er kommandierte eine Gruppe von Anführern der <em>Ligas Camponesas</em> und betrieb erfolglos den Einstieg des <em>PCB</em> in den bewaffneten Kampf. Die Partei schloss ihn später aus. In einem Brief vom 16.9.96 wies der frühere Justiz- und Erziehungsminister Jarbas Gonçalves Passarinho den Vf. auf das 1973 erschienene und in Kuba prämierte Buch <em>A esquerda armada no Brasil</em> hin, das auf der Grundlage von Aussagen kommunistischer <em>guerrilheiros e terroristas</em> basiert und in dem die Tatsache, dass terroristische Aktionen bereits lange Zeit vor Beginn der staatlichen Repression stattgefunden hatten, bestätigt werde. Zu diesem Komplex gibt es inzwischen bessere Informationen als vor 20 Jahren, besonders, was die frühe Landguerrilha im Amazonasgebiet betrifft.</p>
<p>Gorender geht in seinem „Klassiker&#8221; über die Geschichte der marxistischen Untergrundbewegung in Brasilien - <em>Combate nas Trevas</em> - davon aus, dass aller Wahrscheinlichkeit nach die Ideen aus Frantz Fanons letztem Buch - <em>Die Verdammten dieser Erde</em>, das 1961 erschienen war, die Auffassung gerade jener Revolutionäre in besonderer Weise stützte, in deren Augen der bewaffnete Kampf der Bauern der entscheidende Motor einer generellen Revolution war. Von nun an war eine Radikalisierung der <em>Ligas </em>zu beobachten, zumindest, was ihre Parolen betraf. So hatte Julião damit begonnen, die  längst  überfällige Agrarreform „per Gesetz oder per Gewalt, mit Blumen oder mit Blut&#8221;, herbeizuzwingen. Damit hatte er nolens volens seinen bis dahin vertretenen Standpunkt, der sich am Gesetz und an der Verfassung orientierte, verlassen. Im April 1962 begann in Ouro Preto die vom kubanischen <em>focismo</em> inspirierte „Revolutionsbewegung Tiradentes&#8221; (<em>MRT</em>) mit der Vorbereitung des bewaffneten Kampfes und Brizola betrieb die Organisation der „berühmten&#8221; <em>Grupos dose Onze, </em>womit er - was er nach seiner Rückkehr aus dem Exil noch einmal bestätigte - militante „Zellen&#8221; zur Durchführung bewaffneter Aktionen im Sinn hatte. Damit knüpfte er bewusst an die 1956 von Fidel Castro angeführte Invasion in Kuba an, bei der nach einem Angriff der Luftstreitkräfte Batistas von den 84 Revolutionären, die sich auf der legendären <em>Granma</em> befunden hatten, nur elf, darunter  Fidel und Raúl Castro, überlebten. Fidel soll damals zu seinem Bruder gesagt haben: „Zwölf - dann sind die Tage des Diktators gezählt!&#8221; Brizola griff in einem Memorandum vom 29. November 1963 auf das Beispiel jener elf kubanischen Revolutionäre zurück und proklamierte die Bildung von „<em>Commandos Nacionalistas</em>&#8221; bzw. von „<em>Grupos dos Onze Companheiros</em>&#8221; - Elfergruppen - mit dem dreifachen Ziel: Verteidigung der demokratischen Errungenschaften des brasilianischen Volkes, unverzügliche Durchsetzung der notwendigen „<em>Reformas de Base</em>&#8221; und nationale Befreiung (<em>libertação nacional</em>).  Dabei stellte Brizola sich faktisch bewaffnete Gruppen vor. Der Mythus Fidel Castro lag in der Luft!<em>  </em>Im Nordosten des Landes bemühte sich<em> Sargento Gregório</em> - Bezerra -, der sich mit ganzer Leidenschaft der Organisation von Landarbeitergewerkschaften in Pernambuco gewidmet hatte, inzwischen um die Bewaffnung seiner Mannen. Sein diesbezüglicher Appell an den Gouverneur blieb jedoch ohne Antwort.  Die Zukunft hatte bereits begonnen: Der Putsch war unterwegs. Man wusste nicht, ob er von links oder von rechts kommen würde, in Gestalt eines Staatsstreichs der Kommunisten oder als Rebellion der Armee.</p>
<p><span lang="EN"> </span></p>
<p>Wie heutzutage der Führer des <em>PT</em> Lula z.B. auf seiner <em>Caravana da Fome</em> - Karawane des Hungers - die mystische Religiosität der einfachen Landbewohner im Nordosten einkalkuliert, wenn er erklärt, das Rot seiner Parteifahne sei »das Blut Jesu Christi am Kreuz« und das Kreuz des <em>PT</em> »der Wegweiser zur Geburt Jesu«, so hatte schon lange vor ihm der Volkstribun Leonel Brizola in demagogischer Weise die neue Aufgeschlossenheit der Katholischen Kirche sozialen Problemen gegenüber - es war die Zeit der Päpstlichen Enzyklika <em>Mater et Magistra </em>(15.5.61) - politisch genutzt und den Armen eingebläut: „Auch Christus war arm!&#8221; Brizola trat gern mit dem Ex-Padre Alípio de Freitas auf,  der zum <em>Partido Revolucionário dos Trabalhadores (PRT)</em> gehörte und  vor allen Dingen unter den Landarbeitern in Bahia,  agitierte. Er hatte eine Weile in Kuba  zugebracht und betätigte sich danach heimlich in der brasilianischen <em>Ação Popular</em> (<em>AP</em>). „Padre&#8221; Alípio geriet zu Beginn der Diktatur in Gefangenschaft und bezeugte später, dass auch in „den Kellern der Kasernen&#8221; Folterungen stattgefunden hätten, und dass Generals Antônio Bandeira, der Kommandeur des <em>III. Exército,</em> persönlich daran teilgenommen habe. Der Anführer der <em>Aliança Libertadora Nacional (ALN), </em>Joaquim Ferreira (<em>o Toledo</em>) ebenso wie der Leader des <em>PC do B</em> ,Carlos Danieli, seien, anders als offiziell verlautete, bei der Folter und nicht auf der Flucht ums Leben gekommen. (ZH 6.4.98)</p>
<p>Übrigens verschmähte es auch der Sozialist Francisco Julião nicht, auf die christlichen Gleichnisse zurückzugreifen, um seinen am Rande des Elends lebenden Brüdern auf dem <em>sertão </em> das tägliche Brot zu erkämpfen.</p>
<p><span lang="EN"></span></p>
<p>Die damals immer häufiger erklingenden radikalen Töne durften so ernst nicht genommen werden. Es ist so gut wie erwiesen, dass die Parteistrategen in der UdSSR zu Zeiten von João Goulart nicht an einem kommunistischen Aufstand interessiert waren, vielmehr strebte der <em>„partidão&#8221; </em>(PCB) einen friedlichen Übergang an und setzte auf eine Allianz mit der nationalen Bourgeoisie, um gemeinsam mit dieser eine nationalistisch-protektionistische Wirtschaftspolitik durchzusetzen.  Auch die Gruppe um Fidel Castro war seinerzeit nicht an bewaffneten Aktionen in Brasilien gelegen, vielmehr war beiden Sektoren  daran gelegen, die Regierung Goulart  zu stabilisieren, indem sie deren Politik der „<em>Reformas de Base</em>&#8221; unterstützten.. Aus diesem Interesse heraus mussten sie zum damaligen Zeitpunkt jeden Radikalismus, sei es der von Julião oder der von Brizola, verurteilen. Entsprechende Zeugnisse von kommunistischer Seite, z. B. von Paulo Cavalcanti in Recife, belegen dies zur Genüge.</p>
<p><span lang="EN"> </span></p>
<p>Nach dem Rücktritt des Chaoten Jânio Quadros arbeitete die Regierung Goulart (8.9.1961 - 31.3.1964) unter Federführung des Planungsministers  Celso Furtado ihren Dreijahresplan aus, der - neben tiefgreifenden Reformen im Gesundheitswesen, auf dem Gebiet der Lebensmittelversorgung sowie im Bildungs- und Transportwesen - insgesamt auf wichtige, längst fällige und unaufschiebbare Strukturreformen zielte. Angesichts der Rechtslage war es klar, dass die notwendigen Reformen nicht ohne eine Änderung der Verfassung verwirklicht werden konnten. Infolge der Mehrheitsverhältnisse im Parlament wurde 1963 die Anwendung von Notstandsgesetzen nicht zugelassen. Bei diesen Gesetzen handelte es sich konkret um den in Extremfällen vorgesehenen  »Ausnahmezustand«, der den Präsidenten  u.a. dazu ermächtigt hätte, in einzelnen Staaten zu intervenieren und per Dekret bestimmte Reformen vorzunehmen - ähnlich, wie es später die Militärs mit ihren „Institutionellen Akten&#8221;, speziellen „Notstandsgesetzen&#8221;, wiederholt praktiziert haben. Darcy Ribeiro, der „Chef des Kanzleramtes&#8221;, hatte eigens ein Gesetzesprojekt vorbereitet, das zwischen dem <em>Gebrauch</em> und <em>Besitz </em>von Ländereien unterschied: Alle Ländereien, die innerhalb eines bestimmten Zeitraums von ihren Eigentümern nicht adäquat benutzt worden waren, sollten von den traditionell darauf wohnenden „Häuslern&#8221; genutzt werden dürfen. Die Landbesitzer protestierten vehement gegen das geplante Gesetz. Ihr Sprecher, der Abgeordnete Armando Falcão, brachte den Protest auf den Nenner:　„Haben Sie den Abgeordneten Ihrer Region dazu gewählt, damit man beschließt, Ihnen Ihr Land wegzunehmen? Verteidigen Sie Ihre Freiheit und verteidigen Sie Ihr Land!&#8221;</p>
<p>Die „Bauernligas&#8221; waren bereits in aller Munde, da kamen die „Gruppen der Elf&#8221; dazu,  deren Organisation <em>Leonel Brizola</em> vor allem in seiner bereits zur Institution gewordenen „Ansprache am Freitag&#8221; über <em>Radio Mayrink Veiga</em> verkündete. Diese  <em>Comandos Nacionalistas</em>, als welche sie auch bezeichnet wurden - (laut Brizola sollte es sich landesweit um eine Avantgarde der Revolution von 300.000 Mannen handeln) - sollte ohne Verzug die „Volksrevolution&#8221; in Brasilien entfachen. In einer Atmosphäre der „steigenden Erwartungen&#8221; forderten die Ultras immer ungeduldiger »grundlegende Reformen«, die Landarbeiter eine radikale Landreform, die Arbeiterschaft die Stadtreform, die Beamten eine Bankreform, die Angestellten eine Reform der Arbeitszeit, die Studenten eine Universitätsreform. <em>Julião</em> prophezeite: „Der Wille des Volkes wird den Sieg davon tragen, mit oder ohne Parlament!&#8221; Brizola forderte lauthals die Auflösung des Parlaments: „Dieses Parlament wird keine einzige Reform beschließen!&#8221; Goulart müsse handeln, drängte er, wie <em>Getúlio Vargas</em> es 1937 angesichts der Gefahr des Integralismus getan habe: „Wenn wir nicht putschen, werden die andern putschen!&#8221; Der Volkstribun aus dem riograndenser Städtchen  <em>Carazinho</em>  wollte unter allen Umständen den Umsturz und den Bürgerkrieg.</p>
<p>Den Plänen seines Schwagers João Goulart entsprach solcher Radikalismus nicht. Zwar hielt auch er radikale Reformen für unerlässlich, er hoffte sie jedoch mit friedlichen Mitteln herbeiführen zu können: die Agrarreform, die dringend nötige Reform des Bildungswesens, die Reform des Wahlrechts, um endlich auch der Masse der Analphabeten die Möglichkeit zu geben, ihr Schicksal mitzubestimmen, die Reform des Bankwesens, um nur die wichtigsten Projekte der Regierung anzusprechen.</p>
<p>Für Goulart stand fest, dass es ohne eine „Reformulierung&#8221; und die „Liquidierung&#8221; überkommener, morscher Strukturen, nicht gelingen konnte, den sozialen Frieden in einem Volk herzustellen,  das ökonomisch weithin noch unter Bedingungen lebte, wie sie in der alten kolonialen und monarchisch geprägten Gesellschaft gang und gäbe gewesen waren, ohne dass sich durch die Abschaffung der Sklaverei und, ein Jahr danach, auch der Monarchie, tatsächlich greifbare und für die armen Massen tatsächlich zu Buche schlagende  Veränderungen ergeben hätte.</p>
<p>In seiner Rede auf der großen Kundgebung in Rio de Janeiro vom Freitag, dem 13. März 1964 hatte Präsident João Goulart ausgeführt: „In einem Land, in dem man für den Boden, den man bearbeitet, Pacht zu entrichten hat, die 50% des auf diesem Stück Land erzielten Ertrages übersteigt, kann es keine preiswerten Lebensmittel geben. In meinem Staat z.B., im Staat des Abgeordneten Leonel Brizola, werden 65% der Reisernte auf gepachteten Flächen erzielt, und der Pachtzins übersteigt 55% des Gesamtwertes der Ernte. Was in Rio Grande passiert, ist also,  dass der Pächter eines Stückes Land zum Anbau von Reis dem Eigentümer jedes Jahr auf‘s neue den Gesamtwert des bearbeiteten Ackers erstattet. Dieses unmenschliche, mittelalterliche Lehenswesen in der Landwirtschaft ist die Hauptursache dafür, dass die landwirtschaftliche Produktion unzureichend und viel zu teuer ist, wodurch dann auch die Lebenskosten für die unteren Schichten unserer Bevölkerung unbezahlbar werden.&#8221;</p>
<p>Wie es vor und außer ihm auch andere Verfechter der Landreform, von Nabuco bis Julião, gehalten hatten, berief Goulart sich ebenfalls auf die Soziallehre der Kirche, wenn er beschwörend darauf hinwies, es sei der unvergessliche Papst Johannes XXIII gewesen, der uns gelehrt habe, dass die Würde der menschlichen Person als natürliche Lebensgrundlage das Recht auf die Nutznießung der Güter der Erde voraussetze. Daraus ergebe sich die fundamentale Pflicht, jedermann Eigentum zuzugestehen. Der Präsident wusste, dass sich die ihm vorschwebenden Reformen nur im Rahmen des Ausnahmezustands und mit Hilfe von Notstandsgesetzen realisieren lassen würden. Er vergaß nicht, hinzuzufügen: „Ich weiß um die Reaktionen, die zu erwarten sind &#8230; doch können wir voller Stolz erklären, dass wir auf das Verständnis und auf den Patriotismus der tapferen und glorreichen Streitkräfte der Nation zählen dürfen.&#8221;</p>
<p>Zwei Wochen später war es mit dem Verständnis der Streitkräfte vorbei!</p>
<p>Vor dem Kulminationspunkt der politischen Kämpfe jener Zeit - dem Sturz der Regierung Goulart durch die Militärs am 1. April 1964 - hatten sich Agitation und Konspiration im gesamten Bundesgebiet rapid verstärkt. Die Medien hatten ein gut Teil dazu beigetragen. Klagte der populistische Senator Brizola in einer seiner flammenden Freitagsreden eine neue Schandtat der Ordnungskräfte des Gouverneurs von Guanabara, Carlos Lacerda, an, brachte das <em>Jornal do Commercio</em> prompt die Meldung von der Brandstiftung in einer Zuckerplantage oder von der Invasion eines Latifundiums durch die <em>Liga dos Camponeses</em>. Bei näherer Betrachtung stellte es sich dann oft heraus, dass es sich um eine „Geisterinvasion&#8221; oder um ein „Feuer&#8221; handelte, das lediglich  in der Phantasie eines Sensations-Reporters gelegt worden war. Dies soll nicht heißen, Francisco Julião und seine Genossen in der Führung der <em>Ligas </em>seien lauter Unschuldsengel gewesen; ganz im Gegenteil: sie setzten mit ihrer Demagogie und mit ihren Aktionen die Staatsregierung tatsächlich unter Druck! Die Invasion des <em>Engenho Serra</em>, einer bekannten Zuckermühle in Vitória de Santo Antão, bedeutete für die Regierung des sozialistisch gesinnten, jedoch zugleich dem geltenden Gesetz der Unverletzlichkeit von Privateigentum verpflichteten Gouverneurs Miguel Arraes eine beträchtliche Herausforderung. In einem „vorrevolutionären&#8221; Klima, wie die Romantiker und  <em>Guevaras de opereta</em> es sahen, spukten Vorstellungen wie <em>luta armada</em> und „Sozialreformen, wenn nicht kraft des Gesetzes, dann mit Mitteln der Gewalt&#8221; in den Köpfen vieler linker Romantiker herum, vornehmlich unter der studentischen Jugend, allerdings in gleicher Weise bei manchen Militärs und Genossenschaftlern. Dass Zuckerrohrfelder in Alagoas und Paraiba und auch in Pernambuco tatsächlich niedergebrannt worden sind, ist nicht zu leugnen. Julião hat später zu erklären versucht, dass er niemals der Landbesetzung oder gar der Zerstörung von Pflanzungen das Wort geredet habe. Er habe den Menschen klarzumachen versucht, wie viel Mühe, Schweiß und Blut der Sklaven in den Aufbau der Fazendas gesteckt worden sei, so dass es schon aus diesem Grunde nicht erlaubt sei, diese zu zerstören.</p>
<p></font></font></font></font></strong><font size="4" face="Arial Standard"></font></p>
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		<title>Zwei Brasilianer in Russland</title>
		<link>http://dressel.latinotopia.de/2011/07/02/zwei-brasilianer-in-russland/</link>
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		<pubDate>Sat, 02 Jul 2011 16:21:23 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
		
		<category><![CDATA[Aktuelles]]></category>

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		<description><![CDATA[Zwei Brasilianer in Russland 
Mit Dr. Walter Frantz befand ich mich im Frühjahr 1994 auf einer akademischen Reise, die uns über Birmingham nach Stockholm und Umeå in Schweden (der “Heimat” Dª Helenas!), danach - wegen des Streiks des fliegenden Personals der Fluggesellschaft SAS - zunächst nach Helsinki in Finnland und schließlich nach Russland führte. In Stockholm [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span style="font-family: 'Charter BT'"><font size="2">Zwei Brasilianer in Russland</font></span><span style="font-family: 'Charter BT'"><font size="2"> </font></p>
<p></span><span style="font-family: 'Charter BT'"><font size="2">Mit Dr. Walter Frantz befand ich mich im Frühjahr 1994 auf einer akademischen Reise, die uns über Birmingham nach Stockholm und Umeå in Schweden (der “Heimat” Dª Helenas!), danach - wegen des Streiks des fliegenden Personals der Fluggesellschaft SAS - zunächst nach Helsinki in Finnland und schließlich nach Russland führte. In Stockholm war unsere Erfahrung mit Aeroflot die erste unvergessliche Lektion in Sachen “ehemalige Sowjetunion”: In menschenverachtender Weise nahm<span>  </span>Aeroflot wohl unsere Koffer, nicht jedoch uns selbst mit nach Moskau.</font></span><span style="font-family: 'Charter BT'"><font size="2"> </font></p>
<p></span><font size="2"><span style="font-family: 'Charter BT'">Als wir einen Tag später mit Finnair in der russischen Hauptstadt ankamen, gab es zunächst Probleme bei der Passkontrolle: Dr. Walter wurde beiseite gerufen und nicht durch die Sperre gelassen, bis man schließlich kapierte, daß er kein geeignetes Objekt für die korrupte Freibeuterei von Grenzbeamten war. Er wäre lieber ins KZ gegangen, als auch nur einen müden Rubel Schmiergeld zu bezahlen! Dann ging es jedoch weiter in diesem Takt, nämlich bei<span>  </span>der Reklamation des Gepäcks. Zunächst wusste niemand von nichts! Ich hatte mir aber von SAS die Kopie eines Telex aushändigen lassen, auf dem die Ankunft unseres Gepäcks in Moskau bestätigt worden war. Also wurden wir missmutig an die Leute im Gepäckraum verwiesen! Wo aber befand sich dieser?? Das Benehmen der Zöllner erinnerte mich an den Dorfsowjet, von dem es bei Simmel<span>  </span>-Auch wenn ich lache, muß ich weinen, Knaur 1995, S. 225 heißt: &#8220;&#8230; Solche wie Kotikow haben die Menschen in unserem Land durch Jahrhunderte gequält und klein gehalten, ob als Dorfsowjet, General, Zar oder Großgrundbesitzer &#8230;&#8221;<span>  </span>Glücklicherweise haben wir in diesem Stadium der Angelegenheit unsere offiziellen Abholer, die uns nach Kazan geleiten sollten, getroffen: die Germanistin Galina und einen moslemischen Geistlichen, denn in Kazan an der Wolga ist die Mehrheit der Bevölkerung von Haus aus mohammedanisch. Den Geistlichen hatte man extra meinetwegen mitgeschickt; das brachte jedoch nicht viel, weil er nur russisch sprach. Er hat uns aber dann 800 km weit nach Kazan gefahren, ohne unterwegs auch nur 5 Minuten zu schlafen! Zunächst allerdings mußten wir unsere beiden Koffer ausfindig machen, was mit Hilfe einer jungen Beamtin auch gelang, um uns anschließend der Zollabfertigung zu unterziehen. Das war auch eine mittlere Komödie. Mehr als ärgerlich war die Behandlung bei der Deklaration unserer Devisen. Wir fühlten uns in die Zeit der Zaren versetzt, in der es Beamte gab, wie Puschkin oder Gorki sie in ihren Werken zur Genüge beschrieben haben. Das Ergebnis der Devisendeklaration war, daß wir uns in der Folge täglich vor dem Moment fürchteten, an dem wir Russland wieder zu verlassen haben würden! (Was dann allerdings völlig harmlos war, wenn auch nicht ohne Schrecksekunden, <em>arreglos</em> und Elemente, die einer Komödie würdig gewesen wären!) Während wir nach dem russischen Abenteuer wieder „entweichen“ konnten, gab es für unsere lieben Freunde keine Alternative. Sie mußten in einer Gesellschaft ausharren, die während der 70jährigen Herrschaft der Sowjets ui den Lastern der Zarenzeit noch die Mängel der sowjetischen Zeit hinzu bekommen hatte. Man versteht, was ein Kritiker meint, wenn er sagt: </span><span style="font-family: AntiqueOliveL"><font face="Times New Roman">„</font></span><span style="font-family: 'Charter BT'">Die Tragik des 20. Jahrhunderts liegt darin, daß es nicht möglich war, die Theorien von Karl Marx zuerst an Mäusen auszuprobieren.&#8221;</span></font><span style="font-family: 'Charter BT'"><font size="2"> </font></p>
<p></span><span style="font-family: 'Charter BT'"><font size="2">Gegen Mittag schließlich ging es mit dem Dienstwagen der Technischen Universität Kazan auf große Fahrt . Wir sassen auf der 800 km langen Strecke 13 Stunden lang im schon etwas schäbigen <em>Wolga</em>. Da konnten wir viel vom<em> interior</em><span>  </span>Russlands sehen! Wir “Brasilianer” sehnten uns bei einem Zwischenstop in einer Art von Straßendorf vor allem nach einer beleb enden Tasse Kaffe. Schilder mit der Aufschrift <em>Cafe</em> oder <em>RECTORAHT</em> (Restaurant) gab es des öfteren, Kaffee jedoch war dort beileibe nicht zu finden, dagegen jede Menge Coca Cola oder Fanta. Russland ist ein Paradies für Limonadenhersteller geworden, denn das Wasser aus den Hähnen (Kränen) ist nun einmal um Gotteswillen nicht trinkbar! Und Tee scheint auch ziemlich rar zu sein. Bier und Wodka gibt es dafür allerorten! Und wie war es mit dem Essen?<span>  </span>Salat, das bedeutet konkret Gurke und Tomate in Scheiben, wie auch Kartoffeln, fehlen weder beim Frühstück noch zu Mittag noch beim Abendessen. Hühnerfleisch, vielleicht auch Sardinen, bilden die proteinhaltigen Beilagen. Viel Speck und Geräuchertes oder Gesottenes, Naturquark, jedoch kaum Käse; Schweinswürste, kaum “edlere” Wurst wie man sie bei uns als sog. “Aufschnitt” bekommt. Fleisch vom Chicken und Schwein besassen alle etwas, Rindfleisch jedoch und Milch waren Mangelware, denn seit der Ära Breschnew, in der die Rinderhaltung und Milchwirtschaft reduziert wurden, fehlen in Russia just diese Produkte.<span>  </span>Die Anekdote weiß zu berichten: Auf einem Parteitag wird Breschnew ein Zettel folgenden Inhalts gereicht: &#8220;Leonid Iljitsch! Warum gibt es in den Geschäften kein Fleisch?&#8221; Breschnew antwortete: &#8220;Genossen! Mit Siebenmeilenstiefeln schreiten wir dem Kommunismus entgegen. Mit diesem Tempo kann das Rindvieh nicht Schritt halten!&#8221; Der Mangel war offensichtlich, der Ausweg waren <em>tomatka</em>, <em>kartoschka</em>, Eier und Speck; rustikal also, nach unserer Einschätzung ein wenig ärmlich. Vegetarier hätten Mühe, in Russland zu üb erleben&#8230;<span>  </span></font></span><span style="font-family: 'Charter BT'"><font size="2"> </font></p>
<p></span><span style="font-family: 'Charter BT'"><font size="2">Ein ganzes Kapitel könnte man über Abtritte in der ehemaligen UdSSR schreiben - ein trauriges Kapitel! Ein anderes Kapitel würde sich auf die immer währenden “Verkehrskontrollen” auf der 800 km langen Fahrstrecke beziehen. In Wirklichkeit handelt es sich - noch nach alter NKWD-Manier - um die penible Überwachung des<span>  </span>regionalen und interregionalen Verkehrs. Da schlüpft im Ernstfall keine Maus durch! </font></span><span style="font-family: 'Charter BT'"><font size="2"> </font></p>
<p></span><span style="font-family: 'Charter BT'"><font size="2">Als wir endlich gegen 3 Uhr morgens einigermaßen gemartert und übermüdet unser Quartier in Kazan erreichten, waren wir ehrlich schockiert: Es handelte sich um eine Art “Apartmenthotel” der Universität, doch was waren das für “Apartments” und in welchem Zustand waren die hygienischen Verhältnisse? Das WC in meinem “Apartment” war schlichtweg menschenunwürdig, Die Schüssel schien jahrelang nicht gereinigt worden zu sein, die “Brille” nicht viel öfter;<span>  </span>die Rohre waren dick mit Rost überzogen, ganz abgesehen davon, daß es beispielsweise keinerlei Papier für “hinterlistige Zwecke” gab (was durch das permanente Mitführen deutscher Tempo-Taschentücher ausgeglichen werden konnte). Die Wasserspülung lief in allen Spültoiletten, die ich im Laufe der Tage zu sehen bekam,<span>  </span>ebenso ununterbrochen wie dies bei den Wasserhähnen in den verschiedenen Universitäten und Instituten, die wir in Kazan und Moskau zu sehen bekamen, der Fall war. Am ersten Tag im “Hotel” der Universität erhielt ich weder einen<span>  </span>Schlüssel für mein bescheidenes Zimmer noch für die Eingangstür zum Apartment, in dem in einem anderen Raum vom zweiten Tag an unser Freund Prof. Anatolio aus St. Petersburg - oder sollte ich besser sagen: aus Pratos (denn er ist dort geboren!) - nächtigte. Die <em>Concierge</em>, die ebenfalls auf unserem Flur wohnte, hatte einfach nicht daran gedacht, mir bei der Ankunft einen Schlüssel auszuhändigen. In der Lobby-Loge im Erdgeschoss waltete ein Wächter hinter einem Schalter seines Amtes. </font></span><span style="font-family: 'Charter BT'"><font size="2"> </font></p>
<p></span><span style="font-family: 'Charter BT'"><font size="2">Der erste Tag in Kazan war der Pfingstsonntag. Ehe Dr. Walter und ich in seinem, etwas besser als meines ausgestatteten, Apartment mit unserem “Frühstück” beginnen konnten<span>  </span>- er verfügte über etwas Pulverkaffee, ein paar Tassen und einen Samowar -<span>  </span>wurden wir ganz nach russischer Sitte vom Rektor der Technischen Universität, unserem Gastgeber,<span>  </span>zum Begrüßungsfrühstück mit Salat, Fleisch, Cognac, Wodka und Obst “abgefüttert”. Daran schloss sich eine Autofahrt zum Hafen der Wolga an, wo ein Motorschiff auf uns wartete. Der Einstieg ins Boot erfolgte auf etwas abenteuerliche Weise per „Affenleiter”, wie wir das steil aufgerichtete, mit Querlatten versehene, lange Brett tauften, das sich unter dem Gewicht des jeweils nach oben turnenden Passagiers ziemlich durchbog. Wir schafften aber alle den <em>embarque</em>.<span>  </span>Neben dem russischen Rektor und seiner Frau waren die Vizerektoren und einige Professoren, die im Universitätsgefüge wichtige Positionen inne hatten, zugegen, dazu unsere Dolmetscherin Dilya, eine Doktorandin, die leidlich Englisch verstand und mühsam auch einige Sätze auf <em>Germanski</em><span>  </span>herausbrachte. Während der 40 Minuten Fahrt wurden wir erneut zu einem ausgiebigen Begrüßungstrunk und Frühstück eingeladen, diesmal in der Kajüte. Ziel war der Ferienstrand der TU Kazan. Die russische Gastfreundschaft gebot, daß wir uns erneut zu einem Frühstück mit vielen Trinksprüchen trafen. Ein kurzer Spaziergang unter Birken und Kiefern sollte uns Appetit auf das unmittelbar darauf<span>  </span>folgende Mittagessen machen! Als wir aufatmend meinten, nun sei es mit Essen und Trinken endgültig zu ende, wurde uns bedeutet, daß man aus technischen Gründen nur eine kleine Pause, einen<em> interval</em> einlegen werde,<span>  </span>danach solle es mit<span>  </span>Schaschlik, Fisch und Fischsuppe weitergehen. Während das Fleisch über dem Rost duftend zu braten begann, zeigte der Gastgeber auf die Büsche hinter dem Grillplatz und bedeutete uns: “Wenn Ihr mal müßt&#8230;” Sein Arm zeichnete einen weiten Bogen in die Luft.</font></span><span style="font-family: 'Charter BT'"><font size="2"> </font></p>
<p></span><span style="font-family: 'Charter BT'"><font size="2">Während der Rückfahrt auf der Wolga gab es dann einen Abschiedstrunk mit einigen Happen aus Fleisch oder Fisch. Mittlerweile waren der Toasts viele gesprochen worden. Und die Russen trinken immer auf “ex”! Ich hatte damit bereits aus Vietnam - wo das sowjetische Brudervolk den Wodka populär gemacht und russische Sitten eingeführt hatte - genügend Erfahrung und ließ mir einmal vollschenken, um dann bei jedem Toast nur zu nippen. Mein Verweis auf die Gesundheit wurde wohl toleriert - übrigens auch beim Gang zur Sauna, dem ich mich entzog - der Beruf allerdings wäre keine Entschuldigung gewesen, denn im Lande des “Wässerchens” pflegen auch die Geistlichen nicht abstinent zu sein! Immerhin begründete ich, während Dr. Walter die russische Sauna genoss oder erlitt, in dem umliegenden Wäldchen mit dem Pedell, der kurz und unwillig in der Sowjetarmee gedient hatte, eine pazifistische Konspiration: „Wojna kaputt, nix soldat!“ Wieder im Hafen von Kazan angekommen, ging es per Omnibusfahrt bis zum Quartier, wo inzwischen Prof. Anatolio eingetroffen war, dessen förmliche Begrüßung - mit viel Wodka und Cognac und wiederum dem typischen russischen Abendessen - nun auf dem Programm stand.</font></span><span style="font-family: 'Charter BT'"><font size="2"> </font></p>
<p></span><span style="font-family: 'Charter BT'"><font size="2">Prof. Anatolio Gach, Romanist aus St. Petersburg (Jhg. 1936) ist, wie Dr. Walter in seinem Trinkspruch verriet, in Pratos/Tucunduva - meiner ersten Gemeinde im Dienst der Riograndenser Synode (Dezember 1952)! -<span>  </span>geboren und Anfang 1953 nach Polen zurückgewandert Die polnischen Eltern waren 1934 nach Brasilien ausgewandert. Der begabte Sohn besuchte die Maristenschule in Santa Rosa. In Polen nahm er das akademische Studium auf. Nach seiner späteren Zulassung zur Diplomatenschule in Warschau erhielt er ein Visum für die UdSSR, wohin es die Eltern zog. Anatolio studierte Romanistik<span>  </span>(Spanisch) - es gab seinerzeit in der UdSSR noch keine Lusitanistik. Später kam die Anordnung der Regierung, in Leningrad eine Abteilung für Portugiesisch zu eröffnen und Prof. Anatolio wurde zum Chef berufen. Zuletzt war er zwei Jahre in Ijuí für die Regionaluniversität tätig. Von daher kannte ihn Dr. Walter. Nach seiner Pensionierung denkt Anatolio evtl. an eine Rückkehr zur Unijuí und zugleich an den Erwerb eines Hauses mit Hilfe der Unijuí und nach dem Verkauf seines Apartments und einer Datscha in St. Petersburg (wo ihn die kranke Mutter wohl noch eine Weile festhalten wird). Wir sind dann noch miteinander bis Moskau und St. Petersburg gereist.</font></span><span style="font-family: 'Charter BT'"><font size="2"> </font></p>
<p></span><span style="font-family: 'Charter BT'"><font size="2">Am Pfingstmontag fand um 9 Uhr unser “Besuch” bei der TU Kazan statt<span>   </span>Im Grunde handelte es sich zunächst um die Besichtigung) der Universität Der Beginn unseres Programms wurde wiederum mit einem offiziellen Frühstück, bestehend aus: Quark, Sahne, Ei, Orangenlimonade, Tee und ein wenig Brot, markiert. Danach ging es durch einige Abteilungen - Computerzentrum (Statistikprogramm), Flugtechnik, wie es in einer nach Tupolew genannten Universität nicht anders zu erwarten ist; Raketensysteme - und dann zu einem Besuch des Universitätsmuseums. Dort fand ich Anregung und Unterlagen zur Abfassung eines Flugblattes für brasilianische Interessenten an der Fabrikation eines kleinen Flugzeugs, das den Pflanzern in Rio Grande do Sul die Arbeit erleichtern könnte, wenn man es beispielsweise zum Besprühen der Felder einsetzen würde. Anschließend an den Rundgang durch die Abteilungen erfolgte unsere offizielle Begrüßung im Universitätskonzil, übrigens mit einer exzellenten Rede von Dr. Walter.<span>  </span>Dieser besitzt, wie er selbst zu sagen pflegt, physiognomisch eine gewisse Ähnlichkeit mit Michail Gorbatschow was ihm einige unter den russischen Freunden auch amüsiert bestätigten. Alle nahmen seine Reden seht freundlich auf, machten jedoch,<span>  </span>wohin wir auch kamen, keinen Hehl daraus, dass sie Gorbatschow auf alle Fälle zum Teufel wünschten.<span>  </span>Simmel gibt in dem bereits erwähnten Roman einen Witz wieder, der vielleicht zu erklären vermag, warum in Russland alles noch immer so im argen liegt,<span>  </span>trotz Glasnost und Perestroika: „Da fährt ein Zug, der muß plötzlich bremsen und stehen bleiben, denn vor ihm gibt es auf einmal keine Schwellen für die Gleise mehr. Nun, da haben wir ein Problem &#8230; Wie hätte es Lenin gelöst? &#8230; Lenin hätte gesagt:<span>  </span>Wir müssen Bäume fällen und daraus Schwellen für die Gleise bauen &#8230; Stalin hätte befohlen, eine große Menge Menschen umzubringen und sie als Schwellen zu benützen &#8230; Breschnew hätte die Vorhänge an den Fenstern der Waggons schließen und alle Waggons von starken Männern ein wenig schaukeln lassen, damit die Passagiere glauben, der Zug fährt wieder &#8230; Gorbatschow hätte den Reisenden gesagt, sie sollten, zum Teufel, selber etwas tun. Da wir nun aber Glasnost haben, stehen alle auf, stecken die Köpfe aus dem Fenster und brüllen wütend: Warum fährt der Zug nicht weiter? Wer ist schuld daran? &#8230;&#8221; ( S. 201)</font></span><span style="font-family: 'Charter BT'"><font size="2"> </font></p>
<p></span><span style="font-family: 'Charter BT'"><font size="2">Nach einem Mittagsimbiss unternahmen wir eine Stadtrundfahrt beim Nachmittagsregen! Es war möglich, ein traditionelles Gotteshaus der Orthodoxen Kirche zu besuchen, die Universität zu sehen, an der einst Lenin studierte; den Kremlin, also die <em>fortaleza</em> der geschichtsträchtigen Stadt und selbstverständlich erklärte uns eine eigens angeheuerte<span>  </span>geschichtsbeflissene Ärztin in Kürze die Geschichte der Stadt. Das Abendessen zusammen mit den wichtigsten Persönlichkeiten des Lehrkörpers der TU fand wiederum in Dr. Walters Apartment statt: 1. Teil <em>frios </em>- Sauna ! - 2. Teil <em>janta</em> (ich hab’s glücklicherweise verschlafen).</font></span><span style="font-family: 'Charter BT'"><font size="2"> </font></p>
<p></span><span style="font-family: 'Charter BT'"><font size="2">Danach, gegen 22.30 Uhr, erfolgte ein Besuch bei einem aus Ijuí in Urlaub angereisten tatarischen Professors (Physik). Als wir vor seinem Wohnblock vorfuhren, war gerade das Licht<span>  </span>ausgegangen, so daß wir die acht Stockwerke im Dunkeln erklommen, die Familienangehörigen in totaler Finsternis begrüßten und kulinarische Aufmerksamkeiten im Dunkeln probierten.<span>  </span>Ich mußte das Versprechen abgeben, den Professor anlässlich unseres für den Herbst geplanten Aufenthalts<span>  </span>in Ijuí zu besuchen.</font></span><span style="font-family: 'Charter BT'"><font size="2"> </font></p>
<p></span><span style="font-family: 'Charter BT'"><font size="2">Am Dienstag nach Pfingsten, dem 6.6. standen die Verträge zwischen Russland und Brasilien auf dem Programm. Im Laufe des Vormittags wurden zwei Verträge im Rektorat abgeschlossen, die ich als<em> testemunha</em> mitunterzeichnete. Dann ging es mit Dr. Walter zur Landwirtschaftlichen Universität, wo dieser wieder eine gute Rede hielt. Auf die Frage eines alten Marxisten während der Diskussion legte Dr. Walter ein “offenes Bekenntnis” zur Leistungsgesellschaft ohne jegliche staatliche Intervention oder<em> tuition</em> ab, sprach sich jedoch für staatliche Maßnahmen zur Verhinderung der Ausbeutung von Mitarbeitern aus. “Damit bin ich Marx und Lenin vielleicht am nächsten”, so Dr. Walter.</font></span><span style="font-family: 'Charter BT'"><font size="2"> </font></p>
<p></span><span style="font-family: 'Charter BT'"><font size="2">Mir fiel bei der Frage des russischen Freundes die recht boshafte Bemerkung ein: „Was ist der Unterschied zwischen Kapitalismus und Kommunismus?“ - „Im Kapitalismus wird der Mensch vom Menschen ausgebeutet. Im Kommunismus ist es genau umgekehrt!“</font></span><span style="font-family: 'Charter BT'"><font size="2"> </font></p>
<p></span><span style="font-family: 'Charter BT'"><font size="2">Das Mittagessen war bei Prof. Talgat K. Sirazetdinov, der sich freute, einen Pastor im Hause zu haben: Zwei Pastoren habe er kennen gelernt, sagte er in einer Tischrede: in Passo Fundo und nun meine Person. Beide hätten auf ihn Eindruck gemacht. Er fügte noch hinzu: “Ich beginne mich für Religion zu interessieren; ich habe leider zu wenig Zeit dazu.”</font></span><span style="font-family: 'Charter BT'"><font size="2"> </font></p>
<p></span><span style="font-family: 'Charter BT'"><font size="2">In der Nacht fuhren wir per Schlafwagen nach Moskau, wo wir ein besonderes Erlebnis in der Technischen Universität hatten. Zunächst einmal jedoch: An der Eingangsfassade waren ein paar Figuren in Stein zu bewundern. Respektlos bemerkte Freund Anatolio: ”Das sind die einzigen, die in diesem Hause nicht besoffen sind.” Wir hatten Gelegenheit, den Grund für diese Bemerkung zu erfahren: Eines Festes wegen waren der Rektor und die höheren Chargen des <em>corpus docendi</em> abwesend. Der Vizerektor war verdonnert worden, zu bleiben und uns zu empfangen. Außerdem wollte er am Abend zu einer Konferenz nach Bulgarien abreisen. Nur sein alter Lehrer und Mitglied der Akademie der Wissenschaften etc. war geblieben, um ihm Gesellschaft zu leisten. Da es ein Festtag der Institution und noch dazu ein einsamer und langer Tag war, hatte der Vizerektor bereits ziemlich viel “getankt”, als wir zunächst unser Gepäck dort abstellten. Darauf setzten wir uns auf Anordnung unserer Betreuerin Dilya zuerst einmal zu einer kurzen Besichtigung des Kremls und anderer Moskauer<span>  </span>Sehenswürdigkeiten ab. Als wir dann zum offiziellen Gesprächstermin in das Büro unseres Vizerektors zurück kamen, gab es nichts mehr zu besprechen, denn der Mann war stockhagelbesoffen, wie man es von literarischen Figuren, wie Puschkin oder Gorki sie einst geschaffen haben, kannte! Und noch viel, viel mehr! Einfach unglaublich, surrealistisch. total unmöglich! Würde man in einem Bühnenstück Ähnliches darstellen wollen, würden alle im Publikum sagen: So etwas gibt es nicht!! Traurig nur, daß eine Handvoll Studenten, die sich noch dazu im Examensstress befanden, dies alles mit ansehen mußten! In einem bestimmten Moment griff unser Gastgeber nach luxuriösen, farbigen Mappen in einem Wandschrank, nahm zwei in die eine und zwei in die andere Hand und erklärte mir, der ich als<em> intermediário</em> fungierte, wir würden es jetzt machen wie die Kinder. Dann trat er, die Hände hinter seinem Rücken versteckt, in den Raum und fragte:<span>  </span>“Welche Hand wollen Sie?” Ich verwies auf Dr. Walter: “The Rector first!” Dann begann der Mummenschanz! Schließlich verteilte der Vizerektor an uns noch bis vor kurzem aus Gründen der Geheimhaltung in einem “Rüstungslaboratorium” streng geheime Drucksachen, nicht ohne zu bemerken, daß er in seiner Stellung ranggleich mit einem Minister sei.<span>  </span>Dr. Walter raunte mir in einem günstigen Moment die Bemerkung zu: ”Wer weiß, ob sich in den Mappen nicht wichtige Dokumente befinden! Wir nehmen das Zeug nicht mit, sonst werden wir bei der Ausreise am Flughafen noch als Spione verhaftet!” In der Tat ließ Dr. Walter die Tüte mit den kompromittierenden Papieren zum Schluß im Büro des Gastgebers vorsätzlich zurück, doch da die Studenten dazu verdonnert waren, uns am Tage unserer Abreise zum Flughafen zu geleiten,<span>  </span>händigten diese uns vor dem Abflug das “heiße” Päckchen wieder aus! Und siehe da, als ich meinen Anteil an der<em> chause</em> zuhause auspackte, fand ich tatsächlich russische Briefschaften und Notizen in einer der Mappen!<span>  </span>Während Dilya, unsere Betreuerin aus Kazan, den Vizerektor aus dem Russischen ins Englische und ich dann aus dem Englischen ins Portugiesische übersetzte,<span>  </span>entschuldigte sich Dilya einmal bei mir, indem sie sagte: <em>”I do not know why he suddenly speaks about Winston Churchill.”</em><span>  </span>Ich gab es so an Dr. Walter weiter und übersetzte das Zitat: Churchill habe einmal gesagt, der Balkan sei ein strategisch entscheidendes Gebiet. Die wurde uns offenbar gesagt, weil sich der Vizerektor unmittelbar vor Antritt einer Reise nach Bulgarien befand. Zu den absoluten Merkwürdigkeiten des Termins in jener Moskauer Universität gehörte auch die unzeitgemäße<span>  </span>“Ordensverleihung”, die wir die zweifelhafte Ehre und das ebenso zweifelhafte Vergnügen hatten: Nachdem unser Gastgeber uns darauf hingewiesen hatte, daß wir uns in einem Raume befänden, in dem früher der <em>Komsomol</em> zu tagen pflegte, kramte er erneut in seinem Wandschrank und brachte drei kleine Pappschächtelchen hervor, denen er sowjetische Auszeichnungen entnahm: Diese Auszeichnung erhielten nur Absolventen der Technischen Hochschule nach bestandenem Examen. Früher, als die Universität noch eine Art von Planungsbüro für die Rüstungsindustrie gewesen sei und man militärische Traditionen gepflegt habe, hätten die Auszuzeichnenden den Orden, der am Boden eines “<em>stakan</em>”, eines Schnapsgläschens versenkt worden sei, nicht nur den Wodka auf einen Zug austrinken, sondern dann den Orden mit den Zähnen herausnehmen müssen. Bei uns Zivilisten werde die Prozedur etwas erleichtert: Wir hätten nur den Wodka auf einen Zug auszutrinken, um dann den ehrenvoll verliehenen und rite erworbenen Orden an uns zu nehmen. Zum Abschied küsste mir der Hauptdarsteller der Komödie, an der wir als Mitspieler Anteil hatten, ausgiebig die Hand. Dies pflege man in Russland zu tun, um einem Geistlichen Respekt zu erweisen. So bin ich wohl der einzige Geistliche geworden, der ein paar Jahre nach der Auflösung<span>  </span>der Sowjetunion ohne Abschlussprüfung an der Technischen Universität innerhalb einer Viertelstunde von ein uns derselben Person einen Orden des <em>Komsomol </em>und dazu auch einen Handkuss erhielt. Das war schon ein merkwürdiger Nachmittag!</font></span><span style="font-family: 'Charter BT'"><font size="2"> </font></p>
<p></span><span style="font-family: 'Charter BT'"><font size="2">Abends erfolgte die Weiterfahrt mit dem Zug nach St. Petersburg .Dr. Walter und ich waren gemeinsam in einem Abteil untergebracht. In St. Petersburg angekommen, fuhren wir in einem kleinen Auto zu<span>  </span>einer<span>  </span>Gästewohnung der Universität, wo Dilya ein Zimmer allein, Walter und ich ein anderes Zimmer zusammen bewohnten. Dort herrschten saubere hygienische Verhältnisse, jedoch litten wir bei der Hitze, die uns das Wetter während unseres gesamten Aufenthalts in Russland beschert hatte, ständig unter dem Mangel an trinkbarer Flüssigkeit (da das Wasser aus der Leitung nicht getrunken werden darf). </font></span><span style="font-family: 'Charter BT'"><font size="2"> </font></p>
<p></span><span style="font-family: 'Charter BT'"><font size="2">Als erster Punkt auf dem Programm stand ein Besuch im Sprachenzentrum und bei den Romanisten der Universität von St. Petersburg. Walter hielt eine längere Ansprache. Herrlich war, daß wir mit allen unseren Freunden aus der Abteilung für Romanistik problemlos kommunizieren konnten! Alle sprechen Portugiesisch (de Portugal!) bzw., eine Professorin für Spanisch, <em>español </em>!</font></span><span style="font-family: 'Charter BT'"><font size="2"> </font></p>
<p></span><span style="font-family: 'Charter BT'"><font size="2">Dilya betreute uns, auch hinsichtlich der Bestellung der Mahlzeiten im Universitätscafé. Dabei war sie über unseren abweichenden Ess- und Trinkbedürfnisse nicht gerade glücklich. Immerhin spielte sich sogleich die Praxis ein, daß wir am Ende einer jeden Mahlzeit<span>  </span>(auch des Frühstücks) “bestellten”, was wir zur folgenden Mahlzeit genießen wollten. Dabei handelte es sich auf unserer Seite lediglich um eine Reduzierung oder Annullierung üblicher Gerichte oder Speisefolgen. Das russische Essen bestand uns einfach aus zu viel Fleisch und Fett. Andererseits boten die Mahlzeiten zu wenig Flüssiges, zumal wir ja dem „Wässerchen“ nicht in gebührender Weise zusprachen.<span>  </span></font></span><span style="font-family: 'Charter BT'"><font size="2"> </font></p>
<p></span><span style="font-family: 'Charter BT'"><font size="2">Bei einer sehr interessanten Stadtrundfahrt mit einem Romanistikstudenten konnten wir auch den berühmten Kreuzer <em>Aurora </em>besuchen und ein paar Erinnerungsfotos dort<span>  </span>schießen.</font></span><span style="font-family: 'Charter BT'"><font size="2"> </font></p>
<p></span><span style="font-family: 'Charter BT'"><font size="2">Am Freitag hatte man für uns den Besuch der Eremitage (Winterpalast) eingeplant. Unter der fast professionellen Führung der liebenswürdigen Professora Natascha bekamen wir einen Eindruck nicht allein von den Kunstschätzen, die dort auf einer Wegstrecke von 3000 Metern konzentriert zu besichtigen sind, sondern insgesamt von der russischen Kultur und der Geschichte dieses zähen und tapferen Volkes. Wir stellten überdies fest, daß wir uns in St. Petersburg “mitten im europäischen Haus” befanden und empfanden große Freude und Genugtuung darüber, daß wir nun nach langer Trennung voneinander wieder wie Geschwister miteinander kommunizieren durften! Mit einem Essen als Gäste der Dozentenschaft der Romanistik endete der denkwürdige Besuch in der geschichtsträchtigen und traditionsreichen osteuropäischen<span>  </span>Stadt St. Petersburg.</font></span><span style="font-family: 'Charter BT'"><font size="2"> </font></p>
<p></span><span style="font-family: 'Charter BT'"><font size="2">Auf der nächtlichen Fahrt nach Moskau waren Walter und ich wieder<span>  </span>in einem Abteil, Dilya teilte ihr Abteil<span>  </span>mit einem fremden Mann und war nicht sehr erbaut darüber. </font></span><span style="font-family: 'Charter BT'"><font size="2"> </font></p>
<p></span><span style="font-family: 'Charter BT'"><font size="2">Am Samstag sagte Dilya nach Ankunft in Moskau zu uns: “Bisher waren Sie Gäste, jetzt machen Sie alles, was die Einwohner Moskaus tun müssen.” So erhielten wir einen Einblick in den “Kampf ums Dasein”, angefangen bei<span>  </span>der Metro, der Straßenbahn, den Problemen, die auftreten, wenn es um die “menschliche Bedürfnisse” bis hin zum Duschen im “Wohnheim und<span>  </span>die Schwierigkeiten des “<em>shopping</em>” in Moskau<span>  </span>(zur Verzweiflung meines Reisegenossen stellte das “<em>shopping</em>” zumindest ein mittleres Problem dar!). Wir erlebten ein Mittagessen a la “<em>Mundo de plástico</em>”, die lange Autofahrt zum Flughafen und die Schwierigkeit dortselbst mit dem Gepäck<span>  </span>einzuchecken. Wir erfreuten uns aber auch der Freiheit. In der Lanchonette im Obergeschoss zu bestellen, wonach uns zumute war, wenn auch für teueres Geld. Wir verfügten jedoch über eine beträchtliche Summe russischer Rubel, mit der uns die TU-Kazan freundlicherweise ausgestattet hatte, die auszugeben jedoch absolut keine Gelegenheit bestanden hatte und die aus dem Lande auszuführen streng verboten war. Als wir sie verschenken wollten, ernteten wir Protest und Entrüstung. Schließlich gelang es Dr. Walter, den Bestand an Rubeln einer russischen Dozentin überreichen zu lassen, die dafür einige Besorgungen würde erledigen können, ehe sie in einigen Wochen nach Brasilien zurückkehrt. Übrigens verlief die Kontrolle bei der Ausreise problemlos. Zwar hatten wir keine aktuelle Devisenerklärung zur Hand. Doch rettete uns unser Vorschlag, doch einfach das Datum des Doppels der alten, bei der Einreise abgegebenen, Devisenerklärung ändern zu dürfen. Diese, der brasilianischen Kultur des <em>jeitinho</em> entsprungene, Lösung des akuten Problems wurde uns genehmigt. Kaum war das Datum der Erklärung geändert und von der Beamtin abgestempelt, wurde es von dieser auch schon uninteressiert auf den Boden des Flughafens geworfen - ein sehr vernünftiges “Ablageverfahren”! Ein schweizerisch-russisches Speiseeis vor dem Gate zu unserem Flug versüßte uns dem Abschied. Bald ging es mit LH<span>  </span>zurück nach Frankfurt! Dort habe ich Dr. Walter noch zum Varig-Schalter begleitet und ihn nach Brasilien verabschiedet, dann ging es für mich ab nach Nürnberg, wo mich meine Frau und unser Gast Oskar Lützow erwarteten.</font></span><span style="font-family: 'Charter BT'"><font size="2"> </font></p>
<p></span><span style="font-family: 'Charter BT'"><font size="2">Até aqui o<em> relatório sobre uma viagem à Rússia</em>!. Es ist eine rein persönliche Schilderung, eine Hilfe für die Rückschau.</font></span></p>
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		<title>DIALOGOS › HEINZ DRESSEL</title>
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		<pubDate>Sat, 21 May 2011 20:23:32 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[DIALOGOS › HEINZ DRESSEL, EL PASTOR LUTERANO QUE SALVO A DECENAS DE PERSONAS DURANTE LA DICTADURA
&#8220;Salga, salga de ahí, que yo lo espero&#8221;
Dressel fue condecorado recientemente en forma conjunta por las cancillerías de Argentina y Chile. En los ’70 permitió que decenas de argentinos, chilenos y brasileños pudieran marchar al exilio a través de un [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong><font size="4" face="Arial Standard"><font size="4" face="Arial Standard">DIALOGOS › HEINZ DRESSEL, EL PASTOR LUTERANO QUE SALVO A DECENAS DE PERSONAS DURANTE LA DICTADURA</p>
<p>&#8220;Salga, salga de ahí, que yo lo espero&#8221;</p>
<p>Dressel fue condecorado recientemente en forma conjunta por las cancillerías de Argentina y Chile. En los ’70 permitió que decenas de argentinos, chilenos y brasileños pudieran marchar al exilio a través de un programa de becas. &#8220;Tratamos de ayudar a todos, nunca hicimos diferencias&#8221;, afirmó con orgullo a Página/12.</p>
<p><strong><strong>Para mí</strong></strong>?<strong><strong>&#8220;, preguntó el pastor luterano Heinz Friedrich Dressel en voz alta, poco antes de la entrevista, a un mozo que lo llamaba desde el fondo de un salón por una comunicación telefónica. A su regreso, en su cara se veía una sonrisa dibujada, era una llamada desde Nicaragua, dijo, de una exiliada de la que no habló y no hablará más nada hasta poco más adelante, cuando lo exija el relato de su historia.</strong></strong><strong><strong>–Usted viene de Alemania, de una familia singular.</p>
<p></strong></strong>–Yo me crié en el advenimiento del Tercer Reich –comienza Dressel–, en el nazismo, y eso naturalmente influenció toda mi juventud. Cuando terminó la guerra, tenía 15 años. Me crié especialmente en la casa de mis abuelos paternos donde el hermano de mi abuelo había pasado por un seminario teológico luterano y lo habían enviado a los Estados Unidos en 1901, de ahí creo que crecí con el mito del Tío en América. En esa casa había un ambiente prenazista, al contrario de mis padres, que eran ambos miembros del Partido. En casa de mis abuelos se vivía un espíritu del nacionalismo, del imperio alemán que era de un humanismo clásico, antes de que llegara la barbarie. En la retrospectiva, eso me parece que fue importante para mi desarrollo.</p>
<p><strong><strong>–¿Qué pasó después?</p>
<p></strong></strong>–Cuando toda Alemania estaba en ruinas y mientras se proclamaba la Carta Magna de los derechos humanos, nosotros, los jóvenes de mi generación que escapamos de la muerte –porque los más grandes habían muerto en los últimos días de la guerra–, pensábamos que empezaba un nuevo tiempo, una nueva era en todo el mundo. Y así empezó un lento proceso de democratización. Yo me formé como teólogo y después me fui a trabajar como pastor a Brasil. En ese momento, estaba la guerra de Corea, luego Vietnam, y yo llegué a Brasil para la última fase del ídolo de muchos brasileños, Getulio Vargas. Después noté que no sólo en Brasil sino en todo el continente había una cosa de efervescencia.</p>
<p><strong><strong>–Allí estuvo siete años en Río Grande como pastor de las comunidades de alemanes evangélicos.</p>
<p></strong></strong>–Luego del primer tiempo en Brasil, hubo un encuentro de Iglesias en Nueva Delhi que marcó un cambio general. Yo mismo entré, digamos, en la fase sociológica. Quería saber en qué mundo vivíamos; cuántas patas tenía una silla, cuántos hijos tienen las mamás y encontré una embarazada con ¡veinte! Y los veinte sobrevivían.</p>
<p><strong><strong>–Eso terminó en un libro consultado en las universidades de la época. A partir de allí su Iglesia le hizo una nueva propuesta.</p>
<p></strong></strong>–Me preguntaron si quería asumir la dirección de una nueva institución para graduados pastores, seminarios para los estudios académicos. Hablé con mi esposa porque debíamos trasladarnos a Río Grande de nuevo y por tres años. Finalmente, lo hicimos. Nos mudamos a las montañas de Río de Janeiro donde existía la institución pero que no funcionaba. A poco de llegar, aconteció que yo viajé a Europa para tomarme las segundas vacaciones en quince años y unos conservadores de los que siempre hay en el mundo descubrieron un libro teológico que yo había publicado en Suiza y que estaba fuera de las normas de la doctrina oficial. Por esa razón, ellos convocaron a un Consejo de pastores para evaluarlo y la mayoría dijo que yo no servía. Que no se podía dejar la formación de los pastores en mis manos. Así fue que me quedé como refugiado en Alemania, porque todas mis cosas, inclusive mis libros, se habían quedado en Río de Janeiro.</p>
<p><strong><strong>–Quienes lo conocen dicen que en ese momento usted hizo su propia experiencia de exilio. ¿Por qué lo censuraron?</p>
<p></strong></strong>–Eran razones ideológicas, teológicas, digamos. Yo hablé de lo que en teología se llama cristología, la doctrina sobre Jesucristo. Católicos y evangélicos por igual hablan de las dos naturalezas de Jesucristo: una humana y otra divina. Pero la teología crítica dice que eso es imposible, que uno no puede tener dos naturas a la vez y yo defendí a Jesucristo como una persona con mucha natura, pero una natura humana. Si hubiésemos estado en la Edad Media, puedo asegurarle que ya no estaría hablando con usted.</p>
<p><strong><strong>–Porque lo hubiesen quemado. ¿Qué pasó con sus cosas?</p>
<p></strong></strong>–Me quedé como un desterrado porque ni siquiera era un refugiado: mi existencia ya era una pena y un poco más. Tuve que rearmar mi vida, con mis tres hijos. No quería aceptar cualquier comunidad porque, ya quemado y marcado, quería elegir por lo menos un ambiente que más o menos combinara con mi ideología y encontré un lugar en Frankfurt que era y es una Iglesia muy abierta y tenía un aeropuerto más o menos como Buenos Aires: el aeropuerto central del país por el que de vez en cuando pasaba algún brasileño. Eso me permitió seguir un poco en contacto con mi Brasil, y saber qué estaba pasando. Empecé a dar charlas sobre Brasil y América latina. Eso y mi pasado teológico en el Brasil hicieron que algunos líderes de la Iglesia global alemana vinieran a preguntarme si quería asumir la dirección de la Obra Estudiantil Ecuménica.</p>
<p><strong><strong>–¿De qué año habla? Porque eso disparó más tarde toda su relación con los exiliados argentinos.</p>
<p></strong></strong>–Fue en 1968. En Alemania se habían edificado casitas para un programa de becas, pero aún no había programa y todo cayó en mis manos. La idea era generar planes de estudio para todo el mundo, es decir: para todo el mundo subdesarrollado, no los americanos, ni Estados Unidos, ni los suecos. Africa, Corea o los países a los que se llamaba sureuropeos, en vías de desarrollo o Tercer Mundo. Eran becas de posgraduación porque la idea era, y me parece correcta, dejar a las personas en sus propios países para toda la capacitación que pudieran tomar en sus lugares y, luego, lo que no tuvieran podían hacerlo afuera. En ese momento, me propusieron empezar por Africa. Como no conocía Africa empecé por Latinoamérica en 1972.</p>
<p><strong><strong>–Justo a tiempo.</p>
<p></strong></strong>–A mi regreso noté que las cosas desde adentro se veían de una forma, pero que Chile no se iba a quedar como en septiembre de 1972. Allí, yo podría decir que ya estábamos preparados para recibir a los estudiantes de Chile porque era previsible lo que iba a pasar aunque la gente no lo veía, como en Argentina, porque estaban anestesiados por falta de información.</p>
<p><strong><strong>–¿Se acuerda de alguna situación, como ejemplo?</p>
<p></strong></strong>–Cuando llegué a Chile, por ejemplo, me encontré con la huelga de los motoristas porque faltaban neumáticos, pero eso no era apenas falta de algo. Detrás había otra cosa porque casi no era posible conseguir un vehículo para trasladarse. Otra vez viajé por casualidad con un alcalde del sur de Chile. Cuando supo que yo era pastor evangélico me dijo: &#8220;¡Ahhh!&#8230; Los evangélicos son pastores, los católicos son todos comunistas&#8221;. Había muchas de estas cosas en la población, y yo volví con algunas informaciones en mi cabeza porque pude hablar con ellos y en Argentina era más o menos lo mismo. Yo sospechaba que ese clima podía ser peligroso para algunos amigos, pero los amigos me decían que no me preocupara. Un día, me llegó una carta de un viajero desde Estados Unidos, que había despachado una carta para Alemania porque ya no era posible mandarla directamente desde Argentina por razones de censura. Yo me di cuenta de que la persona que me escribía se estaba escondiendo porque estaba siendo perseguida por un Falcon o no sé qué. ‘¡Salga, salga, salga!’, le dije. Le dije que saliera cuando pudiera, que yo la esperaba. Se lo dije, pero ella no se daba cuenta de que estaba en peligro porque además trabajaba en el Ministerio de Acción Social.</p>
<p><strong><strong>–¿Quién fueron los primeros exiliados?</p>
<p></strong></strong>–Antes de que mi institución existiera, ya había programas de refugiados en Alemania, pero era ayuda en pequeña escala por poco tiempo, en la obra que surgió después de la guerra por necesidad. Sólo que después nadie esperaba olas y olas de personas de Latinoamérica que debían abandonar su país. Y vamos a lo concreto, ya cuando existía el programa un día nos llamaron de una institución protestante de París que había recibido a unos exiliados brasileños y que, por casualidad, uno de ellos hablaba alemán porque el papá era alemán y por esas interrelaciones me llegaron sus datos. Me dije que los vería y a casi todos los llevamos a Alemania. Eso fue en el principio de 1973 tal vez, y luego surgió el golpe de Chile y muchos tenían que dejar el país. Entre ellos, había un grupo de izquierdistas de Brasil que habían sido desterrados, habían pasado por Cuba, luego México y estaban asilados en Chile, después del golpe no podían volver a su país. En el primer momento ellos estaban más en peligro que los propios chilenos. Al principio se refugiaron en la Embajada de Italia, después en México, donde les dijeron que más de tres meses no se podían quedar.</p>
<p><strong><strong>–¿Quiénes eran?</p>
<p></strong></strong>–En Brasil estaban presos y los habían cambiado por secuestrados políticos. También ellos entraron.</p>
<p><strong><strong>–¿Qué requisitos debían cumplir?</p>
<p></strong></strong>–Yo no podía dar ninguna beca para un panadero o un obrero, era un programa académico. Yo debía saber cuál era su currículum académico y saber una o dos palabras de por qué estaba en esa situación. Bueno, lo que sucedió después con ese grupo es que no pasó mucho tiempo antes de que en las hojas esas que ustedes tienen también aparecieran sus nombres como &#8220;¿Dónde están estos terroristas?&#8221;. En ese momento, los servicios de inteligencia del mundo no tenían claro dónde estaban ellos porque habían entrado por Bélgica y todos los que llegaban ahí, eran invitados a quedarse. En ese contexto, encontré instrumentos para arreglar las cosas de otra manera porque quien tenía una beca nuestra podía entrar a cualquier país, porque nosotros pagábamos por él.</p>
<p><strong><strong>–¿No arreglaban los papeles antes, sino después?</p>
<p></strong></strong>–Sí, primero ellos empezaron a vivir con nosotros y después presentaban sus nombres al comité de selección. Pero era una cuestión de confianza también. Y lógicamente, después de unos días los mandaba a la policía de extranjeros para que se registraran como estudiantes de nuestra organización. En ese momento, los servicios secretos que existen en todo el mundo se enteraron bien de dónde estaban, sólo los periodistas aún no lo sabían. Y yo sé que los servicios lo sabían porque cuando se celebró el campeonato mundial en Alemania, mis desterrados brasileños eran obligados a aparecer tres veces ante la policía del barrio, para que no abrieran una bandera o brasileña o roja en el campo de fútbol, o para que no les lanzaran una bomba. Cuando se aquietó Brasil, empezó Chile y después Argentina, Salvador, Nicaragua, después Africa, Filipinas o Etiopía. Y aquí, en Buenos Aires, teníamos un puesto con el secretario general Ille que tomaba contacto con los que debían irse y salir primero por un país vecino. Hubo personas que nos ayudaron. Una persona de Naciones Unidas del Acnur que ayudó mucho y una mujer que atendía el teléfono en el Programa Nacional de Naciones Unidas para el Desarrollo que no tenía que ver con nada, pero la señora que estaba ahí y ocupaba una silla en una oficina, dijo: &#8220;Yo voy a hacer algo&#8221;.</p>
<p><strong><strong>–Las embajadas estaban sobre aviso en Argentina. Cómo hicieron ustedes para sacar a la gente. Además, ¿tenían que ser religiosos?</p>
<p></strong></strong>–No, casi nadie lo era. Habría que preguntarles a ellos pero lo que yo puedo decir es que en un momento quise explorar la frontera para encontrar una posibilidad de que la gente pudiera salir a través de Uruguay, y entrar en territorio brasileño. Y fui porque quería pasar yo mismo. Llegué a un hotel, quería dormir ahí, pero no había estación, por eso seguí de largo. Vi otro hotel, paré el coche, entré, le pregunté al hombre si había lugar para esa noche, me dijo que sí y entonces muy aliviado pensé que tenía una cama para estar y seguir viaje a Uruguay y el hombre me dijo: &#8220;Usted ya está en Uruguay&#8221;. ¡Había atravesado una sola calle, de un lado estaba Rivera (en Uruguay) y Santo do Livramento (Brasil), que separa los dos países! Nadie me controló, y por lo tanto se podía cruzar sin policías. La cuestión era saber si controlaban a los ómnibus, pero para una emergencia se podía usar un coche. Finalmente no se necesitó. Pero lamento hasta hoy que encontré a un argentino que no pude convencer de que se volviera conmigo. Le dije que podía arreglar todo, pero me dijo que su madre estaba muy enferma y que tenía que volver, y hasta hoy nunca más supe qué fue de su vida.</p>
<p><strong><strong>–¿Recibió presiones?</p>
<p></strong></strong>–Tal vez preocupaciones, miedo no. Con 40 o 50 años uno tiene menos escrúpulos que con 70, hoy tengo más escrúpulos a salir de acá que 30 años atrás que andaba en cualquier lado. Aun así, recuerdo un día en Chile cuando volvía de la Vicaría a mi hotel que encontré en la entrada de mi pieza a tres personas vestidas bien elegantes y se incomodaron un poquito al verme. Me dijeron que iban a pedir calefacción. Después llega un señor que dice que viene de la Vicaría donde yo había estado unas horas antes oficialmente. Se presentaba así porque no era posible tratar ese caso en la Vicaría. Me preguntó si yo tenía tiempo y entonces pensé que tenía que decidirme en ese momento: no o sí. Y yo que tengo mucha confianza en los demás, le dije que sí. Y esa persona me presentó el caso de la chica que llamó hoy desde Nicaragua.</p>
<p><strong><strong>–¿Logró sacarla de Chile?</p>
<p></strong></strong>–Miré el caso y traté de buscar una salida inmediata en la semana o una cosa así, nunca con la línea aérea del mismo país, sino Varig, por ejemplo, pero después supe que igual era el Mercosur de la información. Bueno, todos llegaron con Varig. Pero al otro día cuando fui al aeropuerto veo que está medio vacío, compré el diario El Mercurio y de repente escucho que dicen por micrófono mi nombre, que tenía que presentarme ante la policía. No había nadie, y yo tenía el caso de la chica ésta en un bolsillo del pecho. Me encontré en una sala vacía, pedí un café y de repente viene un oficial de Canadá y me dijo: ¿Are you Mr. Dressel? El avión viajaba antes y me estaban esperando sólo a mí.</p>
<p><strong><strong>–¿Cómo hizo con esto de las becas de los estudios? ¿Si una persona estaba en peligro priorizaba rescatarla?</p>
<p></strong></strong>–Eso es un tema muy difícil porque los propios estudiantes pueden contarlo mejor. Yo le mencioné el primer caso de los brasileños que llegaron en 1972 o en el inicio de 1973, otro que llegó de Brasilia que fue cruelmente torturado, preso por nada, y salió un poco perturbado naturalmente con su esposa y un niño y entonces él tenía un bloqueo para atender el curso de lengua. Era un hombre hecho y fue difícil sentarse para que alguien le dijera de nuevo: a, b, c. Un día se enojó, y también los profesores se quejaban. Ellos pertenecían a la institución, eran germanistas, creían que el alumno tenía que ser así y así. Y me criticaron muchas veces porque no querían que hablase portuñol con ellos. En ese contexto, yo intenté conciliar posiciones. Les dije a los exiliados que fueran de vez en cuando a dar su cara, su fisonomía.</p>
<p><strong><strong>–Entiendo.</p>
<p></strong></strong>–O por ejemplo, en la organización, había muchos sin becas que procuraron amparo por lo menos sentimental y psicológicamente. Ellos no recibían beca, pero yo les decía, si tú consigues dar el examen de entrada al curso de alemán, entonces yo puedo pagar el plato, la comida. Hubo casos ortodoxos y no ortodoxos, y de facto nosotros nunca distinguimos entre diferentes tipos de gente.<br />
Entrevista pagina 12, Buenos Aires 2007</p>
<p></font></font></strong></p>
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		<title>O dia  1 de abril de 1964 em Dois Irmãos - RS</title>
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		<pubDate>Wed, 21 Jul 2010 09:07:47 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
		
		<category><![CDATA[Aktuelles]]></category>

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		<description><![CDATA[Durante a páscoa do ano de 1964 (29 de Abril) quase todo mundo esperava qualquer interferência grave na vida da nação.
Apesar de que eramos preparados, ao tomarmos conta atravez da radio-emissora gaúcha, na terça-feira, 31 de narço, pelas 22 horas da noite, que as tropas do general Morão estavam marchando de Belo Horizinte rumo a [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Durante a páscoa do ano de 1964 (29 de Abril) quase todo mundo esperava qualquer interferência grave na vida da nação.</p>
<p>Apesar de que eramos preparados, ao tomarmos conta atravez da radio-emissora gaúcha, na terça-feira, 31 de narço, pelas 22 horas da noite, que as tropas do general Morão estavam marchando de Belo Horizinte rumo a cidade do Rio de Janeiro, ficamos profundamente chocados. Até as 2 horas da madrugada sempre surgiram novas notícias alarmantes.</p>
<p>Na minha agenda profissional do ano de1964 encontra-se uma anotação sublinhada de lapis vermellho: GOLPE DO ESTADO DE MINAS GERAIS.</p>
<p>O III exército, responsável pela seguranca da região suleira do país, havia colocado imediatamente suas „tropas táticas&#8221; ao longo da BR-2, artéria principal do transito entre os estados de Rio Grande do Sul e de Santa Catarina, como medida de proteção do território do Estado de Rio Grande do Sul.</p>
<p>No dia 2 de abril anoteei na agenda:</p>
<p>7 horas fala Meneghetti.</p>
<p>golpe da esquerda</p>
<p>interdição da comunicação pelos meios de informação</p>
<p>começo da „Legalidade II Brizola&#8221;</p>
<p><img src="http://dressel.latinotopia.de/__oneclick_uploads/2010/07/wbrigmilit.jpg" align="right" height="232" hspace="4" vspace="4" width="322" />Imediatamente apòs uma proclamação do governador riograndense, Ildo Meneghetti, começou a falar o general Ladário Teles, depois o Brizola declarou „a II. LEGALIDADE&#8221; - o segundo movimento em prol do respeito perante a legalidade do governo, ou seja, perante o Presidente da República, João Goulart.</p>
<p>O presidente João Goulart havia providenciado a presençã do general Ladário no estado do Rio Rgande do Sul afim de que sejam devidamente defendidas as instituições legais. Acontece que general Galhardo, até então chefe do III exército, havia sido deposto, já que não a posição política dele não foi suficientemente clara. Depois de ser deposto, ele viajou aao Rio. Brizola mandou ocupar as radio-emissoras e emissoras de TV.</p>
<p>Até as 10 horas da manhã havia interdição da comunicação pelos meios de informação. Pontualmente as 10 horas o general Ladário mandou promulgar uma mesagem dirigida a população da inteira região militar coberta pelo III exército, ou seja Rio Grande do Sul, Santa Catarina e Paraná.</p>
<p>A „Brigada Militar&#8221;, um contingente da Polícia Militar, subordinado ao governo do Estado de Rio Grande do Sul, ficou integrada ao exército nacional - uma ordem que provocou o imediato protesto do Governador do Estado, Ildo Meneghetti, que havia transferido a sede do governo para Passo Fundo.</p>
<p>O general Ladário declarou sua disposição de lutar em favor do re-estabelecimento da lei e ordem em todo território da república com palavras como:</p>
<p>„O poder satânico dos privilégios não conseguirá de novo de tirar a bandeira das reformas das mãos do povo. Para este povo lutaremos unidos, exército e povo conjunto … Tenho certeza e confiança, que nossa causa é santa e que ninguém nos possa roubar a vitória que é nossa.&#8221;</p>
<p>Em seguida foi Leonel Brizola quem falou con a intenção de conjurar o míto dos „grupos dos onze&#8221;. Um de seus admiradores em Dois Irmãos havia-se aproximado de mim uns dias atráz, na sexta-feira-santa, e avisado: „Os militares em São Leopoldo estão bem informados sobre sua posição política!&#8221; Parece, que o departamento de inteligência militar havia funcionado de maneira exelente. (O chefe do 19 regimento de infanteria, Tte Coronel Oswaldo Nunes, foi conhecido como admirador do governo do Jango.) A garnisão estava em prontidão, aguardando ordens. Neste meio tempo examinava-se as reservas de armas e munição estocados na III região militar e se chegava ao resultado de que havia 20.000 armas de fogo mais 6.000.000 tiros de munição.</p>
<p>Pelas 16 horas de tarde o presidente Goulart aterrisou em Porto Alegre. Em Brasília, neste meio tempo, o parlamento declarou vaga a posição mais alta da República.</p>
<p>No Rio Grande do Sul, o deputado Brizola, apoiado pelo chefe da III região militar, chamou o povo às armas.</p>
<p>O ministro de guerra, neste meio tempo, enviou tropas rumo à região suleira do país.</p>
<p>O governador Meneghetti. com sede provisória em Passo Fundo, anunciou a marcha duma tropa de 5.000 homens, reforçados por um contingente de voluntários, rumo a Porto Alegre, apelando ao general Ladário que este reconhecesse a realidade e evitasse qualquer derramamento de sangue inocente.</p>
<p>Na tarde daquele dia, antes de Goulart embarcar e deixar o país, acompanhamos, um aparelho de rádio transistor nas mãos, o famos comissio na Praça da Prefeitura em Porto Alegre. Brizola instigou os uub-oficiais e sargentos para que atacarem seus oficiais - „e seja a a unha&#8221; - caso que estes não aceitassen a liderança dele nesta luta. Neste caso os sargentos deveriam assumir o comando da tropa, afim de garantir a vitória da causa nacional.</p>
<p>Brizola anunciou a formação duma „milícia popular&#8221;. Cada vez que ele mencionou o nome do governador Meneghetti, e dos „conservadores&#8221;, a multidão começou de gritar: „paredão, paredão!&#8221;Durante a noite seguinte resolvi de fazer tudo que era dentro de meu alcance, para impossibilitar qualquer tipo de confrontação dentro das margens de minha paróquia de Dois Irmãos. Queria tentar de evitar situações em que por exemplo jovens inocentes se deixariam atrair pela idéia de formar um grupo desta „milícia popular&#8221;. Resolvi fazer tudo possível para evitar que no meio destes colonos, naquela época politicamente pouco aclarecidos,</p>
<p>fosse derramado sangue inocente (e a palavra „inocente&#8221; vem de „não ter noção de nada&#8221;).</p>
<p>Eu tinha escutado os repetidos apelos de Brizola de formar „milícias&#8221;. Devido aos meus contatos com a esquerda radical havia tomado conhecimento da existencia de lugares onde havia núcleos onde se cogitava a formação de clandestinos grupos de extremistas - armados ou ainda não armados. Fiquei preocupado ao pensar nas poddíveis intenções dum amigo da casa, líder dos PTBistas no lugar, mas exercenddo sua profissão na capital do estado; ele era capaz de aparecer de repente em Dois Irmãos com a idéis de formar um grupo destes. Tive conhecimento de que em outras cidades já ficaram ocupados prefeituras e emissoras de radio por tais grupos. Até joje não se sabe com exatidão o número destes „grupos dos onze&#8221; existiam neste Brasil, mas é um fato mesmo que o apelo do Brizola foi ouvido em praticamente todos os estados da República e não apenas no Rio Grande do Sul. A repercussão também em círculos do PCB, inclusive em grupos de dissidentes do PCB - e não apenas no PTB - era surpreendente.</p>
<p>Calculei que Jango provavelmente pudesse manter-se em Porto Alegre por nais ou menos duas semanas ao máximo. Ests avaliação me motivou no dia 2 de abril de procurar o prefeito, afim de falar com ele sobre a situação atual do país. O perguntei, quem nesta situação caotica de fato governava: o governador encontrou-se „incomunicado&#8221; em Passo Fundo, o Brizola na capital do Estado, aproveitando-se dos meios de comunicação indispensáveis; perguntei, então, quem era quem de fato governava, e quem governava em nosso município de Dois Irmãos: era o prefeito que governava ou, quem sabe, o degado de polícia do lugar (que era admirador fervente do Brizola)? E, pergunteri, quem era que governava o Estadi de Rio Grande do Sul - o Meneghetti, o João Goulart o ou Leonel Brizola com o III exército?</p>
<p>A resposta do homem revelou o real tamanho da confusão e do medo do clássico cidadão humilde e obediente da zona rural ou semi-rural: „Quando o pessoal lá em Porto Alegre manda ordens, somos obrigados de cumprir as ordens que deles recebemos.&#8221; O prefeito continuou falando, lamentando: „Nunca antes passamos por uma situação dest, é a primeira vez rm toda minha vida! Não sei o que eu devo fazer. Na outra vez, em 1961, durante o Primeiro Movimento da Legalidade, eles haviam nos mandados instruções da capital do Estado.&#8221; Responii: „O senhor não é comunista e eu o sou tampouco, e também os nossos colonos não são. A Igreja Católica ainda não se manifestou, mas ela também não defende a bandeira comunista, por isso não devemos permitir que uma minoria por acaso produzisse câos e desordem neste município; não devemos permitir que venha uma minoria com o propósito de por os moradores em arma, arriscando que se esgotasse sangue inocente num encontro irracional. Por isso temos o dever de por as regras do jogo e proibir que alguem apareçã na rua armado. Quem vai pra rua com uma arma na mão vai pra cadeia!&#8221;</p>
<p>O prefeito ficou contente pela orientação que havia recebido e fez apologias por motivo de sua inexperiência e disse que a atual situação significava para ele algo completamente novo e desconhecido. Depois disso ele me perguntou: „Como vou aplicar na pratica este conceito que ora discutimos?&#8221; Aconselhei que evitasse de discutir o assunto com o chefe da polícia, senão apenas visitá-lo e declarar o mesmo que declarou o prefeito de Porto Alegre, Sereno Chaise, durante aquele comíssio da Praça da Prefeitura: „Aqui neste município sou eu quem manda e quem garante a ordem! Eu não tolero que alquem andasse armado pelas ruas da cidade. Quem não obedece, vai ser preso pela polícia e marcha instantaneamente pra cadeia!&#8221;</p>
<p>O prefeito me prometeu, de convocar ainda na mesma tarde os vereadores e de convidar também os religiosos das tres comunidades sedeadas na cidade. Eu ainda ofereci de ir com o prefeito ainda no mesmo dia ao quartel da infanteria em São Leopoldo afim de conversarmos com os militares.</p>
<p>Graças a deus, pelas 13.30 horas, a radioemissora Guaiba promulgou a notícia referente a desição do presidente João Goularts, de abandonar o país, afim de evitar uma guerra civil com muitos mortos - grandeza gaúcha!</p>
<p>Seja-me permitido de acrescentar um episódio típico que ocorreu nos primeiros dias de abril de 1964 em Dois Irmãos:</p>
<p>Alguns dias depois do golpe parou em frente da delegacia de polícia - vizinhança pertinha da casa paroquial - uma caravana composta de cinco veículos: um jeepe, um van e tres caminhões cheios de soldados vesttidos de uniforme de combate e fortemente armados. O objetivo deles era procurar e prender comunistas. Este tipo de „razzias&#8221; com o objetivo de capturar militantes daqueles misteriosos „grupos dos onze&#8221;inclusive em lugarejos muito remotos eram frequentes naqueles dias pòs-golpe (Direito à Memória e à Verdade, S. 485)</p>
<p>Na calçada e na rua em frente da delegacia , vis-a-vis do terreno da Comunidade Evangélica havia um aglomerado de militares. Atravesí a rua e perguntei brincando com os soldados, se porventurea sua visita tinha o objetivo de gozar um dos famosos churrascos suculentos do lugar. Os praçãs não não reagiram e ficavam calados.</p>
<p>Neste meio tempo havia chegado em frente da delegacia de polícia também o prefeito. O cumprimentei e pergunteri qual era Ia razão desta invasão castrense. A resposta reconfirmou exatamente o que me havia preocupado: „Eles tem ordem de caçar comunistas, todos os comunistas comprtovados e subversivos que morram no município.&#8221; Responií: „Muito bem, todo mundo sabe que não etm este tipo de gente aqui.&#8221; E adicionei para o comandante da tropa ouvir: „Durante os dias da crise reinou calma absoluta nesta cidade. Além disso, o sehnor prefeito havia tomado providencias para evitar qualquer perturbação da ordem.&#8221;</p>
<p>O prefeito, seu Walter Fleck, mais uma vez me agradeceu pela assistencia prestada e os „caçadores de comunistas&#8221; iam- se embora rumo a São Leopoldo sem terem caçados nada e ninguem. No contexto deste episódio lembro-me ainda bem dum momento meio engraçado: o jeepe do comandante só se moveu do lugar depois que a gente com forças unidas o empurrou&#8230;</p>
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		<title>O Brasil vai fugir da confrontação com os crimes da ditadura?</title>
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		<pubDate>Sun, 16 May 2010 05:42:09 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
		
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		<description><![CDATA[O julgamento do Supremo Tribunal Federal sobre uma reinterpretação da Lei da Anistia de 1979 - a qual protege integralmente os respectivos representantes dos governos militares de serem julgados por execuções extrajudiciais, por torturas e por estupros -, este julgamento do STF que tomou lugar no dia 28 de abril 2010 em Brasília, infelizmente indulta [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img src="http://dressel.latinotopia.de/__oneclick_uploads/2010/05/heinz05.jpg" align="left" height="216" hspace="6" width="350" />O julgamento do Supremo Tribunal Federal sobre uma reinterpretação da Lei da Anistia de 1979 - a qual protege integralmente os respectivos representantes dos governos militares de serem julgados por execuções extrajudiciais, por torturas e por estupros -, este julgamento do STF que tomou lugar no dia 28 de abril 2010 em Brasília, infelizmente indulta e protege àqueles representantes dos governos militares que de maneira maciça cometeram crimes contra a humanidade.</p>
<p>Fazendo parte do primeiro grupo de pessoas que assinaram o „Apelo ao Supremo Tribunal Federal: Não anistie os torturadores&#8221;, enviado pelo Comitê Contra a Anistia dos Torturadores, observo com estranheza e repúdio a decisão do Supremo, que em última análise absolve os torturadores que andam por aí como qualquer policial ou militar honesto, que está cumprindo seu dever de zelar pela observação das leis e pela manutenção da ordem pública no Brasil.</p>
<p>Engana-se o Supremo, que iguala as vitimas do terror da ditadura com os torturadores. É um equívoco falar numa „bilateralidade&#8221; com referência aos dois lados, os torturadores e as vítimas do terror nos porões. Fato é, que o governo militar em 1979 promulgou uma Lei de Anistia que exonerava todos os acusados que cometeram „crimes políticos ou conexo com estes&#8221;. As violações dos direitos humanos cometidas por agentes de segurança ou outros integrantes dos governos militares foram interpretadas como „atos políticos&#8221;, coisa injustificável, porque num Estado de direito nunca pode-se classificar prisões e execuções extrajudiciais, torturas, estupros ou desaparecimento „a serviço da Pátria&#8221; como „crimes políticos ou conexo com estes&#8221; e os incluir na anistia. É coisa absurdíssima mesmo, que só se explica refletindo sobre os motivos de tal argumentação. Quem sabe, a razão do julgamento era a mesma que valeu na elaboração da lei de 1979: a „pacificação do País&#8221;.</p>
<p>Sem dúvida, desde os tempos da ditadura já passaram umas décadas, por isso vale lembrar os fatos básicos do assunto em disputa:</p>
<p>Foi Dom Hélder Câmara quem disse, a violência dos terroristas de esquerda era a de número 2, derivada da violência número 1, ou seja, a deposição de Jango. As hostilidades foram iniciadas pelos militares que passaram a prender e a torturar, comprovadamente já nos primeiros dias da „revolução salvadora&#8221;, como costumaram chamar o movimento dos generais que assaltaram o Poder.</p>
<p>Os que se envolveram na luta contra a ditadura, contra os torturadores e seus mandantes, estavam apenas reagindo à violência. Atiraram depois; os que foram absurdamente chamados de guerrilheiros e até de terroristas, agiram e reagiram em legítima defesa.</p>
<p>Nao foi como o ex-ministo dos generais (Educação e Justiça), Jarbas Passarinho, me quis fazer crer quando me escrevia numa carta datada em 16 de dezembro de 1996, ao responder uma carta tipo resenha da interessantíssima biografia dele, que lhe havia enviado no dia 13.11.1996:</p>
<p>“Não sei se o senhor conhece o livro: ‘A esquerda armada no Brasil’. premiado em Cuba e escrito a partir de depoimentos de guerrilheiros e terroristas de filiação comunista. Publicado em 1973, nele se contam as ações de assassinato denominadas „justiçamento&#8221;, como as do capitão americano Chandler, sob pretexto de ter lutado contra o povo vietnamita e ser „agente do CIA&#8221;; do empresário Boilensen; e do major alemão, aluno da Escola de Estado Maior do Exército brasileiro, „justiçado&#8221; por engano, tomado que foi pelo capitão boliviano Gary Prado, que prendera Che Guevara. Tudo é revelado com orgulho pelos depoentes!&#8221;</p>
<p>Quem iniciou a violência nos dias da páscoa em 1964 não foram os ditos “terroristas de filiação comunista&#8221;, como hoje em dia alegam os militares; muito pelo contrário, foram os adeptos da „revolução democrática&#8221;, como consta o caso do famoso Gregório Bezerra, que no dia 1º de abril encontrava-se no caminho do sertão pernambucano rumo ao Recife. Ao ter chegado na usina Pedrosa em Ribeirão, ele foi preso por um capitão da PM. Na viagem ao Recife encontraram um destacamento do Exército acompanhado por um bando de pistoleiros, enviados pelo proprietário do latifúndio Estreliana a fim de matar o Gregório. Ocorreu uma disputa acerca do procedimento mais razoável: matar o preso na hora mesmo ou mais tarde? Resolveu-se levá-lo a Ribeirão. Chegado lá, amarraram o homem e o jogaram num veículo do Exército. No Recife o entregaram às mãos do general Justino Alves Bastos, comandante do IV. Exército. De lá o levaram ao quartel da Companhia de Motomecanização. Imediatamente o comandante, tenente-coronel Darcy Villocq Viana, junto com uma turma de soldados, o agrediu, batendo nele fortemente com seus fuzis, não poupando ponta pés. Acontece que entre os presos que juntamente com Gregório deram entrada havia também um médico, ao qual deram ordem de limpar o homem do sangue que correu fortemente. Este médico utilizou sua própria camisa para tratar os ferimentos do Gregório. Enquanto o médico se ocupava do Gregório Bezerra, por incrível que pareça, o tenente-coronel tentou induzir uma barra de ferro no ânus dum preso seminu. Isso aconteceu no primeiro dia do mês de abril e nenhum dos presos que passaram tais crueldades foi um „terrorista&#8221;, e nem se fala num „torturador&#8221; - não faz mais o mínimo sentido falar de „bilateralidade&#8221;, como o está fazendo o Supremo! A tortura tornou-se instrumento exclusivo das forças de segurança (que contradição!) da ditadura. Vejam a tragédia no nordeste: „Nos porões dos quartéis dominados pelos criminosos, mas também nas principais ruas do Recife, com prisioneiros sendo „passeados à vista de todos, e relembre-se, amarrados pelo pescoço&#8221;, diz Helio Fernandes. Também a „via crucis&#8221; do Gregório o levou pelas ruas da cidade. Num cenário macabro, envolto de uma multidão estarrecida na „Praça Burle Marx&#8221;, como o lugar se chama hoje, em frente da igreja do bairro de Casa Forte, perante um número de instalações da paróquia, inclusive um colégio de freiras, o comandante do destacamento militar gritou: „Venham todos e olham como se enforca o comunista Gregório Bezerra!&#8221; A madre superiora do colégio assistiu com horror o cenário bárbaro lá embaixo, quando suas alunas, cheias de medo, observaram tudo pelas janelas, pegou o telefone e avisou o bispo que imediatamente alarmou a hierarquia militar. „No último momento apareceu o coronel Ibiapina e parou as bestialidades que horrorizaram todos os moradores&#8221;, contou Paulo Cavalcanti. Sargento Gregório foi condenado para muitos anos de prisão, mas antes, junto com outros 69 presos políticos pelo governo brasileiro, foi trocado contra o embaixador da Suíça, Giovanni Enrico Bucher, sequestrado por guerrilhas urbanas, e levado ao Chile.</p>
<p>O terror no nordeste, produzido por elementos pertencentes ao IV. Exército chegou a tamanha extensão que o presidente Castelo Branco teve que enviar o general Ernesto Geisel, chefe da casa militar, a Pernambuco para investigar a situação devido às reclamações de todos os lados. O relatório de Geisel existe, mas faz parte dos documentos que estão sendo tratados como segredo do Estado para o cidadão brasileiro não olhar.</p>
<p>Dói falar sobre a tortura „ou conexo com esta&#8221;.</p>
<p>Notei isso, quando na ocasião de uma visita a sua casa, no dia 30.8.2007, conversei com o ex-ministro dos generais, Jarbas Passarinho. Referindo-me à biografia dele, chamei atenção do fato de que, quando há 35 anos o visitei no ministério de educação na capital, não havia deixado de fazer uma observação a respeito das coisas ocorridos „nos porões&#8221; das Forças Armadas. Ele repetiu a resposta que ele havia-me dado naquela ocasião: „Estou certo de que os senhores realmente ouviram muito mais sobre o terror clandestino nos porões da polícia ou nos recintos de certos quartéis do que nós ministros civis dos governos dos generais.&#8221;</p>
<p>Lembrei que o ministro Passarinho naquele vez, em 1972, havia sido o único representante do Governo militar que deixou passar a palavra „tortura&#8221; por seus lábios apesar de que ele diminuiu a admissão da existência da tortura pelo termo „não sistemática&#8221;&#8230;</p>
<p>Após esta reminiscência, Jarbas falou por mais tempo sobre o tópico da tortura, destacando que ele, também como membro do Exército em função de oficial de reserva, rejeitava a tortura. Aí ele mencionava um caso de tortura que havia provocado sua imediata reação bastante enérgica. Nesse contexto ele mencionou o general Frota, que sem dúvida se inclinava à direita, mas que era rigorosamente contra a tortura. Jarbas contou com orgulho que durante seu mandato de governador do Estado de Pará não havia sido necessário prender nenhuma pessoa por cause do uso da tortura.</p>
<p>Mas &#8230;, ao disputir sobre certos métodos da tortura, através dos quais, pelas circunstâncias dentro de um prazo muito curto, poder-se-ia receber informações essenciais de natureza militar - como havia sido com os franceses na Argélia - nestas condições o sofrimento de uma só pessoa poderia ser aceitável para salvar a vida de muitas outras pessoas. Poderia dizer-se que esse sofrimento seja apenas um sofrimento menos grave, como no dentista, que tira um dente sem anestesia alguma; dói na hora, mas a gente esquece logo &#8230; Ouvindo isso, me lembrei do lema do sumo sacerdote, Caifas, presidente dos sacerdotes naquele ano da execução do rebelde Jesus: „É melhor que morra apenas um homem pelo povo, do que deixar que o país todo seja destruído&#8221; (João 11,49).</p>
<p>Mas, não eram dentistas os torturadores, muito pelo contrário, eram monstros que se tornaram poderosos ao maltratar os outros. Suas vítimas eram idealistas, como Jarbas Passarinho admitiu caracterizando-os: „idealistas paradoxalmente materialistas&#8221;. Foram severamente torturados, mas nunca torturaram ninguém. Convivi durante anos com esta „diáspora&#8221; brasileira na Alemanha e na Franca, jovens formidáveis.</p>
<p>Entre eles Luís Travassos, líder estudantil em São Paulo, como José Serra. Nos anos 1967/68 Luís liderou grandes passeatas, gritando palavras de ordem como „O povo unido jamais será vencido&#8221; - a única arma utilizada pelos estudantes rebeldes. Luis foi co-organizador do famoso Congresso da UNE em Ibiúna, onde se reuniram mais de 1.000 estudantes, clandestinamente, como pensaram, mas o SNI estava bem informado. No último dia de seu mandato como presidente da UNE, em 12 de outubro de 1968, Travassos foi preso com 920 estudantes. O rapaz ficou detido durante um ano inteiro. Quais as bestialidades que sofreu esta juventude idealista contou o colega de Luís na direção da UNE e também na prisão, Jean–Marc von der Weid, numa entrevista ao epd–Nachrichtenspiegel Nº 12 do dia 25.3.71: desde o primeiro dia foram batidos e sistematicamente torturados, houve repetidamente execuções fingidas, os presos foram pendurados pelas pernas e torturados com choques elétricos, e praticou-se o „water boarding&#8221; ou quase-afogar das vitimas horrorizadas. Tirar um dente sem anestesia?</p>
<p>Travassos deixou este inferno criado pelos „órgãos de segurança&#8221; depois de um ano, acompanhado de 14 presos políticos em troca do embaixador dos Estados Unidos, Charles Burke Elbrick, sequestrado por guerrilhas urbanas. Um avião da Força Aérea os levou ao México, „banidos por tempo de vida.&#8221;</p>
<p>Seu caminho o levou via México, Cuba e Chile à Alemanha, onde chegou com sua esposa Marijane Lisboa e onde a Obre Ecumênica de Estudos em Bochum os acolheu.</p>
<p>O histórico da Marijane foi muito cruel também. Junto com a juventude estudantil carioca ela agitou nos primeiros anos depois do golpe, assistindo a passeata em 1968 em que mataram o jovem estudante Edson Luís. Por ordem do serviço de inteligência da Marinha Marijane foi presa no CENIMAR - Centro de Informações da Marinha na Ilha das Flores, onde a tortura era tão brutal que o coração da moça começou a falhar. Demorou um ano e meio até que a moça teve de se apresentar perante um tribunal militar. Apesar de absolvida, ela foi detida de novo em frente à porta do tribunal. Posta em liberdade depois de 20 dias, ficou livre durante 5 dias e de novo entrou no cárcere. Depois de 30 dias foi posta em liberdade. Um advogado da família a buscou, mas no caminho o carro dele foi parado, pegaram a Marijane, e a levaram encapuzada ao centro de tortura do Exército na Tijuca. A família conseguiu que ela fosse posta em liberdade depois de três semanas. Aí, no caminho a casa, Marijane resolveu pedir asilo na embaixada chilena, de onde se foi para Santiago. Que odisséia!</p>
<p>Como é que é possível falar de „bilateralidade&#8221; em vista destas pessoas que sofreram todo tipo de besteira - inclusive estupro - e que nunca na vida nem tocaram em outra pessoa; como o STF pode colocar estas pessoas do lado dos torturadores?</p>
<p>Como os ministros do Supremo podem chamar de bilateral a anistia dada a torturadores e a brasileiros que praticaram o &#8220;crime&#8221; de resistir a esses torturadores? - perguntou também Helio Fernandes, grande repórter da Tribuna da Imprensa, praticamente liquidada pela ditadura.</p>
<p>Como é possível comparar monstros como aqueles que despedaçaram o preso Bacuri Eduardo Leite, militante da guerrilha urbana, primeiro cortando-lhe uma orelha, depois tirando-lhe os olhos e arrancando-lhe um braço, destruindo seu corpo, membro por membro - como é possível comparar monstros, que fizeram coisa desta, com as vitimas que não torturaram ninguém em toda sua vida? Monstros que até esquartejaram os cadáveres de suas vitimas como se fossem bois no matadouro, métodos que se usaram no Centro de Investigação em Petrópolis-RJ.</p>
<p>Considerando tudo isso, o julgamento do Supremo Tribunal Federal parece ser irracional. Tortura não pode ser considerada função legítima do Estado, não é possível declarar a tortura parte dos deveres dum funcionário público, Tortura é crime contra a dignidade humana e não deve ser anistiada. Se o torturador agiu em nome do Estado, deve ser responsabilizado até o governo, como neste meio tempo acontece no Chile, na Argentina e no Uruguai.</p>
<p>Lamentamos que o Brasil rejeite a confrontação com um período escuro de sua história.</p>
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		<title>Nicaragua ist wieder im Gespräch</title>
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		<pubDate>Mon, 09 Nov 2009 10:10:45 +0000</pubDate>
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Vor 25 Jahren stand an Daniel Ortegas Seite Ernesto Cardenal, Kulturminister und in aller Welt geachteter Dichter-Priester; dazu kamen die Schriftstellerin Gioconda Belli, Vizepräsident Sergio Ramírez Dr. Carlos Tünnermann Bernheim, Erziehungsminister, Comandante Enrique Schmidt u. a. Heute spricht Ernesto Cardenal von einer „Familiendiktatur&#8221;. Ortega will seine permanente Wiederwahl legitimieren lassen, um seine [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><meta http-equiv="CONTENT-TYPE" content="text/html; charset=utf-8" /><title></title><meta name="GENERATOR" content="OpenOffice.org 3.0  (Win32)" /></p>
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<p style="margin-bottom: 0cm; line-height: 100%" align="JUSTIFY"><font color="#000000"><font face="Verdana"><font size="3"><img src="http://dressel.latinotopia.de/__oneclick_uploads/2009/11/08anic056.jpg" align="left" border="0" height="193" hspace="7" vspace="2" width="259" /></font></font></font><font color="#000000"><font face="Verdana"><font size="3"> </font></font></font></p>
<p style="margin-bottom: 0cm; line-height: 100%" align="JUSTIFY">Vor 25 Jahren stand an Daniel Ortegas Seite Ernesto Cardenal, Kulturminister und in aller Welt geachteter Dichter-Priester; dazu kamen die Schriftstellerin Gioconda Belli, Vizepräsident Sergio Ramírez Dr. Carlos Tünnermann Bernheim, Erziehungsminister, Comandante Enrique Schmidt u. a. Heute spricht Ernesto Cardenal von einer „Familiendiktatur&#8221;. Ortega will seine permanente Wiederwahl legitimieren lassen, um seine Macht zu verewigen. Ein Blick auf meine Reisenotizen von 1984 frischt die Erinnerung an eine Zeit voller Hoffnung für Nicaragua auf.</p>
<p style="margin-bottom: 0cm; line-height: 100%" align="JUSTIFY">&nbsp;</p>
<p style="margin-bottom: 0cm; line-height: 100%" align="JUSTIFY"><a href="http://www.latinotopia.de/downloads/nicaraguadressel.pdf" title="Nicaragua" target="_blank">Download - Artikel (PDF Datei)  </a></p>
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		<title>Venezuela und die Medien</title>
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		<pubDate>Wed, 26 Aug 2009 14:07:24 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
		
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		<description><![CDATA[Eine France Presse-Meldung für O Estado de S. Paulo vom 1. August besagt: Ein Mitglied des Obersten Gerichts von Venezuela legte dem Nationalkongress einen Gesetzesentwurf vor, der eine Gefängnisstrafe bis zu vier Jahren für Mitarbeiter der Medien vorsieht, die „falsche“,  „manipulierte“ oder „verdrehte“  Informationen verbreiten,  welche „den Interessen des Staates schaden“ oder gegen die „öffentliche [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Eine France Presse-Meldung für O Estado de S. Paulo vom 1. August besagt: Ein Mitglied des Obersten Gerichts von Venezuela legte dem Nationalkongress einen Gesetzesentwurf vor, der eine Gefängnisstrafe bis zu vier Jahren für Mitarbeiter der Medien vorsieht, die „falsche“,  „manipulierte“ oder „verdrehte“  Informationen verbreiten,  welche „den Interessen des Staates schaden“ oder gegen die „öffentliche Moral“ oder die „geistige Gesundheit“ der Bevölkerung verstoßen. Diese Delikte werden als „Medienvergehen“ bezeichnet.</p>
<p><img src="http://dressel.latinotopia.de/__oneclick_uploads/2009/08/venezmp.jpg" vspace="8" width="341" align="left" height="216" hspace="8" />„Eine Gesetzgebung in Bezug auf diese Angelegenheit ist erforderlich. Es ist notwendig, dass der venezuelanische Staat die Meinungsfreiheit reguliert“, erklärte die Generalstaatsanwältin Luisa Ortega Díaz bei der Vorlage einer vorläufigen Version des Gesetzesprojekts. „Alles hat eine Grenze und es ist notwendig, diesem Recht eine Grenze zu setzen.“  Zu den beschriebenen Delikten zählt „die Weigerung, die Herkunft einer Information zu offenbaren“ und die „willentliche Unterlassung der Weitergabe von Informationen“, die, selbst wenn sie sich im Widerspruch zu dem Recht des Schutzes journalistischer Quellen steht, eine Gefängnisstrafe von 6 Monaten bis zu 4 Jahren der Übertreter rechtfertigt. „Die Nationale Sicherheit muss gewichtiger sein als die Freiheit der Meinungsäußerung“, erklärte die Vertreterin des Obersten Gerichts, um die Initiative zu rechtfertigen.</p>
<p>Coronel Hugo Chavez, der sich vorgenommen hat, in seinem Land und auf dem Subkontinent den Bolivarianismo wieder zu erwecken und in Gestalt eines „Sozialismus des 21. Jahrhunderts“ auszubauen,  irritiert sich seit langem sowohl an der Meinungs- als auch an der Informationsfreiheit, die, zumindest seit der französischen Revolution, zu den unveräußerlichen Rechten eines jeden Bürgers gehören. Ein Teil der Bürger begriff sofort, dass Chávez die Daumenschrauben für die Medien empfindlich angezogen hatte und ging in Caracas zum Protest  gegen diesen Angriff auf die Pressefreiheit auf die Straße. Es darf nicht wundern, dass die Assoziation der privaten Radio- und Fernsehkanäle von einem &#8220;Frontalangriff auf die Pressefreiheit&#8221; sprach. Der Präsident der Medienkommission - CONATEL - Diosdado Cabello, dagegen verteidigte die Initiative der Regierung mit der Begründung, es gelte, „den Einfluss der Oligarchie über die Medien&#8221; zu brechen. Oligarchie ist in Venezuela mittlerweile ein Synonym für Opposition.</p>
<p>Die Logik des modernen caudillo, dem ein Platz in der Galerie der bekanntesten Diktatoren des Kontinents -  von Rosas und Francia über Banzer bis hin zu Alfredo Stroessner bereits sicher ist - orientiert sich an drei Voraussetzungen: 1.)  Der Aufbau des Bolivarianismus bedarf einer Menge Zeit. 2.) Diese Erkenntnis bedeutet:  die absolute Herrschaft des coronel Chávez, des Tutors eines solchen Bolivarianismus, muß auf unbegrenzte Zeit sichergestellt werden. 3.) Um den ungestörten Aufbau des von Chávez eingeleiteten „Sozialismus des 21. Jahrhunderts“ zu gewährleisten, müssen die Medien - vor allem Presse, Rundfunk und Fernsehen - der neuen Idee unterworfen und komplett synchronisiert werden.</p>
<p>In den ersten Augusttagen dieses Jahres - agosto, mês do sem-gosto pflegen die Nachbarn in Brasilien, offenbar auf Grund schlechter Erfahrungen, zu sagen - wurden auf Anordnung der venezuelanischen Regierung 34 Rundfunksendern (NN 3.8.09) mit der fadenscheinigen Begründung, dass die Sendegenehmigung sei entweder ausgelaufen oder der rechtmäßige Lizenzträger verstorben sei, die Sendeerlaubnis entzogen. Dieses Verfahren ist, wie man weiß, in Caracas nicht neu; wir kennen es zumindest, seit der RCTV (Radio Caracas Televisión) im Mai 2007 auf Anordnung der Regierung hatte abgeschaltet werden müssen. Es handelte sich um den ältesten Fernsehsenders Venezuelas, der seit 1953 TV-Programme ausstrahlte. Der Regierung Chávez war er als Sprachrohr der Opposition unbequem geworden, also wurde er nach der Methode Goebbels kurzerhand liquidiert. An seiner Stelle wurde TVES, ein regierungskonformer Sender, gestartet, ganz nach dem Muster des „Reichspropagandaministeriums“ in Berlin, das 1933 kurzerhand den regierungsfrommen „Deutschlandsender“ aus der Taufe zog.</p>
<p>Nahezu zeitgleich mit der willkürlichen Schließung von 34 Rundfunksendern kündigte die Generalstaatsanwältin Luisa Ortega Díaz eine drakonische strafrechtliche Verschärfung der Gesetze, die den Journalismus betreffen, an;  Zweck und Ziel der verschärften Gesetze ist nicht weniger, als die Aushebelung der Pressefreiheit im Lande. Im benachbarten Brasilien hatte man 1967 das ominöse Pressegesetz  - Lei de Imprensa  - geschaffen. Es ermächtigte die Militärs, völlig „legal“ Journalisten zu verhaften und völlig „rechtmäßig“ und „demokratischen“ Kriterien entsprechend abzuurteilen. Der von der venezuelanischen Generalstaatsanwältin Luisa Ortega Diaz präsentierte Gesetzesentwurf mit dem neu eingeführten Tatbestand des &#8220;Medienvergehens&#8221;, mittels dessen man Journalisten „die Panik in der Bevölkerung säen&#8221;, strafrechtlich belangen und mit bis zu vier Jahren Haft belangen kann, entspricht exakt diesem Muster.</p>
<p>Exakt diese Praxis versucht coronel Chávez nun in Venezuela wieder zu beleben. Die geplanten Maßnahmen stehen den berüchtigten Zensurdekreten der  sattsam bekannten Diktatoren von Santiago bis Brasília, San Salvador oder Managua in ihrer Rigorosität nichts nach; wie jene kriminalisieren sie die selbstverständlichsten Rechte und Praktiken der Journalisten und scheuen sich nicht, zur Begründung der angekündigten Maßnahmen an einigen Stellen kriminalisierende und teilweise auch völlig unverständliche Ausdrücke zu benutzen, und - um auch dies hinzuzufügen - Begriffe, die Angehörige meiner Generation in einem solchen Kontext zuletzt aus dem Mund von Nazipropagandisten vernommen haben, z. B., wo von einem Angriff aus die „geistige Gesundheit“ oder ein Attentat auf die „öffentliche Moral“ die Rede ist; deshalb darf sich auch niemand beschweren, wenn hier bestimmte Praktiken des modernen caudillo Hugo Chávez mit Goebbel‘schen Methoden verglichen werden. Im vorgegebenen Kontext klingen Ausdrücke wie salud mental oder moral pública in unseren Ohren wie  nazistische slogans, palabras nazistas, obschon in einer anderen Sprache!  Von der durch die Medien gefährdeten  „Volksgesundheit“ sprachen die Nazis.</p>
<p>Die Welt horcht auf, wenn wieder einmal eine Nachricht über die Verletzung der Pressefreiheit in Venezuela kursiert. Im Jahr 2007 machte der Disput über CA National Telefonos de Venezuela - CANTV Furore, 2008 hörte die Welt perplex zu, als der Minister für Kommunikation die privaten Medien als „die größten Aggressoren gegen das Recht auf Meinungsfreiheit“ bezeichnete. Mi dieser Bemerkung konterte er auf die, bei einer Tagung der Sociedade Interamericana de Imprensa  - SIP - in Madrid lautgewordene Besorgnis über den Stand der Pressefreiheit in Bolivien, Ecuador, Mexiko und Venezuela.</p>
<p>Der Spielraum der Medien in den Ländern, welche die „Bolivarische Revolution“ auf ihre Fahnen geschrieben haben, wird immer geringer; unter anderem steht der Schutz von Informanten der Medien auf dem Spiel. Der autoritäre Staat pocht - gegebenenfalls unter Hinweis auf die „Nationale Sicherheit“ - auf sein selbstverständliches „Recht“, die Herkunft einer Meldung zu erfahren. Dies bedeutet dann die Preisgabe der Quelle einer Information und führt die Rede von der Pressefreiheit völlig ad absurdum. Jeder Journalist, der nicht in den Verdacht der Subversion zu kommen riskieren möchte, wird auf diese Weise zu einem gefügigen Lakaien der Staatssicherheit.</p>
<p>Die Massenliquidierung venezuelanischer Medien im August 2009 hat der Medienbranche unzweideutig gezeigt, was die Stunde geschlagen hat.</p>
<p>Der „Volksautokrat“ Chávez, wie manche ihn bezeichnen, hatte bereits zwei Monate zuvor, im Juni, getönt, er werde „Schritte gegen den imperialistischen Hetzsender“ Globovision ergreifen.  Sollte dieser seine Berichterstattung - z. B. über Themen wie Korruption, Inflation, verminderte Einnahmen im Petroleumgeschäft, Arbeitslosigkeit und dergleichen mehr  - nicht ändern, werde er ihm „den Saft abdrehen.“  Im Jahr zuvor hatte man zwei Journalisten bereits den „Saft abgedreht“.  Im Juni 2008 prügelte man einen unbequemen Journalisten - Javier García - zu Tode; damit waren kurz nacheinander zwei oppositionelle Journalisten gewaltsam  ums Leben gekommen. Pierre Fould Gerges war Vizepräsident eines Wirtschaftsblattes. Dieses hatte gerade eine Reihe von Artikeln über Fälle von Korruption durch staatliche Organe veröffentlicht. Auf dem Weg nach Hause starb der Publizist in seinem Auto, nachdem ihn mindestens zehn Kugeln getroffen hatten.</p>
<p>Derartige Vorfälle sollten nach dem Willen der Regierung künftighin vermieden werden; statt dessen sollte das Parlament in Kürze ein Gesetz verabschieden, das „die Meinungsfreiheit reguliert“, unter anderem, indem der Staat die Befugnis erhält, die Finanzen aller Nicht-Regierungs-Organisationen - und damit auch der privaten TV-Rundfunk- und Printmedien - zu kontrollieren. So konnte man leichter und weniger spektakulär den „Saft abdrehen“, wo man dies für nötig hielt.</p>
<p>“Es ist notwendig, dass der Staat in Venezuela die Meinungsfreiheit reguliert“, hatte die Generalstaatsanwältin Luisa Ortega Díaz in ihrem statement vor der Presse erklärt. Damit positionierte sie sich oder den bolivarianischen Staat „Seit an Seit“ nicht nur mit dem Sozialismus stalinistischer oder maoistischer Prägung, sondern - ohne dies in ihrer politischen Naivität zu begreifen - mit dem System Goebbels, das uns sehr schnell gelehrt hatte, dass regulierte und reglementierte Freiheit keine Freiheit mehr ist. Luisa Ortega Díaz sollte eigentlich bekannt sein, dass die Interamerikanische Menschenrechtskommission in ihrem Jahresbericht 2009 die Einschüchterung von Oppositionspolitikern und Fälle von Medienzensur in ihrem Land gerügt hatte. Bereits im März 2008 war die Regierung Chávez von der Sociedade Interamericana de Imprensa - SIP - angeklagt worden, die Meinungsfreiheit verletzt zu haben. Es hatte sogar einen gelinden Eklat gegeben: bevor nämlich eine Inspektionsgruppe der SIP nach Venezuela reiste, gab man ihr deutlich zu verstehen, dass sie in Caracas nicht erwünscht sei. Im Jahre 2007 hatte es übrigens auch eine Verstimmung gegeben, als Caracas in bestimmten Fällen plötzlich eine Beschränkung der Freizügigkeit im Zusammenhang mit der Auslandspresse verfügte. Im Dezember 2007 hatte Venezuela von brasilianischen Journalisten im letzten Augenblick überraschend die Vorlage eines Visums verlangt, ehe sie zur Berichterstattung über das Treffen der beiden Staatschefs Hugo Chávez und Inácio Lula da Silva einreisen durften, wohingegen ausländische Journalisten, die den Ruhm des Bolivarianismus verbreiteten, ohne irgendwelche Beschränkungen ungehindert einreisen und arbeiten durften.</p>
<p>Die Absicht - Ziel oder Zweck aller derartigen Maßnahmen - ist klar: es geht um die Errichtung eines absolutistischen „Sozialismus des 21. Jahrhunderts“; da sind alle Mittel recht, welche dem Siegeslauf der neuen Zeit die Bahn freimachen; dazu gehört selbstverständlich auch die Manipulation des Wahlgesetzes, durch die soll verhindert werden soll, dass die Opposition Oberwasser erhält. Es ist noch nicht vergessen, wie Hugo Chávez nach den Wahlen in Dezember 2005 großschnäuzig vom „Tod“ der Oppositionsparteien gesprochen und  erklärt hatte, die Wahl sei zu ihrem „Grab“ geworden. Diese Parteien hätten bereits lange genug gelebt und nun sei die Stunde ihres Todes gekommen. Wie sehr dem caudillo die Opposition zu Schaffen macht, offenbart nicht nur seine drastische Sprache, vielmehr demonstrieren es auch die ungewöhnlichen Maßnahmen, deren er sich zu ihrer Bekämpfung bedient: So befahl er den venezuelanischen Streitkräften, die von der Opposition verwaltete Häfen und Flugplätze des Landes militärisch - wie im Krieg also - zu besetzen. Vor der Regionalwahl im November 2008, um ein anderes Beispiel zu nennen, verkündete Chávez lautstark, er sei  „entschlossen, Manuel Rosales, der unbequeme Oppositionschef unter allen Umständen „ins Gefängnis zu bringen; der aber suchte und fand in Peru Asyl, woraufhin Caracas sogleich die Abberufung des Botschafters aus Lima ankündigte. Zu den Kampfmaßnahmen, wie coronel Chávez sie bevorzugt, gehört auch die Androhung vom September 2007, Schulen, die sich den Erfordernissen im Zusammenhang mit der Installation des „Sozialismus des 21. Jahrhunderts“ nicht anpassten, zu schließen. Als Kuriosum vielleicht noch ein Detail: Neuerdings wird in Venezuela der Import von handies erschwert und streng kontrolliert. Es würde möglicherweise die „Nationale Sicherheit“ bedrohen, wenn die Venezuelaner über das Mobiltelefon mit jedermann frei kommunizieren oder sogar im Internet surfen könnten! Schließlich gibt es noch kein Gerät, das - wie der „Volksempfänger“ zu Goebbels Zeiten - sozusagen über eine eingebaute Zensur verfügt; also mußte der Staat für entsprechende Restriktionen der bürgerlichen Freiheit sorgen!</p>
<p>In Deutschland haben wir Vergleichbares unter Hitler bereits einmal, vom Anfang bis zum bitteren Ende, erlebt.<br />
Die NSDAP begannen sofort nach der Machtübernahme Hitlers mit der Säuberung der gesamten Presse. Um die beabsichtigte radikale Knebelung der Medien zu tarnen, schoss man sich zunächst auf den Begriff der „Entjudung“ ein. In Wahrheit handelte es sich dabei um ein recht vordergründiges Argument, denn in Wirklichkeit ging es um etwas ganz anderes: In einem Treffen mit Vertretern des Rundfunks am 25. März 1933, gerade zwei Monate nach der Berufung Hitlers zum Reichskanzler, machte Goebbels deutlich, dass der Rundfunk unverzüglich von Nonkonformisten und Linken gesäubert werden müsse. Andere Maßnahmen, die den Weg zum absolutistischen Staat ebnen würden, waren bereits vorausgegangen, so z. B. - nach dem Reichtagsbrand am 27. Februar - das Verbot der kommunistischen Presse, flankiert vom Verbot der Wahlpropaganda pro KPD, zunächst für 4 Wochen und pro SPD, für 2 Wochen. Bald folgte das Verbot der gesamten „marxistischen Presse“, so wie es übrigens auch mit den Parteien bald ganz aus war. Am 4. Oktober trat konsequenterweise das „Schriftleitergesetz“ in Kraft, am 12. November schließlich das Gesetz über die „Wirtschaftswerbung“, ein Desaster für die Medien, deren ökonomische Grundlage bei Wegfall eines ihrer tragenden Pfeiler gefährlich ins Wanken geriet.</p>
<p>Die neuen Herren in Berlin gaben sich mit Teilerfolgen nicht zufrieden. „Die Revolution, die wir gemacht haben“, tönte Goebbels am 15. November 1933, „ ist eine totale. Sie hat alle Gebiete des öffentlichen Lebens erfaßt.“ Die nationalsozialistische Revolution sei vor allem eine „kulturelle Revolution“, hieß es; (wer dächte da nicht an Mao Tse Tung?) Der „Kulturbolschewismus“ hatte dem „Germanentum“ Platz zu machen, zu dessen seinerzeit bekanntesten Propageuren der Wirrkopf Alfred Rosenberg mit seinem „Mythus des 20. Jahrhunderts“ zählte. Die Kulturrevolution war für die Äternisierung der nationalsozialistischen Macht von grundlegender Bedeutung. Es war ja nichts weniger als das „tausendjährige Reich“, das man zu installieren gedachte!</p>
<p>Waren es zunächst eher einzelne Vorreiter wie Goebbels mit der tonangebenden Tageszeitung „Völkischer Beobachter“, oder der infame Frankenführer Julius Streicher mit seinem Hetzblatt „Der Stürmer“, die gegen die Presse-und Meinungsfreiheit zu Felde zogen, so folgten ihnen bald die Institutionen des Staates, wie etwa die am 15.11.33 kreierte „Reichskulturkammer“, die von nun an die ideologische Aufrichtung des „Reiches“ bestimmten. Für ein Organ des Staates gab es nichts Unantastbares mehr; da gab es kein Recht aus der Zeit der „Reaktion“ mehr, das hätte respektiert werden müssen. Nun hieß es: „Die Straße frei den braunen Bataillonen, die Straße frei dem Sturmabteilungsmann &#8230;“</p>
<p>Die Folge der nationalsozialistischen „Bilderstürmerei“ war unter anderem, dass binnen weniger Jahre ca. 2000 Vertreter des kulturellen Lebens aus politischen Gründen das Land verließen - Schriftsteller, Künstler, Musiker, Filmschauspieler,  Filmregisseure, Journalisten,  Architekten, viele von ihnen jüdischer Herkunft.</p>
<p>Der schon in den 20er Jahren begonnene „Kampf um die deutsche Presse“ endete 1933 mit der Machtübernahme der NSDAP mit einem totalen Sieg des Nazismus. Mit der Begründung, den Einfluss der Juden und der Marxisten zu brechen, hatte es begonnen; am Ende waren nicht nur die Kommunisten und Sozialdemokraten aus dem politischen Leben ausgeschaltet, sondern alle Parteien außer der NSDAP. Die Regierung übte nun völlig ungestört die uneingeschränkte Herrschaft über alle Medien aus. Literatur, Rundfunk, Film und Wochenschau, Theater, Kunst, Musik - alles wurde gleichgeschaltet. Der braune Chefdemagoge  Joseph Goebbels dirigierte von seinem  „Ministerium für Volksaufklärung und Propaganda“ aus „die Kultur“. Was den neuen Herren nicht passte, wurde mit dem Makel  „entartete Kunst“ oder „entartete Musik“ etc. versehen und mit Rumpf und Stumpf ausgerottet. Die Regierung verbreitete ihre Botschaft via „Volksempfänger“, der inopportune Wellenlängen technisch ausschloß. Wer ein leistungsfähigeres Rundfunkgerät besass, hatte sich vorzusehen: Im Krieg stand auf das Abhören von Feindsendern die Todesstrafe. Kritik war kriminell. „Zähne müssen in Deutschland künftig durch die Nase gezogen werden, weil es verboten ist, den Mund aufzumachen“, flüsterten die Spötter. Als Kind hörte ich unzählige Male die Warnung: „Halt‘s Maul, sonst kommst nach Dachau!“</p>
<p>Die Entwicklung, die wir in Venezuela beobachten, erinnert mich in vielen Einzelheiten an die nazistische Diktatur, in der ich aufgewachsen bin. Über die Presse wurde bereits genügend gesagt.  Von der Lust des coronel Chávez auf unbegrenzte Macht war bereits die Rede. Im Dezember 2007 hatte er unverblümt erklärt, wenn er gesund bleibe, beabsichtige er bis 2050 an der Macht zu bleiben. Bis dahin, wenn nicht bereits bis 2019, sollte die Bolivarische Revolution abgeschlossen sein, kalkulierte Chávez. Seit seinem Triumph im Februar 2009 hat er die Möglichkeit, sich permanent wiederwählen zu lassen, jedenfalls ist ihm die Gültigkeit seines Mandats bis zum Jahr 2021 jetzt schon sicher. (Die unbegrenzte Wiederwahl sei „Teil der venezuelanischen Kultur“, beschwichtigte sein brasilianischer Kollege Lula neidvoll) Ich habe keinen Grund, die Einschätzung des erfahrenen brasilianischen Journalisten Hélio Fernandes zu bezweifeln, wenn er kommentiert: Chávez ist weder Sozialist noch Humanist oder auf die Entwicklung der Gesellschaft bedacht, er hat vor niemandem auch nur den geringsten Respekt.“  (TI 4.12.07)</p>
<p>Das Gesetz, welches Chávez das Recht verleiht, den Gouverneuren und alcaldes sozialistische Regionalchefs überzuordnen, ist bereits in Kraft.  Mir fällt dazu die Parallele aus dem „Dritten Reich“ ein, die den „Kreisleiter“ den Administratoren der Landkreise und Kommunen und den „Gauleiter“ den Provinzen überordnete, so wie der Offizier der sowjetischen Armee den Kommissar als letzte Befehls- und Kontrollinstanz über sich hatte.</p>
<p>Venezuela befindet sich unter Hugo Chávez auf einem gefährlichen Weg, mögen die Ideale, die man verwirklichen möchte, noch so hehr sein: ein bolivarianisches Venezuela oder sogar ein Lateinamerika im Sinne Simon Bolivars, Sozialismus des 21. Jahrhunderts oder was auch immer: wo die vom Staat eingesetzten Mittel die individuelle Freiheit antasten, ist Gefahr im Verzug. Dies gilt für die Meinungs- und Pressefreiheit ebenso wie für die Versammlungsfreiheit, wie überhaupt für die demokratischen Rechte insgesamt. Und da muß es auch erlaubt sein, dem coronel Chávez mit Don Carlos zuzurufen: „Por que no te callas?!“</p>
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		<title>ARGENTINIEN IM FOCUS</title>
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		<pubDate>Sat, 11 Apr 2009 15:44:47 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
		
		<category><![CDATA[Aktuelles]]></category>

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		<description><![CDATA[Mit nachfolgendem Beitrag soll eine dreiteilige Serie als ein knapper Rückblick auf eine wichtige Periode argentinischer Geschichte begonnen werden, die sich im sogenannten cordobazo eindrücklich widerspiegelt. Mit der Veröffentlichung dieses wichtigen Paragraphen  der  jüngeren Geschichte Argentiniens  wird zugleich auf eine Publikation hingewiesen, die demnächst unter dem Titel erscheinen wird: DEUTSCH-ARGENTINISCHE REMINISZENZEN,  Argentinische Politik  - deutsche [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Mit nachfolgendem Beitrag soll eine dreiteilige Serie als ein knapper Rückblick auf eine wichtige Periode argentinischer Geschichte begonnen werden, die sich im sogenannten cordobazo eindrücklich widerspiegelt. Mit der Veröffentlichung dieses wichtigen Paragraphen  der  jüngeren Geschichte Argentiniens  wird zugleich auf eine Publikation hingewiesen, die demnächst unter dem Titel erscheinen wird: DEUTSCH-ARGENTINISCHE REMINISZENZEN,  Argentinische Politik  - deutsche Diplomatie zu turbulenten Zeiten.</p>
<p><strong>Argentinien nach dem „cordobazo“</strong></p>
<p><img src="http://dressel.latinotopia.de/__oneclick_uploads/2009/04/dressel_argentina.jpg" vspace="8" width="246" align="left" height="388" hspace="8" />Die jüngere Geschichte Argentiniens begann - im Rahmen der nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs  einsetzenden Neuordnung vieler Völker, auch in Lateinamerika. Was Argentinien betrifft, könnte man das Jahr 1946, In welchem Juan Domingo Perón nach einer eher turbulenten Phase der Politik das Ruder des Staates übernahm, im Blick auf die kommende Entwicklung des Landes als einen wichtigen Markierungspunkt betrachten. Eine Generation später befand sich die Nation an der Schwelle zur blutigsten Diktatur, die das Volk in seiner unruhigen Geschichte jemals erlebt hatte. Politische Katastrophen brechen nicht wie ein zerstörendes Unwetter aus heiterem Himmel über ein Volk herein, sondern haben, wie wir wissen,  eine Vorgeschichte. Es gibt „Stationen der Geschichte“ wie wir sie hier einmal nennen wollen, welche die Richtung des Weges anzeigen, auf dem man sich befindet.  Eine solche Station waren die Ereignisse, die man heute als den cordobazo bezeichnet.</p>
<p>Zweifellos bezeichnete der cordobazo einen Wendepunkt der argentinischen Geschichte.  Auf den ersten Blick markierte er die historische  Phase von General Ongania zu General  Lanusse. De facto - könnte man dramatisierend sagen – symnolisierte er den  Umschwung von Perón zu Videla. Einer meiner koreanischen Freunde, der frühere Leiter der Korea Christian Academy, Dr. Won Yong Kang, schrieb einmal ein Buch unter dem Titel „Zwischen Tiger und Schlange“.  In seiner Predigt vom 15.Oktober 1971, dem Tag,  an dem in Südkorea das Kriegsrecht in Kraft trat, erinnerte Dr. Kang im Gottesdienst der Presbyterianischen Kirche von Seoul an die alte asiatische Fabel von einem Mann. der auf seinem Weg durch gefährliches Gelände von einem Tiger angegriffen worden war. Um der Bestie zu entrinnen, sprang der Mann in ein tiefes Brunnenloch. Zu seinem Glück konnte er sich am Ast eines verkrüppelten Baumes, der auf halber Höhe aus der Wand herausragte,  festklammern und so der Wut des Tigers entkommen, der oben vom Brunnenrand fauchend und mit drohend erhobener Pranke auf ihn hinunter starrte. Voller Angst ­blickte der Mann in die Tiefe und überlegte, ob er nicht sicherheitshalber hinabspringen sollte. Doch voller Schrecken sah er auf dem Boden des Brunnens den weit geöffneten Rachen einer großen, giftigen Schlange. Sie wartete nur darauf, ihn zu verschlingen. Eine verzweifelte Situation: oben der Tiger, unten die Schlange! An diese Geschichte mußte ich denken, als ich mich mit der Bedeutung des cordobazo für das argentinische Volk befaßte.</p>
<p>Der „cordobazo“ vom 29. Mai 1969 könnte durchaus als Spiegelbild der damaligen nationalen Situation Argentiniens betrachtet werden, jedenfalls bildete er den Auftakt zum „letzten Gefecht“ des „Peronismus“, der seit dem Sturz des Caudillos im Jahre 1955 mehr oder weniger in den Untergrund verdrängt worden war.  Zugleich kündigte er „ungestümes Wetter“ an, an dessen Ende die gnadenlose Unterdrückung aller bürgerlichen Rechte und Freiheiten durch die harte Hand einer barbarischen Diktatur stehen sollte.</p>
<p>Meine ersten persönlichen Eindrücke vom peronismo gehen auf das Jahr 1972 zurück, als mir bei einem Besuch in Buenos Aires eine Zahnmedizinerin und lutherische Pfarrfrau namens Mercedes vorgestellt wurde, eine sozial außerordentlich engagierte Patriotin. Einer Familie entstammend, die der Sozialpolitik Peróns selbst viel  zu verdanken hatte,  war sie ganz selbstverständlich Mitglied der „Peronistischen Jugend“ und später der Partei geworden - ein klassisches Beispiel, könnte man sagen, für die Jugend eines ganzen Volkes: Die jungen Leute hatten die Inklination zum Peronismus mit der Muttermilch eingesogen und von Kindesbeinen an den Glaubenssatz vernommen: que de Perón abajo todos eramos iguales  (abgesehen von Perón sind alle Menschen gleich), wie es Álvaro Abós in seiner politischen Autobiographie ausdrückte. Das gesamte Leben der Argentinier war von einem Peronismus mythischen Charakters und von einer politischen Kultur geprägt, in deren Mittelpunkt die „Ikone“ Perón stand. Zum Mythos Perón  trug maßgeblich auch Evita bei, die nach ihrem Tode sozusagen zur Heiligen des Landes erhoben worden war. So engagierte sich also  Mercedes in den 60er Jahren mit ganzem Herzen  in einem Kreis von Priestern für die Dritte Welt. Prof. Obermüller von ISEDET hatte sie gebeten, den Besucher in die argentinische „Realität“ einzuführen. In diesem Zusammenhang machte sie mich auch mit dem „Sozialzentrum Albert Schweitzer“ im Hafenviertel der Capitale bekannt. Der ganze Bau, eine einfache Baracke, war der Umgebung gut angepasst und war eher zu armselig und schmutzig als auch nur um ein Grad zu luxuriös ausgefallen. In diesem Zentrum wurde auch Volksschulunterricht gehalten. Die Kinder kamen aus einem Elendsviertel, das sich in der unmittelbaren Nachbarschaft gebildet hatte. Es gab auch einen kleinen Behandlungsraum für gynäkologische Untersuchungen. Die Kartei der Arztpraxis zeigte, dass es dort viele Klienten zu behandeln galt, gebührenfrei, versteht sich. Außerdem gab es  eine öffentliche Dusche, die für 1 Peso benutzt werden konnte; die meisten Leute hatten ja in ihrer schlichten Behausung kein fließendes Wasser und waren auf öffentliche Duschen angewiesen. Man beabsichtigte 1972 im Sozialzentrum einen zahnärztlichen Betreuungsdienst aufzubauen, verfügte jedoch nicht über die notwendige Einrichtung, besass weder einen Behandlungsstuhl noch irgendwelche Ausrüstung. Man wollte zunächst ein Team von (ehrenamtlichen) Zahnärzten bilden und sich dann an „Brot für die Welt“ wenden und um die Finanzierung eines Stuhles bitten. Ich hielt dies für eine sehr sinnvolle Investition und setzte mich dann in Deutschland für eine entsprechende Unterstützung ein.</p>
<p>In einem Brief vom 26.1.73 bedankte sich Mercedes für die Hilfe bei der Beschaffung eines gebrauchten Zahnarztstuhls für das Centro Médico Social Albert Schweitzer – wobei Dr. A. van Soest vom Deutschen Institut für Ärztliche Mission (Difäm) in Tübingen entscheidend mitgeholfen hatte – sowie für die Überweisung einer Geldspende und fügte eine Bemerkung über die politische Entwicklung in Argentinien bei: „Sie werden über die politische Situation in unserem Lande und über die infame Kampagne, welche die Regierung gegen die Volksbewegung, die durch die Nationale Befreiungsfront (eine Allianz zwischen dem Peronismus und anderen politischen Kräften)  repräsentiert wird, im Bilde sein.“ Álvaros Abós‘ Bemerkung:  „der Antiperonismus machte die Jugend zu Peronisten“ entspricht exakt der damaligen Realität.  „Als Führer der Jugend streben wir danach, das Glück des Menschen und die Größe des Vaterlandes und darüber hinaus die Einheit Lateinamerikas erfüllt zu sehen. Gegenwärtig spricht man von der Unterzeichnung des Friedensvertrages mit Vietnam, und es wäre wunderbar, wenn der Mensch damit begänne, sich Gott zu nähern, um den inneren Frieden, der in dieser Zeit so nötig ist, zu gewinnen&#8221;, hieß es weiter in Mercedes‘ Brief.</p>
<p>Vier Wochen später berichtete sie: &#8220;Ich arbeite politisch auf nationaler Ebene zusammen mit einer Gruppe junger  berufstätiger Frauen. Wir beschäftigen uns mit den Projekten, welche die Regierung der Justitialisten (Justitialistische Befreiungsfront) realisieren will. Auf Peróns Anordnung hin hat die Befreiungsfront als Kandidaten die Doktoren Cámpora für die Präsidentschaft und Solano Lima als Vize aufgestellt.“  Die Frente Nacional Justicialista bildete sich 1972 aus der Partei (Partido Justicialista) unter der Regie des in Madrid befindlichen Ex-Präsidenten Perón und seines in Argentinien agierenden Sachwalters, Héctor J. Cámpora.  Des weiteren zählte zu dem Bündnis die Bewegung für Integration und Entwicklung (MID) unter Anführung des Ex-Präsidenten Frondizi und Rogelios Frigerios; außerdem nahmen drei kleinere Parteien - Partido Conservador Popular unter der Führung von Vicente Solano Lima, der dann unter Cámpora als Vizepräsident agierte, und Partido Popular Cristiano unter  Oscar Allende, sowie die Unión del Pueblo Argentino (Udelpa) unter Horacio Sueldo y Héctor Sandler  - an der Frente teil. Diese Parteien trennten sich am Ende von der Frente Justicialista de Liberación (Frejuli), um die Alianza Popular Revolucionaria zu bilden. Bei der Wahl im März 1973 errang Frejuli satte 50% der Stimmen, während die APR  8% für sich zu verbuchen vermochte.</p>
<p>Mercedes fuhr in ihrem Brief vom Februar 73 fort: „Wir stellen fest, dass die geplanten Arbeitsprojekte vor allen Dingen die Kinder sowie die berufstätigen Frauen, einschließlich der Hausangestellten, im Blick haben. Es handelt sich um großartige Projekte, die jenen der einstigen Eva-Perón–Stiftung vergleichbar sind.&#8221; Die Fundación-Eva-Perón wurde während des ersten Mandats des Caudillos (1946-1952) gegründet und von der Präsidentengattin geleitet. Die Opposition hatte stets daran Anstoß genommen, dass sich das Stiftungsvermögen aus „Spenden“ speiste, die unter mildem Druck der Vorsitzenden eingegangen waren.</p>
<p>Am 26.3.73 schrieb Mercedes: „Ich nehme an, dass Sie durch die Presse über den totalen Triumph des Peronismus bei den Wahlen vom 11. März, dem Datum unserer Befreiung, informiert sind. Das Schwierigste steht nun erst bevor, nämlich die Etappe des Wiederaufbaus; unser Ziel ist der christliche nationale Sozialismus, den wir mit Gottes Hilfe erreichen werden.“ Der Enthusiasmus und die Euphorie jener Generation waren grenzenlos. Die Herzen der Studenten schlugen für die Ideale des Peronismus. Die gesamte Mittelklasse war peronistisch. Als 1973 der entscheidende Wahltag kam, war die gesamte argentinische Jugend voll „peronisiert“. Der Peronismus der Jugend und die guerrilla, die montoneros, waren so etwas wie der Schaum auf einer riesigen Woge des Peronismus, Schaum als der geräuschvollste Sektor, der von sich reden machte, ohne jedoch tatsächlich das Zentrum gewesen zu sein. „1960 war Perón für die Jugendlichen ein schlimmes Wort. Damals haben wir uns seinetwegen in unserer Einsamkeit und in unserem Unverstand gebalgt. Zehn Jahre später war er der Prophet der Revolution,“ erinnert sich Álvaro Abós. „Ein Komplex nationaler und internationaler Umstände hatte den Sinneswandel erzwungen. Die kubanische Revolution und die teoria foquista Che Guevaras hatten die Jugend des gesamten Kontinents radikalisiert.  Eine Welle jugendlichen Protests ging um die Welt: die chinesische Kulturrevolution, der Mai 68 in Paris, das II. Vatikanische Konzil, in dessen Gefolge in Lateinamerika die Theologie der Befreiung Wurzeln schlug, welche die Verantwortung einer Kirche des Volkes für die Armen auf ihre Fahnen schrieb, ein Impuls, der sich in der Bewegung der Priester für die Dritte Welt manifestierte“ - dies waren einige der nationalen und internationalen Faktoren, die dazu geführt hatten, dass praktisch die gesamte Jugend des Landes sich um Perón scharte.</p>
<p>Padre Carlos Múgica, einer der „Priester für die Dritte Welt“, sagte später im mexikanischen Exil von der argentinischen Jugend jener Jahre: „Wir haben tiefen Respekt vor den jungen Katholiken, die, in der Überzeugung, dass die friedlichen Möglichkeiten ausgeschöpft worden sind, den Weg der Waffen gewählt haben, dem Beispiel San Martíns und „Che“ Guevara folgend, und für die Befreiung ihrer Länder kämpfen &#8230; Wir respektieren zutiefst ihre Option, die dem Glauben an Christus entspringt.  Jesus Christus starb nicht im Bett, Jesus Christus starb am Kreuz, als Opfer einer Verschwörung der Autoritäten seiner Zeit, die ihn mit seiner Botschaft der Befreiung nicht zu ertragen vermochten. So glauben wir und sind  mit Gottes Hilfe und im Bewusstsein unserer Schwäche bereit, vorwärts zu gehen bis zur letzten Konsequenz.“ (El Caso Argentino, Hablan sus Protagonistas, México 1977)</p>
<p>Am 29.3.74 berichtete Mercedes: „Ich fand eine Anstellung im Privatbüro von General Perón … Bald darauf begann ich im Amt der Vizepräsidentin, Frau Perón zu arbeiten, stets im Bereich der Verwaltung, bis man meine Nominierung als Angehörige der Zahnmedizinischen Abteilung des „Instituts der Rentner und Pensionäre“, in dem ich jetzt tätig bin, bewirkte … Sie fragen mich nach der gegenwärtigen Situation des Landes … Die Lage hat sich in letzter Zeit wesentlich verbessert, die Zahl der Arbeitslosen geht täglich zurück, man errichtet in einem beschleunigten Tempo Wohnungen. Sie haben ja selbst beobachtet, welche Tragödie der Wohnungsmangel in ganz Lateinamerika ist … Es besteht ein Dreijahresplan der Regierung, der alle Aspekte berücksichtigt und der termingerecht erfüllt werden wird. Es ist nur zu bedauern, dass es Leute gibt, die, anstatt das Positive zu sehen, lediglich auf die Fehler blicken. Sowohl die Marxisten der Ultralinken als auch die Leute der Ultrarechten beschmutzen den Prozess. Anstatt den Frieden zu suchen, trachten sie nach Krieg … Ich bin davon überzeugt, dass uns die Doktrin des Generals Perón mit ihrer Vision vom „Dritten Weg&#8221; einen wichtigen Platz unter den Völkern der Dritten Welt sichern wird.&#8221;</p>
<p>In einem Gruß zum Jahreswechsel vom 17.1.77 antwortete Mercedes auf die besorgte Anfrage  des Vf. bezüglich ihres Ergehens noch vollkommen sorglos: „Ich kann Ihnen nur sagen, dass es keinen Anlass für Ihre Besorgnis gibt und dass es mir gut geht … Es ist mir gelungen, mein Leben wieder zu ordnen, ich habe mich verheiratet und habe noch einen dreijährigen Sohn und betrachte mich als sehr glücklich … und obwohl es noch nicht lange her ist, dass ich von der Kirche nichts mehr wissen wollte, hat mir die Lektüre Ihrer Botschaften in den Nachrichten des Ökumenischen Studienwerks in dieser konfliktreichen Zeit spirituell sehr geholfen.&#8221;</p>
<p>Es konnte nicht ausbleiben, dass Mercedes als eine Person, die im Privatsekretariat Peróns und der Vizepräsidentin etc. mitgearbeitet hatte, als Camporista denunziert und danach monatelang von Unbekannten telefonisch belästigt wurde. Im Februar 1977 setzte eine verstärkte Welle des Psychoterrors ein, bis hin zu dem Versuch, die einst besonders von Isabelita Perón Protegierte nach bewährtem Muster mit einem Pkw zu überfahren. Mehrere Kollegen aus dem „Ministério de Bien-Estar-Social“, in dem sie tätig war, waren in jenen Wochen ermordet aufgefunden worden. Mitte März kam es in der Hauptstadt zu einer umfassenden Verhaftungsaktion, der vor allem Angehörige des, vormals von López Rega geleiteten, Wohlfahrtsministeriums zum Opfer fielen. Der frühere Rektor der Nationalen Universität in Buenos Aires, Rodolfo Puiggrós, den ich später in seinem  Refugium in Mexico-City besuchte, hat von López Rega behauptet, er sei ein Mann des CIA gewesen. „Die Zentren der weltweiten Spionage hatten die Erfahrung mit Evita. Man mußte Perón eine Anti-Evita an die Seite stellen. Isabelita war schlicht und einfach ein Mittel, dessen sich López Rega bediente, um selbst in das Umfeld Peróns zu gelangen und unersetzbar zu werden. Während wir gegen die Militärdiktatur und für den Sozialismus kämpften, arrangierte sich López Rega mit der CIA und war zweifellos mit den Geheimdiensten des Imperialismus in Verbindung. So sieht die Wahrheit aus.&#8221; (Alejandro Dorrego, Victor Azurduy, El Caso Argentino, Hablan sus protagonistas, Editorial Prisma, S.A., Serie América Latina: Los actores, México 1977) In der letzten Märzwoche 1977 erschien Mercedes aus Angst um ihr Leben nicht mehr in ihrem Büro, sondern hielt sich bei Verwandten verborgen. Nach einem verzweifelten Hilferuf, der das ÖSW über einen USA-Reisenden erreichte, wurde der akut Gefährdeten die Einreise in die Bundesrepublik ermöglicht, wo sie Mitte April - ohne die Familie (die später nachkam) – eintraf.</p>
<p>Wie die junge Zahnärztin Mercedes waren  zur Zeit Peróns unzählige junge Leute zunächst entscheidend von der Religion, die ihr „soziales Gewissen“ geweckt hatte, motiviert und fanden sich am Ende in politischen - zum Teil militanten - Bewegungen wieder. So beschreibt es auch Teté Piñero, deren politischer Weg dem der idealistischen Zahnmedizinerin, einschließlich des endlichen Exils, weitgehend ähnlich ist: „Die Botschaft Paulo Freires hatte mein Leben verändert. Es begann nach dem Vaticanum II und nach Medellin, im Gebiet der alten jesuitischen Mission. Im Rahmen der katholischen Kirche hatte unser Engagement begonnen und wir waren nicht mehr weit von dem Augenblick entfernt, an dem wir post-konziliaren Katholiken unserer politischen Verantwortung gewahr wurden. In jenen Tagen lernte ich meinen Mann kennen und im Bewusstsein unseres religiösen und sozialen Auftrags verschrieben wir uns beide dem Kampf um Gerechtigkeit für jene, die immer nur die Brosamen vom Tisch der Herren bekommen hatten. Mein Mann fiel in die Hände der Repression und wurde ermordet. Sieben Monate später begab ich mich mit unserer dreijährigen Tochter ins Exil, ins Nirgendwohin, es hätte Bangkok oder Australien sein können, es war alles einerlei; doch ich landete in Paris und fand schließlich eine Bleibe in der Schweiz. Der Ökumenische Rat der Kirchen öffnete mir seine Tür, ich bekam dort eine Stelle und konnte an der Genfer Universität mein Studium fortsetzen.“</p>
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		<title>Brasilien: Kirchlicher Konservativismus versus Theologie der Befreiung</title>
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		<pubDate>Fri, 27 Feb 2009 14:20:35 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[Heinz F. Dressel
Was wir seit geraumer Zeit im Vatikan beobachten, nämlich einerseits die Rehabilitierung konzilfeindlicher Bischöfe und Kleriker, aber auf der anderen Seite die systematische Liquidierung der „Befreiungstheologie“, die ihre Wurzeln vor allem in Lateinamerika hat, zeichnete sich bereits seit ungefähr einem Vierteljahrhundert ab, insbesondere jedoch, seit Josef Ratzinger, der heutige Papst, im Jahre 1981 [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Heinz F. Dressel</p>
<p>Was wir seit geraumer Zeit im Vatikan beobachten, nämlich einerseits die Rehabilitierung konzilfeindlicher Bischöfe und Kleriker, aber auf der anderen Seite die systematische Liquidierung der „Befreiungstheologie“, die ihre Wurzeln vor allem in Lateinamerika hat, zeichnete sich bereits seit ungefähr einem Vierteljahrhundert ab, insbesondere jedoch, seit Josef Ratzinger, der heutige Papst, im Jahre 1981 das Kommando in der päpstlichen „Glaubenskongregation“ (einst als „Inquisition“ gefürchtet) übernommen hat.</p>
<p>Es ist ungemein aufschlussreich, die Geschichte des innerkirchlichen Wandels von „Medellin“ bis zum „Skandal Williamson“ einmal aus brasilianischer Perspektive zu registrieren.</p>
<p>Die katholische Kirche in Brasilien, die seit der Eroberung des Landes durch die Portugiesen mit der jeweiligen Regie­rung eng verbunden war, besann sich nach dem II. Vatikani­schen Konzil und der Konferenz von Medellin (1968) zunehmend auf ihre gesellschaftspolitischen Aufgaben. Je entschiedener sie sich auf die Seite der Armen stellte, desto größer wurde der Abstand zur Regierung. Der Platz des Priesters sei nicht mehr die Sakristei und Evangelisation bedeute in dieser Zeit, gegen Hunger, Krieg, Unterdrückung, Folter und die Aus­beutung des Menschen zu kämpfen, hieß es in einer Erklärung des Erzbischofs von São Paulo, D. Paulo Evaristo Arns.</p>
<p><img src="http://dressel.latinotopia.de/__oneclick_uploads/2009/02/aviso.JPG" vspace="8" width="264" align="left" height="368" hspace="8" />Einer solchen Position begegnete Widerspruch nicht nur seitens des Staates, sondern auch innerhalb der Kirche. Gemeinsamer Ausgangspunkt der Opponenten gegen eine Auffassung, wie D. Paulo sie vertrat, war die Überzeugung, dass die Kirche sich aus den Dingen dieser Welt herauszuhalten bzw. dieselben den dazu Berufenen zu überlassen habe. Für die Geschäfte der res publica sei die weltliche Macht zuständig, während es Aufgabe der Kirche sei, sich um die geistlichen Dinge zu kümmern. Das war auf beiden Seiten gut traditionell katholisch gedacht. Allerdings hinkten die Verteidiger einer absoluten Abstinenz der Kirche in Sachen rerum politicarum der Entwicklung, welche die Kirche seit den Tagen einer nahezu völligen Identität des Wollens und Handelns von Staat und Kirche, wie sie zu Zeiten der Monarchie ganz selbstverständlich gewesen war, beträchtlich hinterher. Das war u. a. an dem Engagement der Kirche im sozialen Bereich abzulesen.</p>
<p>Bereits in den 50er Jahren hatte die Kirche in Brasilien einige bedeut­same sozialreformerische Projekte begonnen, z. B. die „Be­wegung für Erwachsenenbildung“ (MEB) oder die „Agrar­front“. Besonderen Nachdruck legte sie auf die „Bewegung A, E, I, 0, U&#8221;, d. h., die Juventude Agrária, Estudantil In­dependente, Operária und Universitária (Landjugend, Schü­lerarbeit, Unabhängige Jugendarbeit, Arbeiterjugend und Studentische Jugend). Es waren vor allem die Kleriker in den Parochien der Diözesen, sei es auf dem Lande oder in den Industriegebieten und Universitäten der Metropolen, die in solchen Projekten der Kirche wirkten. Es gab für sie nicht den geringsten Zweifel darüber, dass sie an der fundamentalen Aufgabe der Kirche mitarbeiteten, das Heil zu verkünden, an jedem Ort und zu jeder Zeit. D. Paulo hatte dies einmal ganz nüchtern so ausgedrückt: „Die Kirche ist nicht von der Welt getrennt, sondern sie lebt darin.“ Weil dem so sei, müsse jedes Bemühen um die innere Erneuerung der Kirche scheitern, wenn es ihr nicht erlaubt sei, sich mit verstärktem Engagement auf die Straßen der Welt zu begeben, um dort die ihr aufgetragene Gute Nachricht zu verkünden. Die modernen sozialreformerischen Projekte waren Früchte solcher ekklesiologischer Überlegungen. Zunächst fügten sie sich fast nahtlos in die Entwicklungsmaßnahmen der Regierung ein. So­gleich nach der Revolution vom 31. März 1964 jedoch waren die einschlägigen Organisationen einer harten staatlichen Unterdrückung ausgesetzt, die zunächst vorwiegend auf die Einschüchterung von Laienmitarbeitern zielte. Die Bischöfe verurteilten diese Unterdrückung katholischer Gruppen bereits auf ihrer ersten Konferenz nach dem Putsch der Militärs aufs schärfste. Bis zum Ausbruch der Studentenunruhen 1968, die zeitlich mit dem Beginn militanter Aktionen marxistischer Gruppen zusammenfielen, kam es dann zu einer Art von Burgfrieden zwischen Staat und Kirche.</p>
<p>Generell muss leider gesagt werden, dass die Kirche insgesamt, jedenfalls die große Mehrheit der katholischen Kirche, bzw, die „hierarchische Kirche“, wie manche zu sagen pflegen, die traditionelle Position der Unter­stützung der etablierten und konstituierten Macht, und im speziellen Fall ei­ner Macht, die sich 1964 im Lande einrichtete und von welcher Willkürakte und Missachtung der grundlegenden Bürgerrechte ausgingen, im Prinzip nicht verlassen hatte.</p>
<p>Der ehemalige Priester Pedro Mansueto de Lavor, Generalsekretär der PMDB-Pernambuco, sagte mir im Januar 1981 wörtlich: „Es gibt überhaupt keinen Zweifel, dass die Kirche das Regime unterstützt hat. Die Kirche kann dies nicht leug­nen, es gibt überhaupt keine Möglichkeit, dies zu leugnen. Damals gab es noch jene antikommunistische Abscheu innerhalb der Kirche, die so tat, als ob der Kommunismus das große Übel für Brasilien gewesen wäre, als ob es keinerlei andere Übel gegeben hätte und als ob es die Aufgabe der Kirche gewesen wäre, den Kommunismus zu bekämpfen. Die katholische Kirche hielt es in jener Zeit für ihre Aufgabe, die Rettung der Seele zu predigen, wobei oft die leiblichen und zeitlichen Probleme des Volkes übersehen worden sind, und darüber hinaus galt es, den Kommunismus als das große Übel, das wilde Tier der modernen Welt, zu bekämpfen. Nun gut, mit der Zeit ließ aber das Regime, das sich etabliert hatte, erkennen, dass es an der Macht zu bleiben gedachte, dass es sich nicht einfach um eine militärische Bewegung zur Wiederherstellung der Ord­nung gehandelt habe, und dass die Militärchefs nicht zu den Aufgaben zurückzukehren gedachten, welche die Verfassung für sie vorgesehen hatte. Die Aufgabe der Militärs ist nicht jene, die diese vor 16 Jahren übernommen haben. Sie sind jedoch geblieben, als ob sie Brasiliens Lehrmeister wären. Sie meinen dies noch heute, obwohl sie inzwischen die Zu­stimmung des Volkes und der Kirche nicht mehr besitzen. Sie sind sozusagen isoliert, aber sie halten sich durch die Magie ihrer Gesetzgebung, die sie mit Hilfe einer unterwürfi­gen Minderheit im Kongress betreiben, an der Macht.“</p>
<p>Die Darstellung der Situation durch den Ex-Priester unterscheidet sich übrigens in keiner Weise von der Sicht des Erzbischofs D. Paulo Evaristo Arns, der 1978 auf die Frage, wie der Staat die Sorge der Kirche um den Menschen ansehe, antwortete: „Der brasilianische Staat wünscht ein westlicher und zugleich christlicher Staat zu sein, gänzlich auf einen einzigen Feind fixiert, den Kommunismus. Die Kirche hat für ihn praktisch ein Instrument zu sein, über welches der Staat verfügt. Von daher kann man sich vorstellen, dass unser ganzer Einsatz, sowohl zur Verteidigung der Schwachen und Armen im Kampf um die Eroberung des Inneren Brasiliens, in den neuen Ländereien in Mato Grosso und Amazonien, als auch zur Verteidigung der Armen in den Städten, zur Verteidigung der politischen Gefangenen und all derer, die der Hilfe bedürfen, üblicherweise als subversives Handeln angesehen wird. Die Geschichte vom Eindringen des Kommunismus in die Reihen des Klerus ist etwas, was man Tag für Tag hören kann und die Beschuldigungen verbieten uns oft zu handeln. Übrigens hat die Kirche selbst unter dem Volk die Vorstellung verbreitet, dass der Kommunismus vom Teufel sei. Jemanden einen Kommunisten zu nennen bedeutete für das Volk, ihn als teuflisch zu bezeichnen.“</p>
<p>Pedro Mansueto de Lavor wurde in seiner Antwort auf meine Frage nach der Position der Kirche während der Militärdiktatur noch deutlicher: „Im Verlauf der Zeit und angesichts einer Situation der Willkür, die das Regime entweder verschleiert oder ganz offen herbei­geführt hatte, mit all den Verhaftungen und vor allen Dingen mit der Folterpraxis, und als schließlich auch Priester ver­haftet, Bischöfe verfolgt und ihre Laien ermordet wurden, ist die Kirche sich langsam dessen bewusst geworden, dass das große Übel Brasiliens nicht nur der Kommunismus ist, sondern auch die Armut, der Hunger und das Elend, die während dieses Willkürregimes zugenommen haben, und dies bedeutete doch schließlich, dass sich durch die Revolution nichts geändert hatte. Diejenigen, die vor 1964 die Macht besassen, sind auch danach an der Macht geblieben, während das Volk weiterhin an den Rand gedrängt blieb, die Armut zunahm und die ganze Lage sich nur noch verschlimmerte. Das heißt: Die Konzentration des Einkommens­in den Händen Weniger nahm ausgesprochenermaßen zu; gleichzeitig war die Beherrschung des Landes durch das Ausland ­sehr viel stärker ausgeprägt als zuvor. Die Kirche begann sich nun darüber Gedanken zumachen und begriff, was Kardinal Aloisio Lorscheider, der zweimal Präsident der Na­tionalen Bischofskonferenz gewesen ist, gesagt hat, dass nämlich dieses Regime anti-evangelisch und sündhaft sei. Dies ist zweifellos ein starkes Wort, aber auch wiederum nicht, denn die Herrschenden missachten in der Tat die Men­schenrechte etc. Früher waren diejenigen, die gegen das Militärregime eingestellt waren, die Isolierten und bildeten die Ausnahme. Heute sind dieje­nigen, die das Militärregime stützen, die Ausnahme und die Isolierten. Da ist D. Scherer dort unten im Süden. Gute Unterstützung gibt auch der Bischof von Viana in Maranhão, der alle naselang Medaillen vom Heer verliehen bekommt, und vielleicht D. Alberto dort oben in Pará, manchmal auch D. Ilton, der sehr diplomatisch ist usw&#8230; Die Brasilianische Bischofskonferenz als solche jedoch und die Mehrheit der Kir­che in der Person ihrer Vertreter und auch die Leute aus den Basisgemeinden, welche die Wirklichkeit des kirchlichen Le­bens von der Wurzel her kennen, sind gegen das Regime. Dies bedeutet allerdings nicht, dass sie sich in einer der politi­schen Parteien engagierten. Man sagt zwar, die Kirche habe angesichts der Zersplitterung der politischen Parteien ihre Sympathien für die alte Brasilianische Demokratische Bewe­gung (MDB) aufgegeben und diese heute der Arbeiterpartei (PT) zugewandt, aber das entspricht bestimmt nicht der Wahrheit.“</p>
<p>Seit der Präsidentschaft Costa e Silvas im März 1967 war der Kirche mehr und mehr die Rolle des moralischen Wächteramtes zugefallen, da es im öffentlichen Bereich infolge der Aufhebung bestimmter Bürgerrechte und des Inkrafttretens von Ausnahmegesetzen keine unabhängige Justiz, keine wirk­liche parlamentarische Opposition, keine autonomen Gewerk­schaften und keine freie Presse mehr gab. Die Kirche verfügte über eine bis ins letzte Dorf reichende Infrastruktur im gan­zen Land und für ihre Gottesdienste, sozialen Programme und pastoralen Verlautbarungen usw. über einen verhältnis­mäßig weitgestreckten Freiraum. Damit wurde sie zur wichtig­sten moralischen Instanz im Lande, deren Stimme intern und extern eine ge­wisse Beachtung fand. Dabei spielten, im Unterschied zur katholischen Kirche in Argentinien, die ihr rigoroser Antikommunismus angesichts der unsäglichen Gräuel des Regimes der Generäle hatte blind werden lassen, in Brasilien selbst so namhafte Repräsentanten des Episkopats wie Kardinal D. Eugenio Sales, der zu den markanten Vertretern einer eher konservativen Linie gehörte, oft eine wichtige Rolle. Obgleich entschiedener Gegner der „Theologie der Befreiung“, wusste er seinen guten Draht zu mächtigen Militärs wie General Frota zu nutzen, wenn es darum ging, Unmenschlichkeiten gegen politische Gefangene anzuzeigen. Damit befand er sich voll im Kontext der CNBB und der gesamten brasilianischen Kirche, deren Devise es war, den Dialog mit den Mächtigen zu pflegen, um Menschen zu retten, wo dies möglich war. So hatte D. Eugenio z.B. in den Tagen einer brutalen Jagd auf Kommunisten in einem offiziellen Schreiben an die Sicherheitsbehörde auf die Wichtigkeit der Auffindung einer Gruppe von Gefangenen, die „verschwunden“ sei, hingewiesen. Dies würde die Absicht der Regierung, die Menschenrechte zu achten, unter Beweis stellen. (O GLOBO, 3.3.2008)</p>
<p>„Die Kirche ist die einzige brasilianische Institution, die nicht in Verruf geraten ist und die bei der Bevölkerung Kre­dit genießt.“ Im Oktober 1967 verbreiteten 300 Priester in der Tagespresse den „Brief von Belo Horizonte“, ein Wort zur Stellung der Kirche angesichts des sozialen Elends, auf das der Innenminister Albuquerque Lima sehr gereizt reagierte. Er sprach ironisch von den „Priestern und Bischöfen der feiernden Linken“. In Volta Redonda, einem ständig von sozialen Krisen erschütterten Gebiet, kam es zur Verhaftung einiger Priester und Diakone. Die Erzbischöfe von São Paulo bzw. Belo Horizonte quit­tierten die staatlichen Unterdrückungsmaßnahmen durch ihr Fernbleiben bei der Ehrung des Präsidenten Costa e Silva im Oktober bzw. Dezember 1968.</p>
<p>Von nun an machte die staatliche Unterdrückung auch vor dem Klerus nicht mehr Halt. In etwa drei Jahren hatte man nicht weniger als 29 Priester verhaftet und vor Gericht gestellt. Im Mai 1969 geschah in Recife der Mord an dem Priester und Soziologieprofessor Antônio Henrique Pereira Neto. Das Militärgericht in Juiz de Fora klagte 1973 gleich 38 Priester des Umsturzes an. Schließlich wurden selbst Bischöfe bedroht, kirchliche Institute, wie das Instituto Brasileiro de Desenvol­vimento (IBRADES) in Rio, besetzt und der damalige Gene­ralsekretär der CNBB, Kardinal Aloisio Lor­scheider, verhaftet. Die Bischöfe Hélder Câmara von Recife, Fragoso von Cratéus, Paulo Evaristo Arns von São Paulo und andere gerieten immer stärker in die Schusslinie des Militärs. D. Paulo hatte wiederholt schriftliche Todesdrohungen erhalten. Er befand sich stets in Lebensgefahr. Die Militärs hatten einen „Unfall“ geplant, um sich dieses „gefährlichen Elements“ zu entledigen. D. Hélder wurde buchstäblich beschossen: fünfmal drangen Kugeln in seine Residenz ein. Ich habe die Einschusslöcher bei einem späteren Besuch noch sehen können.</p>
<p>Im Oktober 1970 wandte sich auch die Evangelische Kirche Lutherischen Bekenntnisses in Brasilien (EKLBB) mit einem „Manifest“ an den damaligen Präsidenten Emílio Garrastazú Médici, in dem auf „unmenschliche Praktiken, vor allem im Zusammenhang mit der Behandlung politischer Gefangener“, hingewiesen wurde. Unter anderem hieß es in diesem Mani­fest: „Auch in Ausnahmesituationen sind Verhaltensweisen, welche die Menschenrechte verletzen, nicht zu rechtfertigen.“</p>
<p>Das gespannte Klima im Verhältnis Kirche und Staat wäh­rend der Regierung Médici ließ sich auch aus einem 1973 von Erzbischof Fernando Gomes, Mato Grosso, veröffentlichten Hirtenbrief ablesen: „Es herrscht ein Regime der Gewalt, in dem alle überwacht und in den Archiven des Schreckens registriert sind.“ Dem vom Regime geför­derten Antikommunismus stehe ein Totalitarismus gegenüber, „der die Methoden eines kommunistischen Regimes über­nahm“. Alles werde als umstürzlerisch betrachtet, „was den unantastbaren Zielen des Regimes entgegensteht, die zu erreichen ihm alle Mittel, auch die infamsten, recht sind“.</p>
<p>Zur Charakterisierung des „Klimas“ im Verhältnis Staat - Kirche ist folgender Vorfall äußerst aufschlussreich: Präsident Médici hatte D. Paulo im Verlauf einer Audienz einmal angefahren, er „verteidige Banditen, die Unschuldige umbrächten, Botschafterentführer, die Minister bedrohten.“ Sein Platz sei „in der Sakristei“, (ähnlich wie es auch im Jahre 2007 der Präsident von Paraguay einem dortigen Bischof gegenüber formulierte, als er voller Zorn erklärte que no se meten en política - die Priester sollten sich gefälligst nicht in die Politik einmischen. (Inzwischen wurde jener einstige Bischof - Lugo - am 20.4.2008 - mit großer Mehrheit zum Präsidenten von Paraguay gewählt!) In Argentinien hatte zu Zeiten des Peronismus die „Bewegung der Priester der Dritten Welt“ von sich reden gemacht, bis die meisten jener „Priester für den Sozialismus“, wie sie sich anderorts auch nannten, sich mit dem Aufkommen der Militärdiktatur der stock-konservativen hierarchischen Kirche „beugten“ oder, sofern es ihnen nicht gelungen war, das Land rechtzeitig zu verlassen, im Kerker sassen und dann die Zahl der „Verschwundenen“ vergrößerten. In Brasilien hatten die Padres die Geborgenheit der Sakristei verlassen und waren auf die Straßen oder auf die Felder gegangen, um den Menschen in ihrem Umfeld nahe zu sein und beizustehen. Die Zeiten, zu denen die Kirche als Stütze der Mächtigen - im „Mikro- und Makrokosmos“ des riesigen Landes - gewirkt hatte und für Ordnung sorgte - vom Sklavenhaus bis zum Herrenhaus - und in denen der Padre gleichsam als Agent des Staates unter den Menschen wirkte, waren vorbei, offenbar ohne dass dies auch alle bereits bemerkt hatten. Der traditionelle Pfarrherr, der - zurückgezogen in seinem Haus oder in der Sakristei - die Sakramente verwaltet, und der nur zur Messe und in besonderen feierlichen Momenten des Lebens seiner Schäfchen in Erscheinung trat - Geburt und Grab, dazwischen die Trauung - diese Spezies von Priestern, die Ivan Illich in seinem Buch The vanishing clergymen beschrieben hatte, gehörte der Geschichte an.</p>
<p>Als Ernesto Geisel für die Präsidentschaft nominiert wurde, setzte man im ganzen Land große Erwartungen auf eine bal­dige allgemeine Entspannung. In der EKLB setzte man auf den deutschstämmigen Präsidenten, der eine evangelische Er­ziehung genossen hatte, besondere Hoffnung. „Wenn nun zum ersten Mal einem Lutheraner eine solche Verantwortung übertragen wird“, hieß es in einer Erklärung der EKLB, „müssen wir ihm etwas sagen (und wir hoffen, dass er es versteht) von unserer tiefen Sorge um die Mehr­heit des brasilianischen Volkes, von seinem Streben nach Frie­den, von seinen materiellen Bedürfnissen nach Arbeit, nach Schulbildung, nach Lebensunterhalt, kurz: nach einem men­schenwürdigen Leben.“</p>
<p>Auch die Bischöfe des Staates São Paulo meldeten sich erneut exemplarisch zu Wort. Auf ihrer Versammlung vom 27. - 30.10.1975 verabschiedeten sie unter dem Titel Não Oprimas Teu Irmão - Du sollst Deinen Bruder nicht unterdrücken - eine Erklärung. Aber auch die CNBB sah sich gezwungen, am 17.2.1977 einen Brief an die Diözesen zu richten, in dem es um die Exigências Cristãs de uma Ordem Política - Christliche Forderungen nach einer Politischen Ordnung - ging.</p>
<p>Die auf eine Politik der Entspannung gerichtete Hoffnung der Brasilianer erfüllte sich erst einmal nicht - abgesehen von einigen bescheidenen Anzeichen einer gewissen Liberalisierung - zumindest bis Ende 1976 nicht. Die ständige Verletzung von Menschenrechten hielt an. Die soziale Ungerechtigkeit hatte sich nicht verringert, sondern war infolge der Wirtschaftskrise nur noch spürbarer geworden.</p>
<p>Dementsprechend nahm in der Bevölkerung der Unmut gegenüber den Militärs zu, und auch im Klerus fand diese Stimmung ihren spezifischen Widerhall. Die Repression ließ nicht auf sich warten. In diese Atmosphäre war auch der nordamerikanische Missionar der United Methodist Church, Fred Birten Morris, hineingeraten, als er in Recife zu wirken begann. 1974 wurde er dort unter falschem Verdacht von Sicherheitskräften gekidnappt und in der Gefangenschaft schwer mißhandelt, bis man ihn aufgrund eines Ausweisungsdekrets der Regierung Geisel abschob. Sein „Verbrechen“ war das christliche Engagement zugunsten der Miserablen und Ausgeschlossenen gewesen.</p>
<p>Die Kirche hatte sich in all diesen Jahren unbeirrt mahnend und anklagend zu Wort gemeldet. Es gab ungezählte Er­klärungen und Proteste der katholischen Kirche wie der ver­schiedenen evangelischen Kirchen, in denen zu Menschen- und Bürgerrechtsfragen, zum Bodenrecht, zum Indianerpro­blem, zu Eingriffen in die kirchliche Arbeit usw. klar Stel­lung bezogen wurde. Ein Beispiel dafür ist der „Fall“ des im Gewahrsam der Militärs ermordeten Fernsehjournalisten Vladimir Herzog, der, wie manche es sahen, die Geschichte Brasiliens veränderte.</p>
<p>Im September 1977 drohte die Ausweisung des Bischofs Casaldáliga. Aus diesem Anlass veröffentlichte die Päpstliche Kommission für Gerechtigkeit und Frieden zusammen mit 19 anderen Organisationen am 18. 9. ein Manifest „Für Gerechtigkeit und Befreiung“, das in seiner Weise einen Eindruck vom systematischen Vorgehen rechts-radikaler Orga­nisationen und der Regierung gegen die Kirche zeugte, indem es die seit 1964 ausgewiesenen Pfarrer und Ordensleute auf­zählte: 1964 war Pfarrer Francisco Lage, Belo Horizonte, zu 28 Jahren Haft verurteilt worden. Es gelang ihm, in der mexika­nischen Botschaft Asyl zu finden und das Land zu verlassen. 1966 hatte man den amerikanischen Pastor Brady Tyson ausge­wiesen, 1967 den französischen Diakon Guy Thibault, 1968 den französischen Priester Pierre Wauthier, 1969 den belgischen Pater Jan Honoré Talpe. 1970 wurde Schwester Maurina Borges verhaftet und nach Mexiko verbannt, 1971 der Domi­nikanerbruder Tito de Alencar Lima nach Chile. Ebenfalls 1971 wurde der italienische Pfarrer José Pedandola ausge­wiesen. 1972 verweigerte man Pater José Comblin, dem bel­gischen Professor und Mitarbeiter Hélder Câmaras am Theo­logischen Institut von Recife (ITER), das Recht auf Wiedereinreise nach Brasilien. 1974 wurde der 1964 von der nordamerikanischen Mutterkirche nach Brasilien entsandte methodistische Pastor Frederick Birten Morris von Sicherheitskräften entführt, inhaftiert und gefoltert, bis man ihn aufgrund eines Ausweisungsdekrets der Regierung Geisel abschob. Erst 1988 hob man das über ihn verhängte Wiedereinreiseverbot auf. 1975 wurde der französische Priester Francisco Jentel ausgewiesen. Er hatte sich in Mato Grosso für Kleinlandwirte, die von der Vertreibung durch einen landwirtschaftlichen Großkonzern bedroht waren, eingesetzt. Das Oberste Militärgericht verurteilte ihn daraufhin 1973 wegen seiner „subversiven Haltung“ zu 10 Jahren Gefängnis. Obwohl er später von allem Verdacht freigesprochen worden war, wurde 1976 das Ausweisungsdekret gegen den italienischen Pater Giuseppe Fontanella verkündet.</p>
<p>Auch im Jahr des Reformkurses, 1978, hatte sich das Klima nicht wesentlich verändert. Im Juli hatte D. Paulo Evaristo Arns schriftliche Todesdrohun­gen erhalten. Der Erzbischof von Paraíba, D. Jost Maria Pires, übergab der Presse einen Brief, in dem er mitteilte, dass die Entführung eines seiner Mitarbeiter für Fragen der Menschenrechte, des Rechtsanwalts Vanderly Caixe, sowie des stellvertretenden Erzbischofs D. Marcelo Cavalheira, der sich besonders für die Rechte der Landarbeiter eingesetzt hatte, geplant sei. Bischof D. Jost Brandão de Castro, Propriá, informierte die Bundespolizei über Todesdrohungen, die er und seine Mitarbeiter erhalten hätten, und bat um Sicherheits­garantien. Dennoch sprachen hohe Kirchenmänner wie Kardinal Arns lieber von „Meinungsverschiedenheiten in Bezug auf die Menschenrechte“ als von einem „Konflikt zwischen Kirche und Staat“. Wenn schon Konflikt, dann in umgekehrter Reihenfolge: Staat und Kirche.</p>
<p>Tatsache ist, dass die Christen Lateinamerikas immer stärker auf die Teilnahme ihrer jeweiligen Kirche an der politischen Diskussion drängten. So hatte sich im Oktober 1978 die 11. Kirchenver­sammlung der EKLB in Florianópolis ausdrücklich dafür ausgesprochen, dass die Lutheraner endlich aufhören müßten, „eine Kirche des Schweigens“ zu sein, und dass jeder Christ sich mit politischen Angelegenheiten zu befassen habe.“ Was eine Auseinandersetzung des Staates mit einer politisch herangereiften neuen Christenheit in Lateinamerika für die Kirche zu jenen Zeiten de facto bedeutete, hatte Bischof Pedro Casaldálgia so ausge­drückt: „Unsere Kirche ist wieder die Kirche der Kata­komben.“</p>
<p>Zur Zeit der „Öffnung“ begannen sich, nicht anders als auf dem Felde der großen Politik, auch in der Kirche die Koordinaten zu verändern und es schien so, als ob das Pendel nun wieder nach rechts ausschlagen würde. Primär religiöse Aspekte traten mehr und mehr an die Stelle des sozialen Engagements der Priester. Einen gewissen Reflex dieser veränderten Situation bildet ein kurzer Blick auf ein Interview das der Journalist Edson Luiz mit dem als „progressiv“ geltenden Bischof von Pelotas-RS, D. Jayme Chemello, Vizepräsident der CNBB (ZH 18.5.95) im Anschluss an die Zusammenkunft der brasilianischen Bischöfe in Itaici-SP führte und in dem er bekräftigte, die Kirche werde auch künftighin auf der Seite der Ausgeschlossenen verbleiben. Die Mehrheit de Episkopats hatte sich bei einer Neuwahl des Leitungsgremiums der CNBB soeben den als konservativ geltenden Erzbischof von Salvador, D. Lucas Moreira Neves, als ihren neuen Vorsitzenden gewählt. Dieser hatte bei der Wahl am 15. Mai 1995 145 Stimmen erhalten, 33 Stimmen mehr als sein Gegenkandidat, D. Jayme, für den sich lediglich112 Bischöfe ausgesprochen hatten. Auf die Frage des Journalisten, ob die Kirche nun den Nachdruck anstelle des sozialen Engagements auf die Evangelisation legen werde, antwortete der neue Vizepräsident der CNBB: „Die Kirche wird sich nicht vom Volk entfernen. Die Bischöfe wissen, dass die soziale Frage vom Papst verteidigt wird.“ Im übrigen gelte: „Wer sich um die Armen und um die Menschenrechte kümmert, betreibt Evangelisation.“ Sich um das brasilianische Volk zu kümmern sei wichtiger als die Sorge um Petroleum, fügte D. Jayme hinzu. Er wusste auch, dass letzten Endes die Pfarrer an der „Frontlinie“ des Kampfes um mehr Gerechtigkeit den Ausschlag gaben und nicht die Bischöfe.</p>
<p>De facto befanden sich die von der „Theologie der Befreiung“ geprägten sog. „progressiven“ Kräfte mittlerweile in der Minderheit. Hatten sie in den 70er Jahren noch knapp zwei Drittel der Diözesen und Erzdiözesen ausgemacht, so waren es eine Generation danach - 1995 - nur noch etwa ein Viertel von ihnen. Dies hing zweifellos mit einer Richtungsänderung der vom Vatikan vertretenen Politik zusammen. Überall, und man konnte dies besonders deutlich im Erzbistum von Olinda und Recife beobachten, wurden in die zuvor von Vertretern der Igreja Progressista besetzten Parochien und Bistümer systematisch „Konservative“ berufen. Ein bezeichnendes Beispiel für eine solche Strategie war die Suspension des Padre Reginaldo Veloso und Entfernung aus seiner Gemeinde Morro da Conceição durch den Nachfolger D. Hélders, Erzbischof D. José Cardoso. Der Priester hatte in einer Problemzone der Stadt zusammen mit den Bewohnern des Viertels, mit einer NGO , dem Staat und einer Gruppe von Freiwilligen aus Recife ein vorbildliches Sozialwerk aufgebaut. Es gab einen funktionierenden Einwohnerrat, eine Kinderkrippe, mehrere Schulen, einschließlich berufsfördernder Kurse, Gesundheitsberatung, Physiotherapie, Musik- und Tanzunterricht und sogar ein Zentrum zur Betreuung und Förderung körperlich und geistig behinderter Kinder. Trotz aller Proteste der Gemeinde mußte Padre Reginaldo gehen. Und dies war kein Einzelfall im Erzbistum.</p>
<p>Den Höhepunkt der erzbischöflichen Intoleranz bildete die Maßregelung des weit über seine Pfarrei - Casa Forte/Recife - hochgeachteten Pfarrers Edvaldo Gomes, der im September 2007 seitens der römischen Glaubenskongregation wegen eines Verstoßes gegen den Codex Iuris Canonici nach 36jährigem segensreichen Wirkens in der historischen Pfarrei - kurz vor seinem Eintritt in den Ruhestand - für drei Monate von seinen priesterlichen Amtspflichten suspendiert und dazu verurteilt wurde. seiner Parochie für 3 Monate fernzubleiben. Padre „Edivaldo“, wie ihn alle nannten, überbrücke das vom Erzbischöflichen Sekretariat verkündete befristete Berufsverbot durch einen „retiro espiritual“ - übersetzen wir dies hier einmal „mit einem geistlichen Rückzug (!)“ Das Motiv der bischöflichen Anklage und der folgenden Bestrafung durch die Glaubenskongregation bildete die menschenfreundliche ökumenische Weitherzigkeit des allseits verehrten Priesters. Zur Zelebration seines 50. Priesterjubiläums hatte er auch zwei Vertreter der Anglikanischen Gemeinde eingeladen. Ihr Mitwirken bei der feierliche Messe bildete einen verstoß gegen Canon 908 des Codex Iuris Canonici. Padre Edvaldo bekräftigte, wie in der kirchlichen Presse berichtet wurde, in aller Demut seine Liebe und Treue zur Heiligen Kirche, der er sein Leben geopfert hatte. Es spricht Bände, dass sogar die Abgeordnetenkammer des Staates Pernambuco gegen die Maßregelung dieses Geistlichen protestierte. Pe. Edvaldo hatte, um nur dieses Detail zu erwähnen, auf Wunsch der Angehörigen die kirchliche Bestattung des früheren Gouverneurs Miguel Arraes vorgenommen.</p>
<p>Ich durfte die ökumenische Offenheit Pe. Edvaldos vor Jahren persönlich erfahren: Am Samstag, dem 12. Februar 2000 gegen 16.00 Uhr vollzog ich in der Kirche von Casa Forte die Taufe unserer Enkeltochter Tainá. Ein paar Tage zuvor hatte ich den katholischen Kollegen in seinem Büro aufgesucht, um ihn zu bitten, mir bei der bereits zuvor angemeldeten Taufhandlung zu erlauben, als der Opa aus Deutschland ein paar Worte zu sagen. Als ich im Verlauf unseres Gesprächs erfuhr, Padre Edivaldo sei ein guter Freund und Verehrer Dom Hélders gewesen, erzählte ich ihm die Geschichte der Soziologiestudentin Maria do Socorro de Magalhães. Auf Bitten von D. Hélder Câmara hatte ich mich zu Anfang der 70er Jahre dafür eingesetzt, dass Nina, wie wir sie nannten, unter der Protektion der Evangelischen Kirche in Deutschland das Land verlassen und in der Bundesrepublik Deutschland weiter studieren durfte. Sie hatte an der UFPe studiert und daneben zur Sicherung ihres Lebensunterhalts an drei Schulen unterrichtet. Im Zusammenhang mit der Semana Nacional de Sociologia in Belo Horizonte während des 1. Semesters des Jahres 1972 hatte die Bundespolizei Nina zusammen mit einigen Kommilitonen verhaftet und mit verbundenen Augen misshandelt, interrogiert, der Folter unterzogen, indem man ihr befahl, sich nackt und mit am ganzen Körper befestigten elektrischen Drähten auf den nassen Fußboden zu legen. Zweimal täglich wurde sie einer solchen Prozedur ausgesetzt. Die Polizei versuchte vor allem, von Nina Informationen über den Verbleib ihrer Schwester zu erhalten, deren Name auf der Fahndungsliste des Sicherheitsdienstes stand. Nach etwa einem Monat wurde Nina schließlich entlassen. Als man sie entließ, wog sie nur noch 37 kg. Da man ihr nicht gestattete, die Wohnung, die sie gemeinsam mit ihrer Schwester, die flüchtig war, gemietet hatte, zu betreten, brachte sie de erste Nacht nach ihrer Freilassung im Treppenhaus zu. Es gelang ihr, sich mit Hilfe von Freunden so gut wie möglich durchzuschlagen. Im Instituto de Teologia von Recife (ITER), das D. Hélder besonders am Herzen lag, fand sie den Rückhalt, dessen sie damals bedurfte. Die postalische Korrespondenz in Ninas Angelegenheiten musste über Albrecht Baeske, seinerzeit Gemeindepfarrer der EKLB in Recife, laufen, da Nina aus Sicherheitsgründen keine Adresse mehr besass. Ich erinnere mich, dass ich ein paar Jahre später Ninas Schwester, deren Name auf der Fahndungsliste des SNI stand, „im Untergrund“, das hieß in diesem Fall konkret in einem etwas abgelegenen Stadtteil von Porto Alegre-RS, besuchte, um ihr Grüße der Schwester aus Deutschland zu übermitteln. Im Gespräch mit dem Padre gab ich dann noch eine wunderhübsche Anekdote zum besten, die mir D. Hélder einmal erzählt hatte: die estória von der doutora und dem Fischer, dessen Ratschlag am Ende eines Gesprächs mit jener jungen Soziologin aus Rio de Janeiro gelautet hatte: Temos que trocar a nossa ignorância - wir müssen unsere Unwissenheit austauschen! Nachdem ich diese Anekdote erzählt hatte, wurde ich ohne langes Federlesen eingeladen, die Taufhandlung zu übernehmen. Eine erstaunliche Offenheit! Der batismo der kleinen Tainá in der Igreja de Casa Forte war für 17.00 Uhr - im Anschluss an eine Messe für Familien - angesetzt. Pe. Edvaldo hatte mich nach der vorangehenden Messe der Gemeinde vorgestellt und angekündigt, dass der anwesende Pastor luterano da Alemanha nun sein Enkelkind taufen werde. Die ganze Gemeinde klatschte Beifall. Anstatt, wie zuvor besprochen, an der Kasualie mitzuwirken, sagte mir Pe. Edvaldo in der Sakristei, es sei nicht sehr sinnvoll, wenn er während der Taufe auch zugegen wäre, ich solle die Amtshandlung allein vollziehen und zwar ganz genau so, wie es in meiner Gemeinde üblich sei. - Sieben Jahre später wurde dieser Mann, ein weltoffener Priester mit Leib und Seele, wegen seiner ökumenischen Aufgeschlossenheit schändlich gestraft. Der Buchstabe des Gesetzes galt in den Augen der Traditionalisten mehr als applizierte Liebe zu den Mitmenschen.</p>
<p>Die Liste der im Gefolge einer rückwärtsgewandten Politik des Vatikans ist lang. Es wurden viele lateinamerikanische Theologen, die mehr oder weniger der „Theologie der Befreiung“ anhingen, gemaßregelt oder exkommuniziert, angefangen bei dem weltbekannten nicaraguanischen Jesuiten Ernesto Cardenal, bis hin zu Gustavo Gutiérrez und dem Brasilianer Leonardo Boff. Prof. Houtart vom Instituto de Teologia von Recife (ITER) ging nach Europa zurück und am Ende wurde das Institut ebenso geschlossen, wie das Seminar des Nordostens, beide von Dom Hélder gegründet. Diesen selbst vermochte man nicht disziplinarisch anzutasten, er verstarb ja auch noch rechtzeitig, in seiner Diözese allerdings räumte man rücksichtslos auf. Alle „seine“ Leute wurden nach und nach entfernt; Pe. Edvaldo war wohl als einziger noch übriggeblieben, bis es 2007 auch ihn erwischte. Er waren nicht wenige Katholiken aus Recife, die mir um die Jahrtausendwende sagten: „Wenn Dom Hélder noch lebte, wäre Padre „Edivaldo“ längst Bischof!“</p>
<p>Die neue Politik des Episkopats musste sich letztendlich auch auf die Arbeit der CNBB auswirken. Von dort kamen allerdings durchaus noch Töne, wie die des scheidenden Vorsitzenden D. Luciano Mendes de Almeida, der im Juli 1994 das persönliche Engagement der Bischöfe und Priester in Fragen der Politik befürwortete. Es handle sich dabei um einen notwendigen Dienst am Vaterland, der zum Erziehungsauftrag der Geistlichen gehöre.</p>
<p>Die Kirche kehre zurück zum catolicismo à moda antiga, de hostia, incenso, coroinhas, batinas e oração - zu einem altmodischen Katholizismus mit Hostie, Lobgesängen, Krönchen, Priesterröcken und Gebet - kommentiert veja (24.5.95). Wenn die eigentlichen Merkmale des „ultramontan“-konservativen Katholizismus, der die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts in der noch kaum erwachsenen Republik beherrscht hatte, in einem starren Ritualismus und rigorosen Moralismus bestanden hatten, so war die Kirche gegen Ende des zweiten Jahrtausends nun wieder zu der Gestalt zurückgekehrt, in welcher sie in einer konservativen katholischen Strömung wie dem Movimento Familiar Cristão gepflegt wurde; dann entsprach sie in frappierender Weise der Religiosität, die man aus der Bewegung TFP (Tradição, Família e Propriedade) bestens kennt.</p>
<p>Es fällt schon auf, dass anstelle von Begriffen wie pastoral da terra nun von einer pastoral Litúrgico-musical die Rede ist, wie in der Diözese Bagé, im Grenzgebiet zu Uruguay, deren Bischof, D. Gílio Felicitas, sich derzeit engagiert um die Anschaffung einer Orgel der traditionellen Firma Bohn , Novo Hamburgo, bemüht, wie er mir im Mai 2008 erzählte, als ich ihn in seiner neuen Umwelt unter den riograndenser fazendeiros besuchte. Die Entwicklung der Römisch-katholischen Kirche nach dem Vaticanum II bis zum neuen Millennium lässt deutlich eine Phase der Reorientierung erkennen, um es hier einmal so auszudrücken. Man legt stärker als bislang Wert auf die spirituellen Elemente der Religion und misst dem Engagement in Sachen der res publica weniger Bedeutung bei, eine durchaus bemerkenswerte Koinzidenz. Dies alles korrespondiert erkennbar auch mit der päpstlichen „Rehabilitierung“ des Lateinischen im gottesdienstlichen Gebrauch. Dass bereits Kardinal Joseph Ratzinger als Chef der Glaubenskongregation kein Freund der von lateinamerikanischen Theologen vertretenen „Theologie der Befreiung“ gewesen ist, zeigte sich u. a.. an seinem - glücklicherweise vergeblichen - Bemühen, Männer wie P. Gutiérrez durch disziplinäre Maßnahmen mundtot zu machen.</p>
<p>Das Bild des neuen Präsidenten der CNBB, D. Lucas Moreira Neves, entsprach den Merkmalen eines „altmodischen Katholizismus mit Hostie, Lobgesängen, Krönchen, Priesterröcken und Gebet“ in jeder Hinsicht. Er lebte sozusagen in der Welt des 19. Jahrhunderts, in der die Kirche noch der Mittelpunkt des Dorfes war und in der man dem padre vigário noch mit dem alten Gruß „gelobt sei Jesus Christus“ die Zeit bot, wie es bei den Bauern im Landesinneren hieß. Das Fernsehen hielt er für ein Instrument im Dienst des Bösen. Obgleich, wie selten ein Bischof, in einer Umgebung von Menschen afrikanischer Herkunft agierend, waren die afro-brasilianischen Kulte in seinen Augen dämonisch. Bezeichnend für die Haltung D. Lucas‘ war es auch, dass er 1998 den schwarzen Bischof D. Gílio Felício, der es liebte, in afrikanischen Gewändern zu zelebrieren und der seine Sympathie für die afro-brasilianischen Traditionen nicht verhehlte, aus der Stadt verbannte. Ein weiterer Punkt auf seinem Programm war der Kampf gegen die „Promiskuität“. Die Benutzung von Kondomen, die Anwendung aller Verhütungsmittel oder Praktiken außer Keuschheit brandmarkte er als unmoralisch. Die von ihm vertretene Sexualmoral - von „Ethik“ konnte man in diesem Fall auf keineswegs sprechen - entsprach mittelalterlichen Vorstellungen. Geburtenkontrolle, Schwangerschaftsunterbrechung, Geschlechtsverkehr außerhalb einer kirchlich approbierten ehelichen Bindung standen auf dem Index. Auf seine konservative Einstellung hin angesprochen, erwiderte er: „Wenn jemand, der den Glauben und die ethischen und moralischen Werte der Gesellschaft konserviert, als konservativ gilt, dann fühle ich mich nicht betroffen, wenn man mich so bezeichnet. Die wichtigste Aufgabe der Kirche ist die Evangelisation.“ Dies ist die eine Seite der Medaille. Die andere ist nicht weniger bezeichnend. Sie reflektiert sich in einer Begebenheit aus dem Jahr 1969. Damals war D. Lucas Moreira Neves Weihbischof in São Paulo.</p>
<p>Zu jener Zeit, seit September 1969, befanden sich im Zuge der Bekämpfung der von Carlos Marighela gelenkten Stadtguerrilha - Ação Libertadora Nacional (ALN) - vier Ordensbrüder, Dominikaner wie D. Lucas, unter ihnen frei Beto (Carlos Alberto Libânio Cristo), Ives do Amaral Lesbauspin und Fernando de Brito sowie frei Tito de Alencar Lima - in Haft. Bei einem späteren Prozess durch die Militärjustiz hatten sie sich gegenüber insgesamt 134 verschiedenen Anklagen wegen Verbrechend gegen die Nationale Sicherheit, insbesondere der subversiver Tätigkeit in Komplizenschaft mit den erschossenen Terroristenführern Carlos Marighela und Joaquim Câmara Ferreira zu verantworten. Man legte ihnen zur Last, Carlos Marighela und Câmara Ferreira versteckt gehalten haben. Darüber hinaus hätten sie sich um einen falschen Pass bemüht. Brito soll gestanden haben, die Dominikanergruppe, der sich Marighela angeschlossen und laufend Kontakt zu ihm gehalten habe, angeführt zu haben. Im Sommer 1968 soll die Polizei entdeckt haben, dass das Kloster der paulistaner Dominikaner ein Hauptquartier Marighelas sei. Auf Veranlassung D. Paulos habe man damals die Untersuchung eingestellt. Ein Jahr später sei der Skandal ans Tageslicht gekommen, als 2 Dominikaner Geständnisse abgelegt hatten. Später wurde immer wieder behauptet, zwei der Gefangenen hätten der Folter nicht standgehalten und schließlich dem berüchtigten Polizeichef Fleury geholfen, das Versteck Marighelas ausfindig zu machen.</p>
<p>D. Lucas, begleitet vom Provinzial der Dominikaner in São Paulo, frei Domingos, besuchte die vier Ordensbrüder. Dabei war es ihm nicht entgangen, dass die Inhaftierten schwer misshandelt worden waren. Als man ihn jedoch bat, über den Besuch bei den Patres einen Bericht abzufassen, weigerte er sich. Man habe ihn nicht um einen Appell gegen die Folter zur Veröffentlichung gebeten, sondern um einen nüchternen Bericht für den internen Gebrauch, erläuterte später frei Ivo (Ives do Amaral Lebauspin) einer der vier Häftlinge. Der Weihbischof hatte die Gräuel in den Kellern der Gefängnisse gesehen, jedoch darüber geschwiegen. Frei Tito wurde später gegen den entführten Schweizer Botschafter Giovani Enrico Bucher ausgetauscht und verbannt. In einem Waldstück des französischen Klosters, das ihn aufgenommen hatte, nahm sich 1974 durch Erhängen das Leben. Auch frei Beto bezog sich in seinem Buch Batismo de Sangue auf D. Lucas: Beim Prozess gegen frei Tito hatte dessen Verteidiger D. Lucas als Zeugen dafür benannt, dass sein Mandant gefoltert worden sei. Der hohe Würdenträger weigerte sich auszusagen, mit der Bemerkung, eine Aussage könne seinen seelsorgerlichen Aufgaben schaden. (veja, 24.5.95)</p>
<p>Im Verlauf eines Interviews, das ich am 15. 1. 1981 mit D. Hélder Câmara geführt hatte, war dieser auf meine Rückfrage hin noch einmal auf die Situation im Lande während der Militärdiktatur zurückgekommen. Ich hatte den Erzbischof auf sein Buch „Bekehrun­gen eines Bischofs“ angesprochen. Dort oder möglicherweise auch in einem anderen seiner Bücher glaubte ich zwischen den Zeilen eine gewisse Besorgnis hinsichtlich der politischen „Öffnung“ in Brasilien erkannt zu haben: Auf die Öff­nung zu vertrauen sei eine Illusion. So fragte ich nun ganz direkt: „Sehen Sie eine akute Gefahr für die abertura - Öffnung? Meinen Sie, es könnte bald einen Rück­schlag geben?“ Die Antwort lautete: „Ich spreche normalerweise nicht nur über mein Land, zumal, so unwahrscheinlich dies auch klingen mag, das, was sich heute in einem Land ereignet, sich leicht in anderen Ländern wiederholt, manchmal in unterschiedlicher Ausprägung. In Lateinamerika zum Beispiel gibt es eine Ideologie der Natio­nalen Sicherheit. Das ist eine sehr ernste Sache, weil die nationale Sicherheit als der höchste Wert angesehen wird. Sehen Sie, wenn man einen Wert absolut setzt, dann ist dies Idolatrie, Götzendienst, und jeder Götzendienst bringt Unglück. Es handelt sich bei der nationalen Sicherheit wirklich um den höchsten aller Werte: alles ist erlaubt, diesen Wert aufrecht zu erhalten: Entführungen, Folter, das Verschwindenlassen von Menschen, das Töten von Menschen. Aber sehen Sie, dies ist weit davon entfernt, nur ein lateinamerikanisches oder nur ein Problem der Dritten Welt zu sein. Ich beobachte, wie man heute unter allen möglichen Vorwänden und unter Berufung auf die nationale Sicherheit mit der Möglichkeit des Krieges spielt. Noch immer gilt der alte römische slogan: Wollt ihr Frieden, dann rüstet für den Krieg. Paul VI hat diesen slogan geschickt abgewandelt, als er sagte: „Wollt ihr Frieden, dann bereitet den Frieden.“</p>
<p>Da sich zu jener Zeit nicht nur im politischen Bereich gravierende Änderungen abgezeichnet hatten, sondern auch im Bereich der Kirche eine gewisse Neuorientierung zu beobachten war, fragte ich ganz gezielt auch nach D. Hélders Beurteilung der Situation: „Ich habe in diesen Wochen in den Andenländern, aber auch in Paraguay, und hier in Brasilien mit vielen Menschen gesprochen, die großen Respekt vor der Kirche haben, besonders angesichts ihres sozial-politischen Engagements. Nun las ich von dem Weihnachtsbrief des Papstes an die brasilianischen Bischöfe und spürte bei seiner Lektüre eine gewisse Besorgnis, dass die Kirche in Brasilien sich auf die alten konservativen Positionen zurückziehen könnte und dass die Priester wieder in die Sakristei zurückkehren würden. Ist dies tatsächlich eine Gefahr?“ D. Hélders Antwort war von ungewöhnlicher Präzision: „Nein, nicht im geringsten. Der Papst war hier bei uns. Schon bevor er kam, ließ er darüber keinen Zweifel, dass er nicht als Tourist zu kommen gedenke, sondern als Pilger. Er wollte nicht nur Städte besuchen, sondern unsere Probleme kennen lernen und mit den Bischöfen zusammenkommen, und da gab es zehn, zwölf Begegnungen. Er bestand darauf, seitens der örtlichen Kirchen Zahlen, Informationen und Berichte zu bekommen, denn er wollte nicht nur als Tourist kommen, sondern als Pilger der Kirche. Hier zum Beispiel habe ich ihm vorgeschla­gen, über die Landarbeiter, die camponeses zu sprechen. Es war einfach bewundernswert, wie er das ihm zur Verfügung gestellte Material auswertete, einfach bewundernswert. Was nun die Posi­tion der Kirche betrifft, so ließ er nicht den geringsten Zwei­fel daran, dass die gesamte Kirche, einschließlich der hierarchi­schen, sich nicht aus der Politik im Sinne der Sorge angesichts der großen Probleme der Menschheit und der Verteidigung der Menschenrechte, die keine Erfindung der Vereinten Nationen sind, zurückziehen darf. Den Vereinten Nationen gebührt der Ruhm, die Menschenrechte zu verkünden, aber sie stammen von Gott selbst, der diese Rechte in unser Fleisch und in unseren Geist geschrieben hat, und kein Mächtiger dieser Welt wird diese Rechte unterdrücken dürfen. Die Rechte der Menschen zu vertei­digen und uns zur Verteidigung einer gerechteren Welt zu schlagen, ist also nicht nur ein Recht sondern eine Pflicht einer jeden menschlichen Kreatur und mehr noch eines Christen und, ganz selbstverständlich, eines Pastors. Was allerdings die Parteipolitik anbelangt, so ist diese traditionsgemäß ein be­sonderes Wirkungsfeld der Laien. Wir müssen so weitsichtig sein, unsere Laien vorzubereiten, damit sie aus den verschiede­nen Parteien, sofern es verschiedene Parteien gibt, und der Programme derjenigen Personen, die diese Programme vertreten, und auch im Zusammenleben - die Erfahrung selbst ist ein guter Lehrmeister - damit sie also aus den verschiedenen Parteien eine Partei auswählen, die den christlichen Forderungen im Rah­men einer politischen Ordnung am ehesten entspricht. Der Papst hat also in seinem Brief nichts von alledem zurückgenommen, was er während seines so überaus providentiellen Besuchs, der uns Unterstützung und Ermutigung brachte, gesagt hat.“</p>
<p>Was der Generalsekretär der PMDB-Pernambuco und ehemalige Priester, Pedro Mansueto de Lavor, zur Frage eines politischen Engagements der Priester und der Kirche erklärte (23.1.81), klang schon etwas anders: „Man kann sagen, es gibt Gemeinsamkeiten der Arbeit, eine ständige Verbindung zwischen den Basisgemeinden und einigen Leuten, die in der Arbeiterpartei (PT) tätig sind, oder anderen, die in der Partei Brasilianische Demokratische Bewegung (PMDB) mitarbeiten. Dies kann jedoch nicht bedeuten, dass die Kirche irgendeine dieser Parteien unterstützt, und noch viel weniger, dass sie sich mit einer derselben identi­fiziert. Die Haltung der Kirche ist eindeutig. Sogar die Mitarbeiter einiger Leute aus dem Klerus in politischen Par­teien, sei es auf der Seite der Regierung oder aufseiten der Opposition, wird mit vielen Vorbehalten angesehen, und dies umso mehr, als der Papst, wie wir seit kurzem wissen, solche politische Mitarbeit nicht gerade gern sieht. In diesem Punkt muss ich energisch widersprechen, sowohl dem Papst als auch der Hierarchie der Kirche. Gemeindeglieder, ob es sich nun um Pfarrer oder Laien handeln mag, haben nicht nur das Recht, sondern, wie ich glaube, aus bestimmten Anlässen und unter bestimmten Umständen sogar die Pflicht zur Mitarbeit in den politischen Parteien. Es ist besser, in einer politi­schen Partei mitzuarbeiten, als mit Waffengewalt und im Guerrillakampf gegen das zu kämpfen, was man für falsch hält. Und wir haben ja hier in Lateinamerika Beispiele von Priestergruppen, die gegen die Unterdrückung zur Waffe greifen mussten, wie zum Beispiel im Falle Nicarágua. Wir meinen, dass es besser ist, als Christen oder als Priester und Angehörige des Klerus, innerhalb einer politischen Partei zu kämpfen, und dies, ohne unsere Handlungsweise mit der offiziellen Handlungsweise der Kirche gleichzusetzen. Wir müssen inner­halb der politischen Parteien kämpfen, ehe es dafür zu spät ist, ehe es notwendig sein mag, zur Verteidigung des Volkes und der Rechte, die wir für unveräußerlich halten, zu den Waffen zu greifen. Es ist sehr wichtig, dies zu sagen. Und ich sage nicht etwa, dass ich das Aufflammen eines bewaff­neten Kampfes in unserem Lande wünsche, nichts dergleichen. Was ich sage, ist dies: Eine Auseinandersetzung innerhalb einer politischen Partei ist einer Auseinandersetzung inner­halb einer bewaffneten Gruppe vorzuziehen. Wir wissen dies aufgrund von Beispielen aus anderen Ländern Lateinamerikas, wo sogar Priester zu den Waffen greifen mussten, um gegen die Diktatur zu kämpfen. Wir meinen, es sei vorzuziehen, die vorhandenen Instrumente innerhalb brauchbarer, anerkannter politischer Instrumente, wie es die Parteien sind, zu nutzen, anstatt den Weg des bewaffneten Kampfes zu beschreiten. Es gibt innerhalb des politischen Systems und des begrenzten Freiraums, den uns das gegenwärtige Regime zubilligt, keine anderen Mittel des Kampfes gegen die Willkür und das Regime als die politischen Parteien. Und die Öffnung des Systems ist, wie alle wissen, eine recht zweifelhafte Sache.“</p>
<p>Die Konferenz des Conselho Episcopal Latino-Americano (Celam) von Puebla, Mexiko, im Jahre 1979 und der Besuch des Papstes in Brasilien haben in der katholischen Kirche einen Reflexionsprozess verursacht, der zu einer Neudefinierung der Rolle der Kirche führte: Im sozio-poli­tischen Kontext haben sich gewisse Wandlungen vollzogen - so gibt es beispielsweise neue Parteien und einen größeren Spiel­raum für die Kommunikationsmedien - die sich auch auf die Verhaltensweise der Kirche auswirkten. Die Kirche ist heute nicht mehr die einzige gesellschaftliche Kraft, die sich, mit rela­tiver Immunität ausgestattet, kritisch zu Wort melden kann. Sie darf sich, ohne dass die Gesellschaft dadurch Schaden erleiden würde, wieder stärker auf ihr „eigentliches“ Gebiet konzentrieren, sie braucht sich nicht mehr, wie dies zuzeiten geschehen ist, mit „allem“ zu beschäftigen. Sie war zu besonderen Notzeiten in die Bresche gesprungen. Der Platz, den sie dabei eingenommen hatte, wird heute von anderen Sektoren der Gesellschaft, zum Beispiel von Parteien, Gewerkschaften, NGOs und mehrerer Menschenrechtsorganisationen, ausgefüllt. Dennoch steht die Kirche auf dem Gebiet der Vertei­digung der Menschenrechte nach wie vor in der Frontlinie, ob­gleich sie die Akzente anders setzt als noch vor ein paar Jahren.</p>
<p>Unter einem Folterregime war die Wachsamkeit der Kirche in Bezug auf die „persönlichen“ Rechte der Bürger eine vordring­liche Aufgabe. Nachdem sich die Verhältnisse in dieser Hin­sicht gebessert hatten, war eine Akzentverschiebung in der Menschenrechtsdebatte nur folgerichtig. Der Nachdruck liegt jetzt mehr auf den grundlegenden sozialen Problemen, wie der Lohn- und Wohnungspolitik, den Landverteilungsfragen, dem Problem der Multinationalen und der Nord-Süd-Problematik.</p>
<p>Die Verteidigung der Menschenrechte in globalem Sinne wird nicht nur als ein Recht, sondern als die Pflicht eines jeden Menschen, eines jeden Christen und insbesondere eines jeden Pfarrers verstanden. Die katholische Kirche in Brasilien sieht sich in dieser Auffassung durch den Papst in besonderer Weise bestätigt. Die in den drei Dekaden von 1960 - 1990 von ihr übernommene Rolle wurde von den oppositionellen Parteien voll gewürdigt. Die Tatsache, dass die Kirche zuzeiten mehr Popularität genoss als die Parteien, ließ sie als Verbündete oder - allerdings auch, sehr zu ihrem Missfallen - als Vehikel für die eigenen, ideologischen Inter­essen bestimmter politischer Gruppen begehrt erscheinen. Wenn man die Geschichte der Landlosenbewegung oder der Industriearbeiter von São Paulo, die gegen das Regime aufbegehrt hatten oder noch aufbegehren, genau besieht, stellt man fest, dass die „progressiven“ Bischöfe ganz selbstverständlich zu strategischen Verbündeten revolutionärer Bewegungen werden konnten oder auch geworden waren, wie Márcio Moreira Alves anmerkt. D. Luciano Mendes de Almeida hatte einmal gesagt, es gebe zwar Invasionen durch die Landlosen, damit habe die Kirche allerdings nichts zu tun. Wenn solche Okkupationen jedoch einmal geschehen seien, hätten christliche Gruppen die Pflicht, ihnen Schutz und Nahrung zu gewähren.</p>
<p>Die Kirche versucht, die Gläubigen auf die Mitarbeit in geeigneten po­litischen Parteien vorzubereiten. Die meisten engagierten Katholiken finden sich vermutlich in der Arbeiterpartei (PT) und in der Partei Brasilianische Demokratische Bewegung (PMDB). In ihren comunidades eclesiais de base (CEBS) - Basisge­meinden -, Bürgergemeinschaften und ländlichen Genossenschaften leistet die Kirche selbst allgemein-politische Arbeit, die zweifellos zu einer stärkeren Konszientisierung der Bürger führt. Genau besehen, haben sich die Basisgemeinden, deren Zahl in den 80er Jahren auf etwa 70.000 geschätzt wurde, zwar nicht gerade überlebt, jedoch minimiert und grundlegend gewandelt. War einst z.B. die blutigrote Fahne der „Bewegung der Landlosen“ (MST) eines der beliebtesten Symbole, denen man in den Räumen begegnete, in denen sich die CEBs zu versammeln pflegten, waren gemeinsame Akte von Vertretern verschiedener Religionsgemeinschaften nichts Ungewöhnliches - ein Priester oder sogar ein Bischof, eine mãe-de-santo - Candomblé-Priesterin -, ein Pfingstprediger und der Schamane eines Índiovolkes, die nebeneinander vor einem Altar standen und, jeder auf seine Weise, mitwirkten - so der revolutionäre Messianismus der Blütezeit mittlerweile einer überraschenden Ernüchterung gewichen oder er hatte sich, tomados pelpo fogo da fé - vom Feuer des Glaubens ergriffen - in charismatisch geprägten Gruppen, in ökologisch orientierte Zirkel und in die alte katholische Mystik geflüchtet. Vamos responder aos apelos que vêm da nova realidade em que vivemos - wir reagieren auf die Herausforderungen der neuen Wirklichkeit, in der wir leben -, erklärte D. Luís Fernandes, Bischof von Campina Grande. (veja 30.7.97) Konkret gesprochen, ist es wahrscheinlich richtig, was Márcio Moreira Alves am Ende seines Buches A Igreja e a Política no Brasil sagt: „Mittelmäßíge Generäle ziehen die erkennbare Sicherheit der Maginotlinie einer gewagten zügigen Durchdringung der Verteidigungslinie mittels eines Blitzkrieges vor. Die Mehrheit des katholischen Hierarchie Brasiliens besitzt noch immer die Mentalität der Maginotlinie.“</p>
<p>Einigen Bischöfen, wie z.B. D. Antônio Celso de Queirós, Catanduva-SP, ist es durchaus bewusst, dass sich die Welt zu Beginn des 3. Jahrtausends in einer Zeit des Umbruchs befindet, die dem Übergang vom Mittelalter in die Neuzeit, im 16, Jahrhundert, vergleichbar ist, wobei hinzuzufügen wäre, dass es sich diesmal um den Übergang von der durch die Französische Revolution markierten „Moderne“ in die „Post-Moderne“ handle, bemerkt D. Celso. Die Auswirkung dieses Umbruchs auf die Gemeinde seien gravierend. So sei ein allgemeines Desinteresse der jungen Generation an der Politik zu beobachten. Altruismus, Engagement zugunsten der Armen und Schwachen werde durch ein oberflächliches Glücksstreben verdrängt. Die Stimmungslage widerspiegele sich in dem slogan: „Jedermann für sich und Gott für sonst niemand.“ Umso wichtiger seien Initiativen wie die der Basisgemeinden, von denen die hierarchische Kirche sich in letzter Zeit mehr oder weniger abgewandt habe. Evangelisation gehöre zum Auftrag der Kirche, doch müsse sie zur Solidarität mit den Brüdern führen. (Tribuna da Imprensa, 4.4.08)</p>
<p>Dazu passt nahezu nahtlos die zur Jahresmitte 2008 von den brasilianischen Bischöfen verkündete Campanha da Fraternidade. Löblicherweise soll durch die „Kampagne der Brüderlichkeit“ die Gesellschaft aufgerüttelt und mobilisiert werden, andererseits ist sich die Hierarchie dessen voll bewusst, dass mit guten Wünschen allein nichts zu bewegen ist, und schon gar nicht der schwerfällige brasilianische Staatsapparat. Die Bischöfe wissen, dass sie mit der Campanha da Fraternidade die erstrebte und dringend erforderliche öffentliche Sicherheit nicht werden schaffen können. So wird es dabei bleiben, dass die katholischen Christen des post-modernen Zeitalters nichts anderes tun können, als zu beten, wie Pater José Vanzella, der Exekutivsekretär der Kampagne, bescheiden erklärte.</p>
<p>Der hohe Grad der inneren Konszientisierung der brasilianischen Gesellschaft während der mehr als zwei Jahrzehnte währenden Diktatur der Militärs, ein Prozess der Bewusstseinsbildung, zu dem die Kirche in beträchtlichem Um­fang beigetragen hat, berechtigt trotz aller Hindernisse und Störungen zu der Hoffnung, dass es schrittweise doch zu gerechteren und weniger ausbeuterischen Verhält­nissen in Brasilien kommen werde. Wie weit an einem solchen Prozess dann die Kirche effizient konstruktiv beteiligt sein wird, muss dahingestellt bleiben. Wie sagt doch der streitbare Márcio Moreira Alves? - Os que passaram pela sacristia não vão mais longe que qualquer outro - „die durch die Sakristei gegangen sind, bewirken auch nicht mehr als jeder andere.“</p>
<p>PS: Diesem Text liegt insbesondere Kapitel XXII - Diktatur und Kirche im Rückblick - meines Buches Ein Rückblick auf zwei Jahrzehnte Diktatur in Brasilien aus der Perspektive eines kirchlichen Beobachters (ISBN 078-3-939171-19-5) zu Grunde.</p>
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		<title>Eine Reise im Chile von 1972</title>
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		<pubDate>Fri, 06 Feb 2009 16:12:03 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
		
		<category><![CDATA[Aktuelles]]></category>

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		<description><![CDATA[- Im Oldtimerzug von Santiago nach Valdivia -
Heinz F. Dressel
Wir schreiben den 10. August 1972. Ich lasse mich von meinem Hotel in Santiago de Chile zum Flugplatz für vuelos domesticos - In­landflüge - bringen. Mein Ziel ist die kleine Universitätsstadt Valdivia, 850 km tiefer im Süden des langgestreckten Andenlandes. Um 12.15 Uhr vollziehe ich das [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>- Im Oldtimerzug von Santiago nach Valdivia -</p>
<p>Heinz F. Dressel</p>
<p><img src="http://dressel.latinotopia.de/__oneclick_uploads/2009/02/chile_dressel01.jpg" vspace="4" width="375" align="left" height="248" hspace="4" />Wir schreiben den 10. August 1972. Ich lasse mich von meinem Hotel in Santiago de Chile zum Flugplatz für vuelos domesticos - In­landflüge - bringen. Mein Ziel ist die kleine Universitätsstadt Valdivia, 850 km tiefer im Süden des langgestreckten Andenlandes. Um 12.15 Uhr vollziehe ich das ,,cheque-in” beim LAN-Chileno, der chilenischen „Lufthansa”. Das technische Personal dieser Fluggesellschaft wird tatsächlich von der Lufthansa ausgebil­det, sofern diese nicht überhaupt die technische Überwachung des Flugzeugparks übernommen hat. Mein Koffer wiegt 29 Kilo, 9 kg mehr, als nach der IATA-Übereinkunft für Passa­giere der Tourist-Class erlaubt. Ich zahle 31 Escudos für mein Übergepäck. Es ist das erste Mal nach vier Wochen Fliegerei durch halb Lateinamerika, dass man mein Übergepäck nicht toleriert. Doch Chile hat?s nötig: 40% des Flugzeugparks steht still. Die stillgelegten Maschinen müssen als Ersatzteilquelle für die übrigen 60% herhalten. Ersatzteile sind rar, denn sie kosten Dollars, die man nicht hat. Nur Dollarschulden. Der offizielle Wechsel­kurs ist 48 Escudos. Auf dem Schwarzmarkt werden, wie mir ein Professor aus Valdivia später mitteilte, bereits 400 Escudos für den Dollar bezahlt. Das chilenische Papiergeld ist wertlos. Im Ausland wird es überhaupt nicht eingewechselt. Im Lande selbst kann man, für noch so viele Escudos, noch nicht einmal Rind­fleisch kaufen. Die Regierung bietet Pferde­fleisch als Ersatz an. Selbst Milch, Zwiebeln und Kartoffeln sind knapp. Es mangelt sogar an Toilettenpapier.</p>
<p><img src="http://dressel.latinotopia.de/__oneclick_uploads/2009/02/chile_dressel06" vspace="4" width="354" align="left" height="279" hspace="4" />Der auf 13.15 Uhr angesetzte Flug nach Val­divia wird auf 14.15 Uhr verschoben. Dann heißt es, nach einigem Hin und Her, die kleine Maschine werde, por motivos tecnicos, aus technischen Gründen, erst um 16.00 Uhr ab­fliegen. Um 16.30 Uhr schließlich erfahren wir, der Flug sei, jetzt por tiempo malo, wegen schlechten Wetters, überhaupt abgesetzt. Man möge sich am nächsten Tag um 13.00 Uhr wie­der erkundigen, jedoch ohne Gewähr, denn der Flug sei bereits ausgebucht. Die Passagiere werden am Schalter aufgerufen und bekommen die Gebühr für das Übergepäck zurück, samt Ticket und Flughafengebühr. Dann darf man sich seinen Koffer holen, der irgendwo auf dem Gelände im Regen steht.</p>
<p>Ich muss am nächsten Tag in Valdivia sein. Da die Wahrscheinlichkeit, morgen einen Platz in der Maschine zu finden, falls sie überhaupt fliegen wird, gering ist, erkundige ich mich nach einer Zugverbindung, von der ich bereits vor meinem Abflug in Deutschland gehört hatte. Ein Herr, der auch sein Glück bei der Eisenbahn versuchen will, tut sich mit mir zu­sammen, und wir fahren in einem Taxi zum Bahnhof. Der Unbekannte ist sofort bereit, mir eine Fahrkarte für den Schlafwagen zu kaufen, als er hört., dass ich durch das plötzliche Umdisponieren, in Geldschwierigkeiten geraten bin.  Er weiß von mir nur, dass ich aus Deutsch­land bin. Wir ergattern ein Zweiercoupé im Schlafwagen. Inzwischen habe ich meinem lie­benswürdigen Begleiter erzählt, dass ich evan­gelischer Pfarrer und für das Ökumenische Studienwerk unterwegs bin, um Universitäts­stipendien anzubieten. Er stellt sich als Bürger­meister von La Union vor. Er ist deutschstäm­mig, Glied der katholischen Kirche und An­hänger der oppositionellen Partei.</p>
<p><img src="http://dressel.latinotopia.de/__oneclick_uploads/2009/02/chile_dressel02.jpg" vspace="4" width="246" align="left" height="375" hspace="4" />Der Zugkellner kommt ins Abteil und fragt, ob wir, es ist inzwischen 19.00 Uhr, im Salon­wagen speisen möchten. Wir sagen zu. Der­weilen sehen wir uns das Schlafwagenabteil genauer an. Es ist wohlgepflegt. Meist schlafen Regierungsfunktionäre und Abgeordnete auf ihren Fahrten in den Süden hier. Heute sind, glücklicherweise, nur wenige von ihnen unter­wegs. So genießen wir das Privileg, während der langen Nachtfahrt die Beine ausstrecken zu dürfen. Der Wagen stammt aus Leipzig. Das Fabrikationsjahr ist 1928. So ist der Süd­express ein Jahr älter als ich. Die Wände unse­res Abteils sind aus solidem Buchenholz. Das Waschbecken erinnert an die hygienischen Ein­richtungen alter Schlösser. Das Messing­gestänge glänzt wie am Tage der Inbetrieb­nahme des Waggons.</p>
<p>Inzwischen lädt der Kellner zum Essen em. Es ist etwa 20.00 Uhr. Der Speisewagen, ebenfalls aus Leipzig, strahlt die Atmosphäre der ,,guten, alten Zeit” aus. Die Kronleuchter sind richtiggehend faszinierend. Die unbeschreib­Iich flexible Federung erinnert einen während der ganzen Mahlzeit daran, dass man in einem Oldtimer sitzt. Kilometerweit wiegt sich der ganze Wagen von links nach rechts, so dass die Weinflaschen auf dem Tisch umfallen und die Hälfte meines indischen Tees über­schwappt. Bei diesem Geholper ist das Trin­ken überhaupt nicht möglich. Selbst auf dem Schiff habe ich solche Bewegung nie erlebt, höchstens einmal in einer Elektra der brasilianischen Fluggesellschaft Varig. Aber auf Schie­nen?<br />
Als hors d?oeuvre gibt es Tintenfisch, fein garniert und schmackhaft zubereitet. Dann kommt mein Rührei mit Speck. Uns gegenüber sitzt ein nettes Ehepaar, alte, ergraute Leute. Er, Medízinprofessor an der Katholi­schen Universität von Santiago, sprudelt nur so vor Lebendigkeit. Unbeschreiblich ist die echt lateinische Sprache der Hände und Arme.</p>
<p>Die Ehefrau legt um so mehr Ausdruck in ihre Stimme. Ich bin wieder im echt lateinamerika­nischen Milieu und genieße die vertraute Atmosphäre. Mein Begleiter be­gleicht die Rechnung für mein Essen und be­zahlt selbst die Flasche Mineralwasser, die ich mit in die Koje nehme. Dort gebe ich meinem Reisegefährten, dem Alcalde - Bürgermeister - von La Union, einen DM-Scheck über 25 Mark. Er deckt das Schlafwagenbillet über 850 km Fahrt mit dem abenteuerlichen Old­timer-Zug. Darüber hinaus bin ich Gast. Ich darf das bequemere Bett belegen, während mein Begleiter nach oben klettert. Der Schaff­ner hat die Betten wunderbar hergerichtet und ein Ende der Decke kunstvoll aufgedeckt, wie es sich in der aufmerksamen südamerikani­schen Hotellerie geziemt.</p>
<p><img src="http://dressel.latinotopia.de/__oneclick_uploads/2009/02/chile_dressel04.jpg" vspace="4" width="368" align="left" height="249" hspace="4" />Mein Reisegefährte beginnt von Enteig­nungen in der Landwirtschaft zu erzählen und vom wirtschaftlichen Ruin eines Landes, dessen Escudo einmal dem amerikanischen Dollar gleichwertig gewesen sei. Er spricht auch von der katholischen Kirche, der er angehöre, und von marxistischen Priestern und erzählt mir auch von den lutherischen Pastoren aus seiner Region. Die Padres seien „alle Kommunisten“; da seien die luteranos doch anders! Dann übermannt mich der Schlaf. Die Nacht geht schnell vorüber, und ich fühle mich wirklich ausgeruht. Das werde ich an diesem neuen Tag auch nötig haben. Mein Reisegefährte verabschiedet sich. Er wird, um nach La Union zu gelangen, bald eine andere Strecke einzuschlagen haben. Einmal wach, hole ich, um 7.30 Uhr, erstmalig nach vier Wo­chen des Reisens durch tropische Regionen, meinen Wintermantel aus dem Koffer und mache mich fertig. In einer Stunde soll ich in Valdivia sein, wo ich für das Ökumenische Studienwerk mit der Universidad Austral Verhandlungen zu führen haben werde. Ich begebe mich in den Speisewagen und lasse mir besonders den hei­ßen Tee munden. Mittlerweile hält der Zug auf einer Station und fährt nach einigem Hin und Her wieder los. Ich denke mir nichts dabei, son­dern widme mich dem appetitlich angerichteten Frühstück. Da betritt plötzlich mein Gefährte von gestern den Speisewagen, sieht mich sit­zen, stutzt und kommt lachend auf mich zu. ,,Wissen Sie”, sagt er, ,,dass Sie sich nun auf dem Weg nach La Union, 100 km südlich von Valdivia, befinden, während Ihr Gepäck im Kurswagen nach Valdivia unterwegs ist?” Eine schöne Überraschung für den reisenden Ausländer! Doch in Chile ,,arregliert” sich alles: Der Alcalde gibt mir die Adresse eines Lutheraners im nächsten Ort und trägt mir auf, diesem zu bestellen, er möge mir eventuell ein Taxi nach Valdivia besorgen. 50 km seien es bis dorthin. Dann bezahlt er mein Früh­stück und begleitet mich, bei der nächsten Sta­tion angekommen, zum Ausgang. Dort über­gibt er mich, man kennt sich eben auf einer solchen Strecke, der Obhut eines jungen Arztes, der hier aussteigt. Dieser wird von einer Ambulanz abgeholt. Ich steige zu und wir fah­ren zu seiner Wohnung, wo ihn sein dreijähri­ges Töchterchen stürmisch begrüßt. Ich lerne die Wohnkultur eines chilenischen Landarztes kennen: eine recht ärmliche Einrichtung, aber ein Plattenspieler, der von kulturellen Bedürf­nissen auch in dieser verlorenen Ortschaft zeugt. Ganz selbstverständlich werde ich zu einer Tasse Tee eingeladen. Zwischendurch ruft der freundliche Arzt den Lutheraner an, der auf einem 8 km entfernten Gut arbeitet. Bald fährt er mit dem Lastwagen einer landwirtschaftlichen Ge­nossenschaft vor, bringt mich damit zu seinem Gut und fährt mich dann, in seinem Privat­auto, 50 km weit nach Valdivia.</p>
<p>Wir fahren zuallererst zum Bahnhof. Dort steht, auf einem Abstellgleis, der Oldtimer­zug. Alle Türen sind verschlossen, aber das Zugpersonal ist noch da, macht die Betten und räumt auf. Ich werde lachend eingelassen. Man weiß sofort Bescheid: „Ihr Koffer ist dort!“ Auf dem Gang des Schlafwagens steht mein Gepäck, der Mantel fein säuberlich darübergebreitet. Nichts ist be­schädigt, nichts fehlt. Wir fahren, erleichtert, zur Wohnung meines Kollegen.</p>
<p>Der freundliche Helfer in der Not aus der Ort­schaft Paillaco läßt sich die Fahrt nicht bezah­len. Da kein Taxi aufzutreiben gewesen ist, entschloss er sich sofort, mich selbst zu fahren. Das bedeutete etwas in Chile! Es gab weder Er­satzteile noch Autoreifen. Deshalb standen in Santiago zweitausend Taxis still; eine Stadt ohne Taxis, ganz im Gegensatz zu Rio, Caracas, Bogotá oder Lima. In Santiago fiel mir einmal ein Ehepaar auf, das mit großen Augen vor der spärlichen Auslage eines Wurst­warengeschäfts stand. In Valdivia sah ich auf dem Markt ganze Rinderkeulen und sogar Büchsenmilch. Ein ewig langer  Streik der Taxi- und Lkw-Fahrer und dazu eine bürokra­tische Fiskalisation hatten ein reibungsloses Funktionieren des Binnenmarktes unmöglich gemacht. So gab es praktisch kein Fleisch für die Geschäfte des Stadtzentrums von San­tiago. Nichts hätte der Regierung Allende gerade jetzt so gelegen kom­men können wie eine ordentliche Wagenladung Rindfleisch, denn in dieser Millionenstadt sassen  die meisten ihrer Wähler!</p>
<p>Die abenteuerliche Fahrt im Oldtimer war für mich auch menschlich ein Erlebnis. Wildfremde Menschen überraschten mich mit einer Hilfs­bereitschaft, wie sie in unseren Breiten kaum mehr denkbar gewesen wäre. Ich werde den katholi­schen Provinzbürgermeister aus Südchile nicht vergessen. Gern habe ich seine Grüße an einen ehemaligen Mitarbeiter bestellt, der seinerzeit von Ungarn nach Chile geflüchtet war.  Von dort hatte ihn sein Weg nach Bochum geführt, wo im Ökumenischen Studienwerk auch mein Schreibtisch stand. Wie klein doch manchmal die Welt ist!</p>
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