Eine Reise im Chile von 1972

- Im Oldtimerzug von Santiago nach Valdivia -

Heinz F. Dressel

Wir schreiben den 10. August 1972. Ich lasse mich von meinem Hotel in Santiago de Chile zum Flugplatz für vuelos domesticos - In­landflüge - bringen. Mein Ziel ist die kleine Universitätsstadt Valdivia, 850 km tiefer im Süden des langgestreckten Andenlandes. Um 12.15 Uhr vollziehe ich das ,,cheque-in” beim LAN-Chileno, der chilenischen „Lufthansa”. Das technische Personal dieser Fluggesellschaft wird tatsächlich von der Lufthansa ausgebil­det, sofern diese nicht überhaupt die technische Überwachung des Flugzeugparks übernommen hat. Mein Koffer wiegt 29 Kilo, 9 kg mehr, als nach der IATA-Übereinkunft für Passa­giere der Tourist-Class erlaubt. Ich zahle 31 Escudos für mein Übergepäck. Es ist das erste Mal nach vier Wochen Fliegerei durch halb Lateinamerika, dass man mein Übergepäck nicht toleriert. Doch Chile hat?s nötig: 40% des Flugzeugparks steht still. Die stillgelegten Maschinen müssen als Ersatzteilquelle für die übrigen 60% herhalten. Ersatzteile sind rar, denn sie kosten Dollars, die man nicht hat. Nur Dollarschulden. Der offizielle Wechsel­kurs ist 48 Escudos. Auf dem Schwarzmarkt werden, wie mir ein Professor aus Valdivia später mitteilte, bereits 400 Escudos für den Dollar bezahlt. Das chilenische Papiergeld ist wertlos. Im Ausland wird es überhaupt nicht eingewechselt. Im Lande selbst kann man, für noch so viele Escudos, noch nicht einmal Rind­fleisch kaufen. Die Regierung bietet Pferde­fleisch als Ersatz an. Selbst Milch, Zwiebeln und Kartoffeln sind knapp. Es mangelt sogar an Toilettenpapier.

Der auf 13.15 Uhr angesetzte Flug nach Val­divia wird auf 14.15 Uhr verschoben. Dann heißt es, nach einigem Hin und Her, die kleine Maschine werde, por motivos tecnicos, aus technischen Gründen, erst um 16.00 Uhr ab­fliegen. Um 16.30 Uhr schließlich erfahren wir, der Flug sei, jetzt por tiempo malo, wegen schlechten Wetters, überhaupt abgesetzt. Man möge sich am nächsten Tag um 13.00 Uhr wie­der erkundigen, jedoch ohne Gewähr, denn der Flug sei bereits ausgebucht. Die Passagiere werden am Schalter aufgerufen und bekommen die Gebühr für das Übergepäck zurück, samt Ticket und Flughafengebühr. Dann darf man sich seinen Koffer holen, der irgendwo auf dem Gelände im Regen steht.

Ich muss am nächsten Tag in Valdivia sein. Da die Wahrscheinlichkeit, morgen einen Platz in der Maschine zu finden, falls sie überhaupt fliegen wird, gering ist, erkundige ich mich nach einer Zugverbindung, von der ich bereits vor meinem Abflug in Deutschland gehört hatte. Ein Herr, der auch sein Glück bei der Eisenbahn versuchen will, tut sich mit mir zu­sammen, und wir fahren in einem Taxi zum Bahnhof. Der Unbekannte ist sofort bereit, mir eine Fahrkarte für den Schlafwagen zu kaufen, als er hört., dass ich durch das plötzliche Umdisponieren, in Geldschwierigkeiten geraten bin.  Er weiß von mir nur, dass ich aus Deutsch­land bin. Wir ergattern ein Zweiercoupé im Schlafwagen. Inzwischen habe ich meinem lie­benswürdigen Begleiter erzählt, dass ich evan­gelischer Pfarrer und für das Ökumenische Studienwerk unterwegs bin, um Universitäts­stipendien anzubieten. Er stellt sich als Bürger­meister von La Union vor. Er ist deutschstäm­mig, Glied der katholischen Kirche und An­hänger der oppositionellen Partei.

Der Zugkellner kommt ins Abteil und fragt, ob wir, es ist inzwischen 19.00 Uhr, im Salon­wagen speisen möchten. Wir sagen zu. Der­weilen sehen wir uns das Schlafwagenabteil genauer an. Es ist wohlgepflegt. Meist schlafen Regierungsfunktionäre und Abgeordnete auf ihren Fahrten in den Süden hier. Heute sind, glücklicherweise, nur wenige von ihnen unter­wegs. So genießen wir das Privileg, während der langen Nachtfahrt die Beine ausstrecken zu dürfen. Der Wagen stammt aus Leipzig. Das Fabrikationsjahr ist 1928. So ist der Süd­express ein Jahr älter als ich. Die Wände unse­res Abteils sind aus solidem Buchenholz. Das Waschbecken erinnert an die hygienischen Ein­richtungen alter Schlösser. Das Messing­gestänge glänzt wie am Tage der Inbetrieb­nahme des Waggons.

Inzwischen lädt der Kellner zum Essen em. Es ist etwa 20.00 Uhr. Der Speisewagen, ebenfalls aus Leipzig, strahlt die Atmosphäre der ,,guten, alten Zeit” aus. Die Kronleuchter sind richtiggehend faszinierend. Die unbeschreib­Iich flexible Federung erinnert einen während der ganzen Mahlzeit daran, dass man in einem Oldtimer sitzt. Kilometerweit wiegt sich der ganze Wagen von links nach rechts, so dass die Weinflaschen auf dem Tisch umfallen und die Hälfte meines indischen Tees über­schwappt. Bei diesem Geholper ist das Trin­ken überhaupt nicht möglich. Selbst auf dem Schiff habe ich solche Bewegung nie erlebt, höchstens einmal in einer Elektra der brasilianischen Fluggesellschaft Varig. Aber auf Schie­nen?
Als hors d?oeuvre gibt es Tintenfisch, fein garniert und schmackhaft zubereitet. Dann kommt mein Rührei mit Speck. Uns gegenüber sitzt ein nettes Ehepaar, alte, ergraute Leute. Er, Medízinprofessor an der Katholi­schen Universität von Santiago, sprudelt nur so vor Lebendigkeit. Unbeschreiblich ist die echt lateinische Sprache der Hände und Arme.

Die Ehefrau legt um so mehr Ausdruck in ihre Stimme. Ich bin wieder im echt lateinamerika­nischen Milieu und genieße die vertraute Atmosphäre. Mein Begleiter be­gleicht die Rechnung für mein Essen und be­zahlt selbst die Flasche Mineralwasser, die ich mit in die Koje nehme. Dort gebe ich meinem Reisegefährten, dem Alcalde - Bürgermeister - von La Union, einen DM-Scheck über 25 Mark. Er deckt das Schlafwagenbillet über 850 km Fahrt mit dem abenteuerlichen Old­timer-Zug. Darüber hinaus bin ich Gast. Ich darf das bequemere Bett belegen, während mein Begleiter nach oben klettert. Der Schaff­ner hat die Betten wunderbar hergerichtet und ein Ende der Decke kunstvoll aufgedeckt, wie es sich in der aufmerksamen südamerikani­schen Hotellerie geziemt.

Mein Reisegefährte beginnt von Enteig­nungen in der Landwirtschaft zu erzählen und vom wirtschaftlichen Ruin eines Landes, dessen Escudo einmal dem amerikanischen Dollar gleichwertig gewesen sei. Er spricht auch von der katholischen Kirche, der er angehöre, und von marxistischen Priestern und erzählt mir auch von den lutherischen Pastoren aus seiner Region. Die Padres seien „alle Kommunisten“; da seien die luteranos doch anders! Dann übermannt mich der Schlaf. Die Nacht geht schnell vorüber, und ich fühle mich wirklich ausgeruht. Das werde ich an diesem neuen Tag auch nötig haben. Mein Reisegefährte verabschiedet sich. Er wird, um nach La Union zu gelangen, bald eine andere Strecke einzuschlagen haben. Einmal wach, hole ich, um 7.30 Uhr, erstmalig nach vier Wo­chen des Reisens durch tropische Regionen, meinen Wintermantel aus dem Koffer und mache mich fertig. In einer Stunde soll ich in Valdivia sein, wo ich für das Ökumenische Studienwerk mit der Universidad Austral Verhandlungen zu führen haben werde. Ich begebe mich in den Speisewagen und lasse mir besonders den hei­ßen Tee munden. Mittlerweile hält der Zug auf einer Station und fährt nach einigem Hin und Her wieder los. Ich denke mir nichts dabei, son­dern widme mich dem appetitlich angerichteten Frühstück. Da betritt plötzlich mein Gefährte von gestern den Speisewagen, sieht mich sit­zen, stutzt und kommt lachend auf mich zu. ,,Wissen Sie”, sagt er, ,,dass Sie sich nun auf dem Weg nach La Union, 100 km südlich von Valdivia, befinden, während Ihr Gepäck im Kurswagen nach Valdivia unterwegs ist?” Eine schöne Überraschung für den reisenden Ausländer! Doch in Chile ,,arregliert” sich alles: Der Alcalde gibt mir die Adresse eines Lutheraners im nächsten Ort und trägt mir auf, diesem zu bestellen, er möge mir eventuell ein Taxi nach Valdivia besorgen. 50 km seien es bis dorthin. Dann bezahlt er mein Früh­stück und begleitet mich, bei der nächsten Sta­tion angekommen, zum Ausgang. Dort über­gibt er mich, man kennt sich eben auf einer solchen Strecke, der Obhut eines jungen Arztes, der hier aussteigt. Dieser wird von einer Ambulanz abgeholt. Ich steige zu und wir fah­ren zu seiner Wohnung, wo ihn sein dreijähri­ges Töchterchen stürmisch begrüßt. Ich lerne die Wohnkultur eines chilenischen Landarztes kennen: eine recht ärmliche Einrichtung, aber ein Plattenspieler, der von kulturellen Bedürf­nissen auch in dieser verlorenen Ortschaft zeugt. Ganz selbstverständlich werde ich zu einer Tasse Tee eingeladen. Zwischendurch ruft der freundliche Arzt den Lutheraner an, der auf einem 8 km entfernten Gut arbeitet. Bald fährt er mit dem Lastwagen einer landwirtschaftlichen Ge­nossenschaft vor, bringt mich damit zu seinem Gut und fährt mich dann, in seinem Privat­auto, 50 km weit nach Valdivia.

Wir fahren zuallererst zum Bahnhof. Dort steht, auf einem Abstellgleis, der Oldtimer­zug. Alle Türen sind verschlossen, aber das Zugpersonal ist noch da, macht die Betten und räumt auf. Ich werde lachend eingelassen. Man weiß sofort Bescheid: „Ihr Koffer ist dort!“ Auf dem Gang des Schlafwagens steht mein Gepäck, der Mantel fein säuberlich darübergebreitet. Nichts ist be­schädigt, nichts fehlt. Wir fahren, erleichtert, zur Wohnung meines Kollegen.

Der freundliche Helfer in der Not aus der Ort­schaft Paillaco läßt sich die Fahrt nicht bezah­len. Da kein Taxi aufzutreiben gewesen ist, entschloss er sich sofort, mich selbst zu fahren. Das bedeutete etwas in Chile! Es gab weder Er­satzteile noch Autoreifen. Deshalb standen in Santiago zweitausend Taxis still; eine Stadt ohne Taxis, ganz im Gegensatz zu Rio, Caracas, Bogotá oder Lima. In Santiago fiel mir einmal ein Ehepaar auf, das mit großen Augen vor der spärlichen Auslage eines Wurst­warengeschäfts stand. In Valdivia sah ich auf dem Markt ganze Rinderkeulen und sogar Büchsenmilch. Ein ewig langer  Streik der Taxi- und Lkw-Fahrer und dazu eine bürokra­tische Fiskalisation hatten ein reibungsloses Funktionieren des Binnenmarktes unmöglich gemacht. So gab es praktisch kein Fleisch für die Geschäfte des Stadtzentrums von San­tiago. Nichts hätte der Regierung Allende gerade jetzt so gelegen kom­men können wie eine ordentliche Wagenladung Rindfleisch, denn in dieser Millionenstadt sassen  die meisten ihrer Wähler!

Die abenteuerliche Fahrt im Oldtimer war für mich auch menschlich ein Erlebnis. Wildfremde Menschen überraschten mich mit einer Hilfs­bereitschaft, wie sie in unseren Breiten kaum mehr denkbar gewesen wäre. Ich werde den katholi­schen Provinzbürgermeister aus Südchile nicht vergessen. Gern habe ich seine Grüße an einen ehemaligen Mitarbeiter bestellt, der seinerzeit von Ungarn nach Chile geflüchtet war.  Von dort hatte ihn sein Weg nach Bochum geführt, wo im Ökumenischen Studienwerk auch mein Schreibtisch stand. Wie klein doch manchmal die Welt ist!

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