Archive für Februar 2009

Brasilien: Kirchlicher Konservativismus versus Theologie der Befreiung

Heinz F. Dressel

Was wir seit geraumer Zeit im Vatikan beobachten, nämlich einerseits die Rehabilitierung konzilfeindlicher Bischöfe und Kleriker, aber auf der anderen Seite die systematische Liquidierung der „Befreiungstheologie“, die ihre Wurzeln vor allem in Lateinamerika hat, zeichnete sich bereits seit ungefähr einem Vierteljahrhundert ab, insbesondere jedoch, seit Josef Ratzinger, der heutige Papst, im Jahre 1981 das Kommando in der päpstlichen „Glaubenskongregation“ (einst als „Inquisition“ gefürchtet) übernommen hat.

Es ist ungemein aufschlussreich, die Geschichte des innerkirchlichen Wandels von „Medellin“ bis zum „Skandal Williamson“ einmal aus brasilianischer Perspektive zu registrieren.

Die katholische Kirche in Brasilien, die seit der Eroberung des Landes durch die Portugiesen mit der jeweiligen Regie­rung eng verbunden war, besann sich nach dem II. Vatikani­schen Konzil und der Konferenz von Medellin (1968) zunehmend auf ihre gesellschaftspolitischen Aufgaben. Je entschiedener sie sich auf die Seite der Armen stellte, desto größer wurde der Abstand zur Regierung. Der Platz des Priesters sei nicht mehr die Sakristei und Evangelisation bedeute in dieser Zeit, gegen Hunger, Krieg, Unterdrückung, Folter und die Aus­beutung des Menschen zu kämpfen, hieß es in einer Erklärung des Erzbischofs von São Paulo, D. Paulo Evaristo Arns.

Einer solchen Position begegnete Widerspruch nicht nur seitens des Staates, sondern auch innerhalb der Kirche. Gemeinsamer Ausgangspunkt der Opponenten gegen eine Auffassung, wie D. Paulo sie vertrat, war die Überzeugung, dass die Kirche sich aus den Dingen dieser Welt herauszuhalten bzw. dieselben den dazu Berufenen zu überlassen habe. Für die Geschäfte der res publica sei die weltliche Macht zuständig, während es Aufgabe der Kirche sei, sich um die geistlichen Dinge zu kümmern. Das war auf beiden Seiten gut traditionell katholisch gedacht. Allerdings hinkten die Verteidiger einer absoluten Abstinenz der Kirche in Sachen rerum politicarum der Entwicklung, welche die Kirche seit den Tagen einer nahezu völligen Identität des Wollens und Handelns von Staat und Kirche, wie sie zu Zeiten der Monarchie ganz selbstverständlich gewesen war, beträchtlich hinterher. Das war u. a. an dem Engagement der Kirche im sozialen Bereich abzulesen.

Bereits in den 50er Jahren hatte die Kirche in Brasilien einige bedeut­same sozialreformerische Projekte begonnen, z. B. die „Be­wegung für Erwachsenenbildung“ (MEB) oder die „Agrar­front“. Besonderen Nachdruck legte sie auf die „Bewegung A, E, I, 0, U”, d. h., die Juventude Agrária, Estudantil In­dependente, Operária und Universitária (Landjugend, Schü­lerarbeit, Unabhängige Jugendarbeit, Arbeiterjugend und Studentische Jugend). Es waren vor allem die Kleriker in den Parochien der Diözesen, sei es auf dem Lande oder in den Industriegebieten und Universitäten der Metropolen, die in solchen Projekten der Kirche wirkten. Es gab für sie nicht den geringsten Zweifel darüber, dass sie an der fundamentalen Aufgabe der Kirche mitarbeiteten, das Heil zu verkünden, an jedem Ort und zu jeder Zeit. D. Paulo hatte dies einmal ganz nüchtern so ausgedrückt: „Die Kirche ist nicht von der Welt getrennt, sondern sie lebt darin.“ Weil dem so sei, müsse jedes Bemühen um die innere Erneuerung der Kirche scheitern, wenn es ihr nicht erlaubt sei, sich mit verstärktem Engagement auf die Straßen der Welt zu begeben, um dort die ihr aufgetragene Gute Nachricht zu verkünden. Die modernen sozialreformerischen Projekte waren Früchte solcher ekklesiologischer Überlegungen. Zunächst fügten sie sich fast nahtlos in die Entwicklungsmaßnahmen der Regierung ein. So­gleich nach der Revolution vom 31. März 1964 jedoch waren die einschlägigen Organisationen einer harten staatlichen Unterdrückung ausgesetzt, die zunächst vorwiegend auf die Einschüchterung von Laienmitarbeitern zielte. Die Bischöfe verurteilten diese Unterdrückung katholischer Gruppen bereits auf ihrer ersten Konferenz nach dem Putsch der Militärs aufs schärfste. Bis zum Ausbruch der Studentenunruhen 1968, die zeitlich mit dem Beginn militanter Aktionen marxistischer Gruppen zusammenfielen, kam es dann zu einer Art von Burgfrieden zwischen Staat und Kirche.

Generell muss leider gesagt werden, dass die Kirche insgesamt, jedenfalls die große Mehrheit der katholischen Kirche, bzw, die „hierarchische Kirche“, wie manche zu sagen pflegen, die traditionelle Position der Unter­stützung der etablierten und konstituierten Macht, und im speziellen Fall ei­ner Macht, die sich 1964 im Lande einrichtete und von welcher Willkürakte und Missachtung der grundlegenden Bürgerrechte ausgingen, im Prinzip nicht verlassen hatte.

Der ehemalige Priester Pedro Mansueto de Lavor, Generalsekretär der PMDB-Pernambuco, sagte mir im Januar 1981 wörtlich: „Es gibt überhaupt keinen Zweifel, dass die Kirche das Regime unterstützt hat. Die Kirche kann dies nicht leug­nen, es gibt überhaupt keine Möglichkeit, dies zu leugnen. Damals gab es noch jene antikommunistische Abscheu innerhalb der Kirche, die so tat, als ob der Kommunismus das große Übel für Brasilien gewesen wäre, als ob es keinerlei andere Übel gegeben hätte und als ob es die Aufgabe der Kirche gewesen wäre, den Kommunismus zu bekämpfen. Die katholische Kirche hielt es in jener Zeit für ihre Aufgabe, die Rettung der Seele zu predigen, wobei oft die leiblichen und zeitlichen Probleme des Volkes übersehen worden sind, und darüber hinaus galt es, den Kommunismus als das große Übel, das wilde Tier der modernen Welt, zu bekämpfen. Nun gut, mit der Zeit ließ aber das Regime, das sich etabliert hatte, erkennen, dass es an der Macht zu bleiben gedachte, dass es sich nicht einfach um eine militärische Bewegung zur Wiederherstellung der Ord­nung gehandelt habe, und dass die Militärchefs nicht zu den Aufgaben zurückzukehren gedachten, welche die Verfassung für sie vorgesehen hatte. Die Aufgabe der Militärs ist nicht jene, die diese vor 16 Jahren übernommen haben. Sie sind jedoch geblieben, als ob sie Brasiliens Lehrmeister wären. Sie meinen dies noch heute, obwohl sie inzwischen die Zu­stimmung des Volkes und der Kirche nicht mehr besitzen. Sie sind sozusagen isoliert, aber sie halten sich durch die Magie ihrer Gesetzgebung, die sie mit Hilfe einer unterwürfi­gen Minderheit im Kongress betreiben, an der Macht.“

Die Darstellung der Situation durch den Ex-Priester unterscheidet sich übrigens in keiner Weise von der Sicht des Erzbischofs D. Paulo Evaristo Arns, der 1978 auf die Frage, wie der Staat die Sorge der Kirche um den Menschen ansehe, antwortete: „Der brasilianische Staat wünscht ein westlicher und zugleich christlicher Staat zu sein, gänzlich auf einen einzigen Feind fixiert, den Kommunismus. Die Kirche hat für ihn praktisch ein Instrument zu sein, über welches der Staat verfügt. Von daher kann man sich vorstellen, dass unser ganzer Einsatz, sowohl zur Verteidigung der Schwachen und Armen im Kampf um die Eroberung des Inneren Brasiliens, in den neuen Ländereien in Mato Grosso und Amazonien, als auch zur Verteidigung der Armen in den Städten, zur Verteidigung der politischen Gefangenen und all derer, die der Hilfe bedürfen, üblicherweise als subversives Handeln angesehen wird. Die Geschichte vom Eindringen des Kommunismus in die Reihen des Klerus ist etwas, was man Tag für Tag hören kann und die Beschuldigungen verbieten uns oft zu handeln. Übrigens hat die Kirche selbst unter dem Volk die Vorstellung verbreitet, dass der Kommunismus vom Teufel sei. Jemanden einen Kommunisten zu nennen bedeutete für das Volk, ihn als teuflisch zu bezeichnen.“

Pedro Mansueto de Lavor wurde in seiner Antwort auf meine Frage nach der Position der Kirche während der Militärdiktatur noch deutlicher: „Im Verlauf der Zeit und angesichts einer Situation der Willkür, die das Regime entweder verschleiert oder ganz offen herbei­geführt hatte, mit all den Verhaftungen und vor allen Dingen mit der Folterpraxis, und als schließlich auch Priester ver­haftet, Bischöfe verfolgt und ihre Laien ermordet wurden, ist die Kirche sich langsam dessen bewusst geworden, dass das große Übel Brasiliens nicht nur der Kommunismus ist, sondern auch die Armut, der Hunger und das Elend, die während dieses Willkürregimes zugenommen haben, und dies bedeutete doch schließlich, dass sich durch die Revolution nichts geändert hatte. Diejenigen, die vor 1964 die Macht besassen, sind auch danach an der Macht geblieben, während das Volk weiterhin an den Rand gedrängt blieb, die Armut zunahm und die ganze Lage sich nur noch verschlimmerte. Das heißt: Die Konzentration des Einkommens­in den Händen Weniger nahm ausgesprochenermaßen zu; gleichzeitig war die Beherrschung des Landes durch das Ausland ­sehr viel stärker ausgeprägt als zuvor. Die Kirche begann sich nun darüber Gedanken zumachen und begriff, was Kardinal Aloisio Lorscheider, der zweimal Präsident der Na­tionalen Bischofskonferenz gewesen ist, gesagt hat, dass nämlich dieses Regime anti-evangelisch und sündhaft sei. Dies ist zweifellos ein starkes Wort, aber auch wiederum nicht, denn die Herrschenden missachten in der Tat die Men­schenrechte etc. Früher waren diejenigen, die gegen das Militärregime eingestellt waren, die Isolierten und bildeten die Ausnahme. Heute sind dieje­nigen, die das Militärregime stützen, die Ausnahme und die Isolierten. Da ist D. Scherer dort unten im Süden. Gute Unterstützung gibt auch der Bischof von Viana in Maranhão, der alle naselang Medaillen vom Heer verliehen bekommt, und vielleicht D. Alberto dort oben in Pará, manchmal auch D. Ilton, der sehr diplomatisch ist usw… Die Brasilianische Bischofskonferenz als solche jedoch und die Mehrheit der Kir­che in der Person ihrer Vertreter und auch die Leute aus den Basisgemeinden, welche die Wirklichkeit des kirchlichen Le­bens von der Wurzel her kennen, sind gegen das Regime. Dies bedeutet allerdings nicht, dass sie sich in einer der politi­schen Parteien engagierten. Man sagt zwar, die Kirche habe angesichts der Zersplitterung der politischen Parteien ihre Sympathien für die alte Brasilianische Demokratische Bewe­gung (MDB) aufgegeben und diese heute der Arbeiterpartei (PT) zugewandt, aber das entspricht bestimmt nicht der Wahrheit.“

Seit der Präsidentschaft Costa e Silvas im März 1967 war der Kirche mehr und mehr die Rolle des moralischen Wächteramtes zugefallen, da es im öffentlichen Bereich infolge der Aufhebung bestimmter Bürgerrechte und des Inkrafttretens von Ausnahmegesetzen keine unabhängige Justiz, keine wirk­liche parlamentarische Opposition, keine autonomen Gewerk­schaften und keine freie Presse mehr gab. Die Kirche verfügte über eine bis ins letzte Dorf reichende Infrastruktur im gan­zen Land und für ihre Gottesdienste, sozialen Programme und pastoralen Verlautbarungen usw. über einen verhältnis­mäßig weitgestreckten Freiraum. Damit wurde sie zur wichtig­sten moralischen Instanz im Lande, deren Stimme intern und extern eine ge­wisse Beachtung fand. Dabei spielten, im Unterschied zur katholischen Kirche in Argentinien, die ihr rigoroser Antikommunismus angesichts der unsäglichen Gräuel des Regimes der Generäle hatte blind werden lassen, in Brasilien selbst so namhafte Repräsentanten des Episkopats wie Kardinal D. Eugenio Sales, der zu den markanten Vertretern einer eher konservativen Linie gehörte, oft eine wichtige Rolle. Obgleich entschiedener Gegner der „Theologie der Befreiung“, wusste er seinen guten Draht zu mächtigen Militärs wie General Frota zu nutzen, wenn es darum ging, Unmenschlichkeiten gegen politische Gefangene anzuzeigen. Damit befand er sich voll im Kontext der CNBB und der gesamten brasilianischen Kirche, deren Devise es war, den Dialog mit den Mächtigen zu pflegen, um Menschen zu retten, wo dies möglich war. So hatte D. Eugenio z.B. in den Tagen einer brutalen Jagd auf Kommunisten in einem offiziellen Schreiben an die Sicherheitsbehörde auf die Wichtigkeit der Auffindung einer Gruppe von Gefangenen, die „verschwunden“ sei, hingewiesen. Dies würde die Absicht der Regierung, die Menschenrechte zu achten, unter Beweis stellen. (O GLOBO, 3.3.2008)

„Die Kirche ist die einzige brasilianische Institution, die nicht in Verruf geraten ist und die bei der Bevölkerung Kre­dit genießt.“ Im Oktober 1967 verbreiteten 300 Priester in der Tagespresse den „Brief von Belo Horizonte“, ein Wort zur Stellung der Kirche angesichts des sozialen Elends, auf das der Innenminister Albuquerque Lima sehr gereizt reagierte. Er sprach ironisch von den „Priestern und Bischöfen der feiernden Linken“. In Volta Redonda, einem ständig von sozialen Krisen erschütterten Gebiet, kam es zur Verhaftung einiger Priester und Diakone. Die Erzbischöfe von São Paulo bzw. Belo Horizonte quit­tierten die staatlichen Unterdrückungsmaßnahmen durch ihr Fernbleiben bei der Ehrung des Präsidenten Costa e Silva im Oktober bzw. Dezember 1968.

Von nun an machte die staatliche Unterdrückung auch vor dem Klerus nicht mehr Halt. In etwa drei Jahren hatte man nicht weniger als 29 Priester verhaftet und vor Gericht gestellt. Im Mai 1969 geschah in Recife der Mord an dem Priester und Soziologieprofessor Antônio Henrique Pereira Neto. Das Militärgericht in Juiz de Fora klagte 1973 gleich 38 Priester des Umsturzes an. Schließlich wurden selbst Bischöfe bedroht, kirchliche Institute, wie das Instituto Brasileiro de Desenvol­vimento (IBRADES) in Rio, besetzt und der damalige Gene­ralsekretär der CNBB, Kardinal Aloisio Lor­scheider, verhaftet. Die Bischöfe Hélder Câmara von Recife, Fragoso von Cratéus, Paulo Evaristo Arns von São Paulo und andere gerieten immer stärker in die Schusslinie des Militärs. D. Paulo hatte wiederholt schriftliche Todesdrohungen erhalten. Er befand sich stets in Lebensgefahr. Die Militärs hatten einen „Unfall“ geplant, um sich dieses „gefährlichen Elements“ zu entledigen. D. Hélder wurde buchstäblich beschossen: fünfmal drangen Kugeln in seine Residenz ein. Ich habe die Einschusslöcher bei einem späteren Besuch noch sehen können.

Im Oktober 1970 wandte sich auch die Evangelische Kirche Lutherischen Bekenntnisses in Brasilien (EKLBB) mit einem „Manifest“ an den damaligen Präsidenten Emílio Garrastazú Médici, in dem auf „unmenschliche Praktiken, vor allem im Zusammenhang mit der Behandlung politischer Gefangener“, hingewiesen wurde. Unter anderem hieß es in diesem Mani­fest: „Auch in Ausnahmesituationen sind Verhaltensweisen, welche die Menschenrechte verletzen, nicht zu rechtfertigen.“

Das gespannte Klima im Verhältnis Kirche und Staat wäh­rend der Regierung Médici ließ sich auch aus einem 1973 von Erzbischof Fernando Gomes, Mato Grosso, veröffentlichten Hirtenbrief ablesen: „Es herrscht ein Regime der Gewalt, in dem alle überwacht und in den Archiven des Schreckens registriert sind.“ Dem vom Regime geför­derten Antikommunismus stehe ein Totalitarismus gegenüber, „der die Methoden eines kommunistischen Regimes über­nahm“. Alles werde als umstürzlerisch betrachtet, „was den unantastbaren Zielen des Regimes entgegensteht, die zu erreichen ihm alle Mittel, auch die infamsten, recht sind“.

Zur Charakterisierung des „Klimas“ im Verhältnis Staat - Kirche ist folgender Vorfall äußerst aufschlussreich: Präsident Médici hatte D. Paulo im Verlauf einer Audienz einmal angefahren, er „verteidige Banditen, die Unschuldige umbrächten, Botschafterentführer, die Minister bedrohten.“ Sein Platz sei „in der Sakristei“, (ähnlich wie es auch im Jahre 2007 der Präsident von Paraguay einem dortigen Bischof gegenüber formulierte, als er voller Zorn erklärte que no se meten en política - die Priester sollten sich gefälligst nicht in die Politik einmischen. (Inzwischen wurde jener einstige Bischof - Lugo - am 20.4.2008 - mit großer Mehrheit zum Präsidenten von Paraguay gewählt!) In Argentinien hatte zu Zeiten des Peronismus die „Bewegung der Priester der Dritten Welt“ von sich reden gemacht, bis die meisten jener „Priester für den Sozialismus“, wie sie sich anderorts auch nannten, sich mit dem Aufkommen der Militärdiktatur der stock-konservativen hierarchischen Kirche „beugten“ oder, sofern es ihnen nicht gelungen war, das Land rechtzeitig zu verlassen, im Kerker sassen und dann die Zahl der „Verschwundenen“ vergrößerten. In Brasilien hatten die Padres die Geborgenheit der Sakristei verlassen und waren auf die Straßen oder auf die Felder gegangen, um den Menschen in ihrem Umfeld nahe zu sein und beizustehen. Die Zeiten, zu denen die Kirche als Stütze der Mächtigen - im „Mikro- und Makrokosmos“ des riesigen Landes - gewirkt hatte und für Ordnung sorgte - vom Sklavenhaus bis zum Herrenhaus - und in denen der Padre gleichsam als Agent des Staates unter den Menschen wirkte, waren vorbei, offenbar ohne dass dies auch alle bereits bemerkt hatten. Der traditionelle Pfarrherr, der - zurückgezogen in seinem Haus oder in der Sakristei - die Sakramente verwaltet, und der nur zur Messe und in besonderen feierlichen Momenten des Lebens seiner Schäfchen in Erscheinung trat - Geburt und Grab, dazwischen die Trauung - diese Spezies von Priestern, die Ivan Illich in seinem Buch The vanishing clergymen beschrieben hatte, gehörte der Geschichte an.

Als Ernesto Geisel für die Präsidentschaft nominiert wurde, setzte man im ganzen Land große Erwartungen auf eine bal­dige allgemeine Entspannung. In der EKLB setzte man auf den deutschstämmigen Präsidenten, der eine evangelische Er­ziehung genossen hatte, besondere Hoffnung. „Wenn nun zum ersten Mal einem Lutheraner eine solche Verantwortung übertragen wird“, hieß es in einer Erklärung der EKLB, „müssen wir ihm etwas sagen (und wir hoffen, dass er es versteht) von unserer tiefen Sorge um die Mehr­heit des brasilianischen Volkes, von seinem Streben nach Frie­den, von seinen materiellen Bedürfnissen nach Arbeit, nach Schulbildung, nach Lebensunterhalt, kurz: nach einem men­schenwürdigen Leben.“

Auch die Bischöfe des Staates São Paulo meldeten sich erneut exemplarisch zu Wort. Auf ihrer Versammlung vom 27. - 30.10.1975 verabschiedeten sie unter dem Titel Não Oprimas Teu Irmão - Du sollst Deinen Bruder nicht unterdrücken - eine Erklärung. Aber auch die CNBB sah sich gezwungen, am 17.2.1977 einen Brief an die Diözesen zu richten, in dem es um die Exigências Cristãs de uma Ordem Política - Christliche Forderungen nach einer Politischen Ordnung - ging.

Die auf eine Politik der Entspannung gerichtete Hoffnung der Brasilianer erfüllte sich erst einmal nicht - abgesehen von einigen bescheidenen Anzeichen einer gewissen Liberalisierung - zumindest bis Ende 1976 nicht. Die ständige Verletzung von Menschenrechten hielt an. Die soziale Ungerechtigkeit hatte sich nicht verringert, sondern war infolge der Wirtschaftskrise nur noch spürbarer geworden.

Dementsprechend nahm in der Bevölkerung der Unmut gegenüber den Militärs zu, und auch im Klerus fand diese Stimmung ihren spezifischen Widerhall. Die Repression ließ nicht auf sich warten. In diese Atmosphäre war auch der nordamerikanische Missionar der United Methodist Church, Fred Birten Morris, hineingeraten, als er in Recife zu wirken begann. 1974 wurde er dort unter falschem Verdacht von Sicherheitskräften gekidnappt und in der Gefangenschaft schwer mißhandelt, bis man ihn aufgrund eines Ausweisungsdekrets der Regierung Geisel abschob. Sein „Verbrechen“ war das christliche Engagement zugunsten der Miserablen und Ausgeschlossenen gewesen.

Die Kirche hatte sich in all diesen Jahren unbeirrt mahnend und anklagend zu Wort gemeldet. Es gab ungezählte Er­klärungen und Proteste der katholischen Kirche wie der ver­schiedenen evangelischen Kirchen, in denen zu Menschen- und Bürgerrechtsfragen, zum Bodenrecht, zum Indianerpro­blem, zu Eingriffen in die kirchliche Arbeit usw. klar Stel­lung bezogen wurde. Ein Beispiel dafür ist der „Fall“ des im Gewahrsam der Militärs ermordeten Fernsehjournalisten Vladimir Herzog, der, wie manche es sahen, die Geschichte Brasiliens veränderte.

Im September 1977 drohte die Ausweisung des Bischofs Casaldáliga. Aus diesem Anlass veröffentlichte die Päpstliche Kommission für Gerechtigkeit und Frieden zusammen mit 19 anderen Organisationen am 18. 9. ein Manifest „Für Gerechtigkeit und Befreiung“, das in seiner Weise einen Eindruck vom systematischen Vorgehen rechts-radikaler Orga­nisationen und der Regierung gegen die Kirche zeugte, indem es die seit 1964 ausgewiesenen Pfarrer und Ordensleute auf­zählte: 1964 war Pfarrer Francisco Lage, Belo Horizonte, zu 28 Jahren Haft verurteilt worden. Es gelang ihm, in der mexika­nischen Botschaft Asyl zu finden und das Land zu verlassen. 1966 hatte man den amerikanischen Pastor Brady Tyson ausge­wiesen, 1967 den französischen Diakon Guy Thibault, 1968 den französischen Priester Pierre Wauthier, 1969 den belgischen Pater Jan Honoré Talpe. 1970 wurde Schwester Maurina Borges verhaftet und nach Mexiko verbannt, 1971 der Domi­nikanerbruder Tito de Alencar Lima nach Chile. Ebenfalls 1971 wurde der italienische Pfarrer José Pedandola ausge­wiesen. 1972 verweigerte man Pater José Comblin, dem bel­gischen Professor und Mitarbeiter Hélder Câmaras am Theo­logischen Institut von Recife (ITER), das Recht auf Wiedereinreise nach Brasilien. 1974 wurde der 1964 von der nordamerikanischen Mutterkirche nach Brasilien entsandte methodistische Pastor Frederick Birten Morris von Sicherheitskräften entführt, inhaftiert und gefoltert, bis man ihn aufgrund eines Ausweisungsdekrets der Regierung Geisel abschob. Erst 1988 hob man das über ihn verhängte Wiedereinreiseverbot auf. 1975 wurde der französische Priester Francisco Jentel ausgewiesen. Er hatte sich in Mato Grosso für Kleinlandwirte, die von der Vertreibung durch einen landwirtschaftlichen Großkonzern bedroht waren, eingesetzt. Das Oberste Militärgericht verurteilte ihn daraufhin 1973 wegen seiner „subversiven Haltung“ zu 10 Jahren Gefängnis. Obwohl er später von allem Verdacht freigesprochen worden war, wurde 1976 das Ausweisungsdekret gegen den italienischen Pater Giuseppe Fontanella verkündet.

Auch im Jahr des Reformkurses, 1978, hatte sich das Klima nicht wesentlich verändert. Im Juli hatte D. Paulo Evaristo Arns schriftliche Todesdrohun­gen erhalten. Der Erzbischof von Paraíba, D. Jost Maria Pires, übergab der Presse einen Brief, in dem er mitteilte, dass die Entführung eines seiner Mitarbeiter für Fragen der Menschenrechte, des Rechtsanwalts Vanderly Caixe, sowie des stellvertretenden Erzbischofs D. Marcelo Cavalheira, der sich besonders für die Rechte der Landarbeiter eingesetzt hatte, geplant sei. Bischof D. Jost Brandão de Castro, Propriá, informierte die Bundespolizei über Todesdrohungen, die er und seine Mitarbeiter erhalten hätten, und bat um Sicherheits­garantien. Dennoch sprachen hohe Kirchenmänner wie Kardinal Arns lieber von „Meinungsverschiedenheiten in Bezug auf die Menschenrechte“ als von einem „Konflikt zwischen Kirche und Staat“. Wenn schon Konflikt, dann in umgekehrter Reihenfolge: Staat und Kirche.

Tatsache ist, dass die Christen Lateinamerikas immer stärker auf die Teilnahme ihrer jeweiligen Kirche an der politischen Diskussion drängten. So hatte sich im Oktober 1978 die 11. Kirchenver­sammlung der EKLB in Florianópolis ausdrücklich dafür ausgesprochen, dass die Lutheraner endlich aufhören müßten, „eine Kirche des Schweigens“ zu sein, und dass jeder Christ sich mit politischen Angelegenheiten zu befassen habe.“ Was eine Auseinandersetzung des Staates mit einer politisch herangereiften neuen Christenheit in Lateinamerika für die Kirche zu jenen Zeiten de facto bedeutete, hatte Bischof Pedro Casaldálgia so ausge­drückt: „Unsere Kirche ist wieder die Kirche der Kata­komben.“

Zur Zeit der „Öffnung“ begannen sich, nicht anders als auf dem Felde der großen Politik, auch in der Kirche die Koordinaten zu verändern und es schien so, als ob das Pendel nun wieder nach rechts ausschlagen würde. Primär religiöse Aspekte traten mehr und mehr an die Stelle des sozialen Engagements der Priester. Einen gewissen Reflex dieser veränderten Situation bildet ein kurzer Blick auf ein Interview das der Journalist Edson Luiz mit dem als „progressiv“ geltenden Bischof von Pelotas-RS, D. Jayme Chemello, Vizepräsident der CNBB (ZH 18.5.95) im Anschluss an die Zusammenkunft der brasilianischen Bischöfe in Itaici-SP führte und in dem er bekräftigte, die Kirche werde auch künftighin auf der Seite der Ausgeschlossenen verbleiben. Die Mehrheit de Episkopats hatte sich bei einer Neuwahl des Leitungsgremiums der CNBB soeben den als konservativ geltenden Erzbischof von Salvador, D. Lucas Moreira Neves, als ihren neuen Vorsitzenden gewählt. Dieser hatte bei der Wahl am 15. Mai 1995 145 Stimmen erhalten, 33 Stimmen mehr als sein Gegenkandidat, D. Jayme, für den sich lediglich112 Bischöfe ausgesprochen hatten. Auf die Frage des Journalisten, ob die Kirche nun den Nachdruck anstelle des sozialen Engagements auf die Evangelisation legen werde, antwortete der neue Vizepräsident der CNBB: „Die Kirche wird sich nicht vom Volk entfernen. Die Bischöfe wissen, dass die soziale Frage vom Papst verteidigt wird.“ Im übrigen gelte: „Wer sich um die Armen und um die Menschenrechte kümmert, betreibt Evangelisation.“ Sich um das brasilianische Volk zu kümmern sei wichtiger als die Sorge um Petroleum, fügte D. Jayme hinzu. Er wusste auch, dass letzten Endes die Pfarrer an der „Frontlinie“ des Kampfes um mehr Gerechtigkeit den Ausschlag gaben und nicht die Bischöfe.

De facto befanden sich die von der „Theologie der Befreiung“ geprägten sog. „progressiven“ Kräfte mittlerweile in der Minderheit. Hatten sie in den 70er Jahren noch knapp zwei Drittel der Diözesen und Erzdiözesen ausgemacht, so waren es eine Generation danach - 1995 - nur noch etwa ein Viertel von ihnen. Dies hing zweifellos mit einer Richtungsänderung der vom Vatikan vertretenen Politik zusammen. Überall, und man konnte dies besonders deutlich im Erzbistum von Olinda und Recife beobachten, wurden in die zuvor von Vertretern der Igreja Progressista besetzten Parochien und Bistümer systematisch „Konservative“ berufen. Ein bezeichnendes Beispiel für eine solche Strategie war die Suspension des Padre Reginaldo Veloso und Entfernung aus seiner Gemeinde Morro da Conceição durch den Nachfolger D. Hélders, Erzbischof D. José Cardoso. Der Priester hatte in einer Problemzone der Stadt zusammen mit den Bewohnern des Viertels, mit einer NGO , dem Staat und einer Gruppe von Freiwilligen aus Recife ein vorbildliches Sozialwerk aufgebaut. Es gab einen funktionierenden Einwohnerrat, eine Kinderkrippe, mehrere Schulen, einschließlich berufsfördernder Kurse, Gesundheitsberatung, Physiotherapie, Musik- und Tanzunterricht und sogar ein Zentrum zur Betreuung und Förderung körperlich und geistig behinderter Kinder. Trotz aller Proteste der Gemeinde mußte Padre Reginaldo gehen. Und dies war kein Einzelfall im Erzbistum.

Den Höhepunkt der erzbischöflichen Intoleranz bildete die Maßregelung des weit über seine Pfarrei - Casa Forte/Recife - hochgeachteten Pfarrers Edvaldo Gomes, der im September 2007 seitens der römischen Glaubenskongregation wegen eines Verstoßes gegen den Codex Iuris Canonici nach 36jährigem segensreichen Wirkens in der historischen Pfarrei - kurz vor seinem Eintritt in den Ruhestand - für drei Monate von seinen priesterlichen Amtspflichten suspendiert und dazu verurteilt wurde. seiner Parochie für 3 Monate fernzubleiben. Padre „Edivaldo“, wie ihn alle nannten, überbrücke das vom Erzbischöflichen Sekretariat verkündete befristete Berufsverbot durch einen „retiro espiritual“ - übersetzen wir dies hier einmal „mit einem geistlichen Rückzug (!)“ Das Motiv der bischöflichen Anklage und der folgenden Bestrafung durch die Glaubenskongregation bildete die menschenfreundliche ökumenische Weitherzigkeit des allseits verehrten Priesters. Zur Zelebration seines 50. Priesterjubiläums hatte er auch zwei Vertreter der Anglikanischen Gemeinde eingeladen. Ihr Mitwirken bei der feierliche Messe bildete einen verstoß gegen Canon 908 des Codex Iuris Canonici. Padre Edvaldo bekräftigte, wie in der kirchlichen Presse berichtet wurde, in aller Demut seine Liebe und Treue zur Heiligen Kirche, der er sein Leben geopfert hatte. Es spricht Bände, dass sogar die Abgeordnetenkammer des Staates Pernambuco gegen die Maßregelung dieses Geistlichen protestierte. Pe. Edvaldo hatte, um nur dieses Detail zu erwähnen, auf Wunsch der Angehörigen die kirchliche Bestattung des früheren Gouverneurs Miguel Arraes vorgenommen.

Ich durfte die ökumenische Offenheit Pe. Edvaldos vor Jahren persönlich erfahren: Am Samstag, dem 12. Februar 2000 gegen 16.00 Uhr vollzog ich in der Kirche von Casa Forte die Taufe unserer Enkeltochter Tainá. Ein paar Tage zuvor hatte ich den katholischen Kollegen in seinem Büro aufgesucht, um ihn zu bitten, mir bei der bereits zuvor angemeldeten Taufhandlung zu erlauben, als der Opa aus Deutschland ein paar Worte zu sagen. Als ich im Verlauf unseres Gesprächs erfuhr, Padre Edivaldo sei ein guter Freund und Verehrer Dom Hélders gewesen, erzählte ich ihm die Geschichte der Soziologiestudentin Maria do Socorro de Magalhães. Auf Bitten von D. Hélder Câmara hatte ich mich zu Anfang der 70er Jahre dafür eingesetzt, dass Nina, wie wir sie nannten, unter der Protektion der Evangelischen Kirche in Deutschland das Land verlassen und in der Bundesrepublik Deutschland weiter studieren durfte. Sie hatte an der UFPe studiert und daneben zur Sicherung ihres Lebensunterhalts an drei Schulen unterrichtet. Im Zusammenhang mit der Semana Nacional de Sociologia in Belo Horizonte während des 1. Semesters des Jahres 1972 hatte die Bundespolizei Nina zusammen mit einigen Kommilitonen verhaftet und mit verbundenen Augen misshandelt, interrogiert, der Folter unterzogen, indem man ihr befahl, sich nackt und mit am ganzen Körper befestigten elektrischen Drähten auf den nassen Fußboden zu legen. Zweimal täglich wurde sie einer solchen Prozedur ausgesetzt. Die Polizei versuchte vor allem, von Nina Informationen über den Verbleib ihrer Schwester zu erhalten, deren Name auf der Fahndungsliste des Sicherheitsdienstes stand. Nach etwa einem Monat wurde Nina schließlich entlassen. Als man sie entließ, wog sie nur noch 37 kg. Da man ihr nicht gestattete, die Wohnung, die sie gemeinsam mit ihrer Schwester, die flüchtig war, gemietet hatte, zu betreten, brachte sie de erste Nacht nach ihrer Freilassung im Treppenhaus zu. Es gelang ihr, sich mit Hilfe von Freunden so gut wie möglich durchzuschlagen. Im Instituto de Teologia von Recife (ITER), das D. Hélder besonders am Herzen lag, fand sie den Rückhalt, dessen sie damals bedurfte. Die postalische Korrespondenz in Ninas Angelegenheiten musste über Albrecht Baeske, seinerzeit Gemeindepfarrer der EKLB in Recife, laufen, da Nina aus Sicherheitsgründen keine Adresse mehr besass. Ich erinnere mich, dass ich ein paar Jahre später Ninas Schwester, deren Name auf der Fahndungsliste des SNI stand, „im Untergrund“, das hieß in diesem Fall konkret in einem etwas abgelegenen Stadtteil von Porto Alegre-RS, besuchte, um ihr Grüße der Schwester aus Deutschland zu übermitteln. Im Gespräch mit dem Padre gab ich dann noch eine wunderhübsche Anekdote zum besten, die mir D. Hélder einmal erzählt hatte: die estória von der doutora und dem Fischer, dessen Ratschlag am Ende eines Gesprächs mit jener jungen Soziologin aus Rio de Janeiro gelautet hatte: Temos que trocar a nossa ignorância - wir müssen unsere Unwissenheit austauschen! Nachdem ich diese Anekdote erzählt hatte, wurde ich ohne langes Federlesen eingeladen, die Taufhandlung zu übernehmen. Eine erstaunliche Offenheit! Der batismo der kleinen Tainá in der Igreja de Casa Forte war für 17.00 Uhr - im Anschluss an eine Messe für Familien - angesetzt. Pe. Edvaldo hatte mich nach der vorangehenden Messe der Gemeinde vorgestellt und angekündigt, dass der anwesende Pastor luterano da Alemanha nun sein Enkelkind taufen werde. Die ganze Gemeinde klatschte Beifall. Anstatt, wie zuvor besprochen, an der Kasualie mitzuwirken, sagte mir Pe. Edvaldo in der Sakristei, es sei nicht sehr sinnvoll, wenn er während der Taufe auch zugegen wäre, ich solle die Amtshandlung allein vollziehen und zwar ganz genau so, wie es in meiner Gemeinde üblich sei. - Sieben Jahre später wurde dieser Mann, ein weltoffener Priester mit Leib und Seele, wegen seiner ökumenischen Aufgeschlossenheit schändlich gestraft. Der Buchstabe des Gesetzes galt in den Augen der Traditionalisten mehr als applizierte Liebe zu den Mitmenschen.

Die Liste der im Gefolge einer rückwärtsgewandten Politik des Vatikans ist lang. Es wurden viele lateinamerikanische Theologen, die mehr oder weniger der „Theologie der Befreiung“ anhingen, gemaßregelt oder exkommuniziert, angefangen bei dem weltbekannten nicaraguanischen Jesuiten Ernesto Cardenal, bis hin zu Gustavo Gutiérrez und dem Brasilianer Leonardo Boff. Prof. Houtart vom Instituto de Teologia von Recife (ITER) ging nach Europa zurück und am Ende wurde das Institut ebenso geschlossen, wie das Seminar des Nordostens, beide von Dom Hélder gegründet. Diesen selbst vermochte man nicht disziplinarisch anzutasten, er verstarb ja auch noch rechtzeitig, in seiner Diözese allerdings räumte man rücksichtslos auf. Alle „seine“ Leute wurden nach und nach entfernt; Pe. Edvaldo war wohl als einziger noch übriggeblieben, bis es 2007 auch ihn erwischte. Er waren nicht wenige Katholiken aus Recife, die mir um die Jahrtausendwende sagten: „Wenn Dom Hélder noch lebte, wäre Padre „Edivaldo“ längst Bischof!“

Die neue Politik des Episkopats musste sich letztendlich auch auf die Arbeit der CNBB auswirken. Von dort kamen allerdings durchaus noch Töne, wie die des scheidenden Vorsitzenden D. Luciano Mendes de Almeida, der im Juli 1994 das persönliche Engagement der Bischöfe und Priester in Fragen der Politik befürwortete. Es handle sich dabei um einen notwendigen Dienst am Vaterland, der zum Erziehungsauftrag der Geistlichen gehöre.

Die Kirche kehre zurück zum catolicismo à moda antiga, de hostia, incenso, coroinhas, batinas e oração - zu einem altmodischen Katholizismus mit Hostie, Lobgesängen, Krönchen, Priesterröcken und Gebet - kommentiert veja (24.5.95). Wenn die eigentlichen Merkmale des „ultramontan“-konservativen Katholizismus, der die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts in der noch kaum erwachsenen Republik beherrscht hatte, in einem starren Ritualismus und rigorosen Moralismus bestanden hatten, so war die Kirche gegen Ende des zweiten Jahrtausends nun wieder zu der Gestalt zurückgekehrt, in welcher sie in einer konservativen katholischen Strömung wie dem Movimento Familiar Cristão gepflegt wurde; dann entsprach sie in frappierender Weise der Religiosität, die man aus der Bewegung TFP (Tradição, Família e Propriedade) bestens kennt.

Es fällt schon auf, dass anstelle von Begriffen wie pastoral da terra nun von einer pastoral Litúrgico-musical die Rede ist, wie in der Diözese Bagé, im Grenzgebiet zu Uruguay, deren Bischof, D. Gílio Felicitas, sich derzeit engagiert um die Anschaffung einer Orgel der traditionellen Firma Bohn , Novo Hamburgo, bemüht, wie er mir im Mai 2008 erzählte, als ich ihn in seiner neuen Umwelt unter den riograndenser fazendeiros besuchte. Die Entwicklung der Römisch-katholischen Kirche nach dem Vaticanum II bis zum neuen Millennium lässt deutlich eine Phase der Reorientierung erkennen, um es hier einmal so auszudrücken. Man legt stärker als bislang Wert auf die spirituellen Elemente der Religion und misst dem Engagement in Sachen der res publica weniger Bedeutung bei, eine durchaus bemerkenswerte Koinzidenz. Dies alles korrespondiert erkennbar auch mit der päpstlichen „Rehabilitierung“ des Lateinischen im gottesdienstlichen Gebrauch. Dass bereits Kardinal Joseph Ratzinger als Chef der Glaubenskongregation kein Freund der von lateinamerikanischen Theologen vertretenen „Theologie der Befreiung“ gewesen ist, zeigte sich u. a.. an seinem - glücklicherweise vergeblichen - Bemühen, Männer wie P. Gutiérrez durch disziplinäre Maßnahmen mundtot zu machen.

Das Bild des neuen Präsidenten der CNBB, D. Lucas Moreira Neves, entsprach den Merkmalen eines „altmodischen Katholizismus mit Hostie, Lobgesängen, Krönchen, Priesterröcken und Gebet“ in jeder Hinsicht. Er lebte sozusagen in der Welt des 19. Jahrhunderts, in der die Kirche noch der Mittelpunkt des Dorfes war und in der man dem padre vigário noch mit dem alten Gruß „gelobt sei Jesus Christus“ die Zeit bot, wie es bei den Bauern im Landesinneren hieß. Das Fernsehen hielt er für ein Instrument im Dienst des Bösen. Obgleich, wie selten ein Bischof, in einer Umgebung von Menschen afrikanischer Herkunft agierend, waren die afro-brasilianischen Kulte in seinen Augen dämonisch. Bezeichnend für die Haltung D. Lucas‘ war es auch, dass er 1998 den schwarzen Bischof D. Gílio Felício, der es liebte, in afrikanischen Gewändern zu zelebrieren und der seine Sympathie für die afro-brasilianischen Traditionen nicht verhehlte, aus der Stadt verbannte. Ein weiterer Punkt auf seinem Programm war der Kampf gegen die „Promiskuität“. Die Benutzung von Kondomen, die Anwendung aller Verhütungsmittel oder Praktiken außer Keuschheit brandmarkte er als unmoralisch. Die von ihm vertretene Sexualmoral - von „Ethik“ konnte man in diesem Fall auf keineswegs sprechen - entsprach mittelalterlichen Vorstellungen. Geburtenkontrolle, Schwangerschaftsunterbrechung, Geschlechtsverkehr außerhalb einer kirchlich approbierten ehelichen Bindung standen auf dem Index. Auf seine konservative Einstellung hin angesprochen, erwiderte er: „Wenn jemand, der den Glauben und die ethischen und moralischen Werte der Gesellschaft konserviert, als konservativ gilt, dann fühle ich mich nicht betroffen, wenn man mich so bezeichnet. Die wichtigste Aufgabe der Kirche ist die Evangelisation.“ Dies ist die eine Seite der Medaille. Die andere ist nicht weniger bezeichnend. Sie reflektiert sich in einer Begebenheit aus dem Jahr 1969. Damals war D. Lucas Moreira Neves Weihbischof in São Paulo.

Zu jener Zeit, seit September 1969, befanden sich im Zuge der Bekämpfung der von Carlos Marighela gelenkten Stadtguerrilha - Ação Libertadora Nacional (ALN) - vier Ordensbrüder, Dominikaner wie D. Lucas, unter ihnen frei Beto (Carlos Alberto Libânio Cristo), Ives do Amaral Lesbauspin und Fernando de Brito sowie frei Tito de Alencar Lima - in Haft. Bei einem späteren Prozess durch die Militärjustiz hatten sie sich gegenüber insgesamt 134 verschiedenen Anklagen wegen Verbrechend gegen die Nationale Sicherheit, insbesondere der subversiver Tätigkeit in Komplizenschaft mit den erschossenen Terroristenführern Carlos Marighela und Joaquim Câmara Ferreira zu verantworten. Man legte ihnen zur Last, Carlos Marighela und Câmara Ferreira versteckt gehalten haben. Darüber hinaus hätten sie sich um einen falschen Pass bemüht. Brito soll gestanden haben, die Dominikanergruppe, der sich Marighela angeschlossen und laufend Kontakt zu ihm gehalten habe, angeführt zu haben. Im Sommer 1968 soll die Polizei entdeckt haben, dass das Kloster der paulistaner Dominikaner ein Hauptquartier Marighelas sei. Auf Veranlassung D. Paulos habe man damals die Untersuchung eingestellt. Ein Jahr später sei der Skandal ans Tageslicht gekommen, als 2 Dominikaner Geständnisse abgelegt hatten. Später wurde immer wieder behauptet, zwei der Gefangenen hätten der Folter nicht standgehalten und schließlich dem berüchtigten Polizeichef Fleury geholfen, das Versteck Marighelas ausfindig zu machen.

D. Lucas, begleitet vom Provinzial der Dominikaner in São Paulo, frei Domingos, besuchte die vier Ordensbrüder. Dabei war es ihm nicht entgangen, dass die Inhaftierten schwer misshandelt worden waren. Als man ihn jedoch bat, über den Besuch bei den Patres einen Bericht abzufassen, weigerte er sich. Man habe ihn nicht um einen Appell gegen die Folter zur Veröffentlichung gebeten, sondern um einen nüchternen Bericht für den internen Gebrauch, erläuterte später frei Ivo (Ives do Amaral Lebauspin) einer der vier Häftlinge. Der Weihbischof hatte die Gräuel in den Kellern der Gefängnisse gesehen, jedoch darüber geschwiegen. Frei Tito wurde später gegen den entführten Schweizer Botschafter Giovani Enrico Bucher ausgetauscht und verbannt. In einem Waldstück des französischen Klosters, das ihn aufgenommen hatte, nahm sich 1974 durch Erhängen das Leben. Auch frei Beto bezog sich in seinem Buch Batismo de Sangue auf D. Lucas: Beim Prozess gegen frei Tito hatte dessen Verteidiger D. Lucas als Zeugen dafür benannt, dass sein Mandant gefoltert worden sei. Der hohe Würdenträger weigerte sich auszusagen, mit der Bemerkung, eine Aussage könne seinen seelsorgerlichen Aufgaben schaden. (veja, 24.5.95)

Im Verlauf eines Interviews, das ich am 15. 1. 1981 mit D. Hélder Câmara geführt hatte, war dieser auf meine Rückfrage hin noch einmal auf die Situation im Lande während der Militärdiktatur zurückgekommen. Ich hatte den Erzbischof auf sein Buch „Bekehrun­gen eines Bischofs“ angesprochen. Dort oder möglicherweise auch in einem anderen seiner Bücher glaubte ich zwischen den Zeilen eine gewisse Besorgnis hinsichtlich der politischen „Öffnung“ in Brasilien erkannt zu haben: Auf die Öff­nung zu vertrauen sei eine Illusion. So fragte ich nun ganz direkt: „Sehen Sie eine akute Gefahr für die abertura - Öffnung? Meinen Sie, es könnte bald einen Rück­schlag geben?“ Die Antwort lautete: „Ich spreche normalerweise nicht nur über mein Land, zumal, so unwahrscheinlich dies auch klingen mag, das, was sich heute in einem Land ereignet, sich leicht in anderen Ländern wiederholt, manchmal in unterschiedlicher Ausprägung. In Lateinamerika zum Beispiel gibt es eine Ideologie der Natio­nalen Sicherheit. Das ist eine sehr ernste Sache, weil die nationale Sicherheit als der höchste Wert angesehen wird. Sehen Sie, wenn man einen Wert absolut setzt, dann ist dies Idolatrie, Götzendienst, und jeder Götzendienst bringt Unglück. Es handelt sich bei der nationalen Sicherheit wirklich um den höchsten aller Werte: alles ist erlaubt, diesen Wert aufrecht zu erhalten: Entführungen, Folter, das Verschwindenlassen von Menschen, das Töten von Menschen. Aber sehen Sie, dies ist weit davon entfernt, nur ein lateinamerikanisches oder nur ein Problem der Dritten Welt zu sein. Ich beobachte, wie man heute unter allen möglichen Vorwänden und unter Berufung auf die nationale Sicherheit mit der Möglichkeit des Krieges spielt. Noch immer gilt der alte römische slogan: Wollt ihr Frieden, dann rüstet für den Krieg. Paul VI hat diesen slogan geschickt abgewandelt, als er sagte: „Wollt ihr Frieden, dann bereitet den Frieden.“

Da sich zu jener Zeit nicht nur im politischen Bereich gravierende Änderungen abgezeichnet hatten, sondern auch im Bereich der Kirche eine gewisse Neuorientierung zu beobachten war, fragte ich ganz gezielt auch nach D. Hélders Beurteilung der Situation: „Ich habe in diesen Wochen in den Andenländern, aber auch in Paraguay, und hier in Brasilien mit vielen Menschen gesprochen, die großen Respekt vor der Kirche haben, besonders angesichts ihres sozial-politischen Engagements. Nun las ich von dem Weihnachtsbrief des Papstes an die brasilianischen Bischöfe und spürte bei seiner Lektüre eine gewisse Besorgnis, dass die Kirche in Brasilien sich auf die alten konservativen Positionen zurückziehen könnte und dass die Priester wieder in die Sakristei zurückkehren würden. Ist dies tatsächlich eine Gefahr?“ D. Hélders Antwort war von ungewöhnlicher Präzision: „Nein, nicht im geringsten. Der Papst war hier bei uns. Schon bevor er kam, ließ er darüber keinen Zweifel, dass er nicht als Tourist zu kommen gedenke, sondern als Pilger. Er wollte nicht nur Städte besuchen, sondern unsere Probleme kennen lernen und mit den Bischöfen zusammenkommen, und da gab es zehn, zwölf Begegnungen. Er bestand darauf, seitens der örtlichen Kirchen Zahlen, Informationen und Berichte zu bekommen, denn er wollte nicht nur als Tourist kommen, sondern als Pilger der Kirche. Hier zum Beispiel habe ich ihm vorgeschla­gen, über die Landarbeiter, die camponeses zu sprechen. Es war einfach bewundernswert, wie er das ihm zur Verfügung gestellte Material auswertete, einfach bewundernswert. Was nun die Posi­tion der Kirche betrifft, so ließ er nicht den geringsten Zwei­fel daran, dass die gesamte Kirche, einschließlich der hierarchi­schen, sich nicht aus der Politik im Sinne der Sorge angesichts der großen Probleme der Menschheit und der Verteidigung der Menschenrechte, die keine Erfindung der Vereinten Nationen sind, zurückziehen darf. Den Vereinten Nationen gebührt der Ruhm, die Menschenrechte zu verkünden, aber sie stammen von Gott selbst, der diese Rechte in unser Fleisch und in unseren Geist geschrieben hat, und kein Mächtiger dieser Welt wird diese Rechte unterdrücken dürfen. Die Rechte der Menschen zu vertei­digen und uns zur Verteidigung einer gerechteren Welt zu schlagen, ist also nicht nur ein Recht sondern eine Pflicht einer jeden menschlichen Kreatur und mehr noch eines Christen und, ganz selbstverständlich, eines Pastors. Was allerdings die Parteipolitik anbelangt, so ist diese traditionsgemäß ein be­sonderes Wirkungsfeld der Laien. Wir müssen so weitsichtig sein, unsere Laien vorzubereiten, damit sie aus den verschiede­nen Parteien, sofern es verschiedene Parteien gibt, und der Programme derjenigen Personen, die diese Programme vertreten, und auch im Zusammenleben - die Erfahrung selbst ist ein guter Lehrmeister - damit sie also aus den verschiedenen Parteien eine Partei auswählen, die den christlichen Forderungen im Rah­men einer politischen Ordnung am ehesten entspricht. Der Papst hat also in seinem Brief nichts von alledem zurückgenommen, was er während seines so überaus providentiellen Besuchs, der uns Unterstützung und Ermutigung brachte, gesagt hat.“

Was der Generalsekretär der PMDB-Pernambuco und ehemalige Priester, Pedro Mansueto de Lavor, zur Frage eines politischen Engagements der Priester und der Kirche erklärte (23.1.81), klang schon etwas anders: „Man kann sagen, es gibt Gemeinsamkeiten der Arbeit, eine ständige Verbindung zwischen den Basisgemeinden und einigen Leuten, die in der Arbeiterpartei (PT) tätig sind, oder anderen, die in der Partei Brasilianische Demokratische Bewegung (PMDB) mitarbeiten. Dies kann jedoch nicht bedeuten, dass die Kirche irgendeine dieser Parteien unterstützt, und noch viel weniger, dass sie sich mit einer derselben identi­fiziert. Die Haltung der Kirche ist eindeutig. Sogar die Mitarbeiter einiger Leute aus dem Klerus in politischen Par­teien, sei es auf der Seite der Regierung oder aufseiten der Opposition, wird mit vielen Vorbehalten angesehen, und dies umso mehr, als der Papst, wie wir seit kurzem wissen, solche politische Mitarbeit nicht gerade gern sieht. In diesem Punkt muss ich energisch widersprechen, sowohl dem Papst als auch der Hierarchie der Kirche. Gemeindeglieder, ob es sich nun um Pfarrer oder Laien handeln mag, haben nicht nur das Recht, sondern, wie ich glaube, aus bestimmten Anlässen und unter bestimmten Umständen sogar die Pflicht zur Mitarbeit in den politischen Parteien. Es ist besser, in einer politi­schen Partei mitzuarbeiten, als mit Waffengewalt und im Guerrillakampf gegen das zu kämpfen, was man für falsch hält. Und wir haben ja hier in Lateinamerika Beispiele von Priestergruppen, die gegen die Unterdrückung zur Waffe greifen mussten, wie zum Beispiel im Falle Nicarágua. Wir meinen, dass es besser ist, als Christen oder als Priester und Angehörige des Klerus, innerhalb einer politischen Partei zu kämpfen, und dies, ohne unsere Handlungsweise mit der offiziellen Handlungsweise der Kirche gleichzusetzen. Wir müssen inner­halb der politischen Parteien kämpfen, ehe es dafür zu spät ist, ehe es notwendig sein mag, zur Verteidigung des Volkes und der Rechte, die wir für unveräußerlich halten, zu den Waffen zu greifen. Es ist sehr wichtig, dies zu sagen. Und ich sage nicht etwa, dass ich das Aufflammen eines bewaff­neten Kampfes in unserem Lande wünsche, nichts dergleichen. Was ich sage, ist dies: Eine Auseinandersetzung innerhalb einer politischen Partei ist einer Auseinandersetzung inner­halb einer bewaffneten Gruppe vorzuziehen. Wir wissen dies aufgrund von Beispielen aus anderen Ländern Lateinamerikas, wo sogar Priester zu den Waffen greifen mussten, um gegen die Diktatur zu kämpfen. Wir meinen, es sei vorzuziehen, die vorhandenen Instrumente innerhalb brauchbarer, anerkannter politischer Instrumente, wie es die Parteien sind, zu nutzen, anstatt den Weg des bewaffneten Kampfes zu beschreiten. Es gibt innerhalb des politischen Systems und des begrenzten Freiraums, den uns das gegenwärtige Regime zubilligt, keine anderen Mittel des Kampfes gegen die Willkür und das Regime als die politischen Parteien. Und die Öffnung des Systems ist, wie alle wissen, eine recht zweifelhafte Sache.“

Die Konferenz des Conselho Episcopal Latino-Americano (Celam) von Puebla, Mexiko, im Jahre 1979 und der Besuch des Papstes in Brasilien haben in der katholischen Kirche einen Reflexionsprozess verursacht, der zu einer Neudefinierung der Rolle der Kirche führte: Im sozio-poli­tischen Kontext haben sich gewisse Wandlungen vollzogen - so gibt es beispielsweise neue Parteien und einen größeren Spiel­raum für die Kommunikationsmedien - die sich auch auf die Verhaltensweise der Kirche auswirkten. Die Kirche ist heute nicht mehr die einzige gesellschaftliche Kraft, die sich, mit rela­tiver Immunität ausgestattet, kritisch zu Wort melden kann. Sie darf sich, ohne dass die Gesellschaft dadurch Schaden erleiden würde, wieder stärker auf ihr „eigentliches“ Gebiet konzentrieren, sie braucht sich nicht mehr, wie dies zuzeiten geschehen ist, mit „allem“ zu beschäftigen. Sie war zu besonderen Notzeiten in die Bresche gesprungen. Der Platz, den sie dabei eingenommen hatte, wird heute von anderen Sektoren der Gesellschaft, zum Beispiel von Parteien, Gewerkschaften, NGOs und mehrerer Menschenrechtsorganisationen, ausgefüllt. Dennoch steht die Kirche auf dem Gebiet der Vertei­digung der Menschenrechte nach wie vor in der Frontlinie, ob­gleich sie die Akzente anders setzt als noch vor ein paar Jahren.

Unter einem Folterregime war die Wachsamkeit der Kirche in Bezug auf die „persönlichen“ Rechte der Bürger eine vordring­liche Aufgabe. Nachdem sich die Verhältnisse in dieser Hin­sicht gebessert hatten, war eine Akzentverschiebung in der Menschenrechtsdebatte nur folgerichtig. Der Nachdruck liegt jetzt mehr auf den grundlegenden sozialen Problemen, wie der Lohn- und Wohnungspolitik, den Landverteilungsfragen, dem Problem der Multinationalen und der Nord-Süd-Problematik.

Die Verteidigung der Menschenrechte in globalem Sinne wird nicht nur als ein Recht, sondern als die Pflicht eines jeden Menschen, eines jeden Christen und insbesondere eines jeden Pfarrers verstanden. Die katholische Kirche in Brasilien sieht sich in dieser Auffassung durch den Papst in besonderer Weise bestätigt. Die in den drei Dekaden von 1960 - 1990 von ihr übernommene Rolle wurde von den oppositionellen Parteien voll gewürdigt. Die Tatsache, dass die Kirche zuzeiten mehr Popularität genoss als die Parteien, ließ sie als Verbündete oder - allerdings auch, sehr zu ihrem Missfallen - als Vehikel für die eigenen, ideologischen Inter­essen bestimmter politischer Gruppen begehrt erscheinen. Wenn man die Geschichte der Landlosenbewegung oder der Industriearbeiter von São Paulo, die gegen das Regime aufbegehrt hatten oder noch aufbegehren, genau besieht, stellt man fest, dass die „progressiven“ Bischöfe ganz selbstverständlich zu strategischen Verbündeten revolutionärer Bewegungen werden konnten oder auch geworden waren, wie Márcio Moreira Alves anmerkt. D. Luciano Mendes de Almeida hatte einmal gesagt, es gebe zwar Invasionen durch die Landlosen, damit habe die Kirche allerdings nichts zu tun. Wenn solche Okkupationen jedoch einmal geschehen seien, hätten christliche Gruppen die Pflicht, ihnen Schutz und Nahrung zu gewähren.

Die Kirche versucht, die Gläubigen auf die Mitarbeit in geeigneten po­litischen Parteien vorzubereiten. Die meisten engagierten Katholiken finden sich vermutlich in der Arbeiterpartei (PT) und in der Partei Brasilianische Demokratische Bewegung (PMDB). In ihren comunidades eclesiais de base (CEBS) - Basisge­meinden -, Bürgergemeinschaften und ländlichen Genossenschaften leistet die Kirche selbst allgemein-politische Arbeit, die zweifellos zu einer stärkeren Konszientisierung der Bürger führt. Genau besehen, haben sich die Basisgemeinden, deren Zahl in den 80er Jahren auf etwa 70.000 geschätzt wurde, zwar nicht gerade überlebt, jedoch minimiert und grundlegend gewandelt. War einst z.B. die blutigrote Fahne der „Bewegung der Landlosen“ (MST) eines der beliebtesten Symbole, denen man in den Räumen begegnete, in denen sich die CEBs zu versammeln pflegten, waren gemeinsame Akte von Vertretern verschiedener Religionsgemeinschaften nichts Ungewöhnliches - ein Priester oder sogar ein Bischof, eine mãe-de-santo - Candomblé-Priesterin -, ein Pfingstprediger und der Schamane eines Índiovolkes, die nebeneinander vor einem Altar standen und, jeder auf seine Weise, mitwirkten - so der revolutionäre Messianismus der Blütezeit mittlerweile einer überraschenden Ernüchterung gewichen oder er hatte sich, tomados pelpo fogo da fé - vom Feuer des Glaubens ergriffen - in charismatisch geprägten Gruppen, in ökologisch orientierte Zirkel und in die alte katholische Mystik geflüchtet. Vamos responder aos apelos que vêm da nova realidade em que vivemos - wir reagieren auf die Herausforderungen der neuen Wirklichkeit, in der wir leben -, erklärte D. Luís Fernandes, Bischof von Campina Grande. (veja 30.7.97) Konkret gesprochen, ist es wahrscheinlich richtig, was Márcio Moreira Alves am Ende seines Buches A Igreja e a Política no Brasil sagt: „Mittelmäßíge Generäle ziehen die erkennbare Sicherheit der Maginotlinie einer gewagten zügigen Durchdringung der Verteidigungslinie mittels eines Blitzkrieges vor. Die Mehrheit des katholischen Hierarchie Brasiliens besitzt noch immer die Mentalität der Maginotlinie.“

Einigen Bischöfen, wie z.B. D. Antônio Celso de Queirós, Catanduva-SP, ist es durchaus bewusst, dass sich die Welt zu Beginn des 3. Jahrtausends in einer Zeit des Umbruchs befindet, die dem Übergang vom Mittelalter in die Neuzeit, im 16, Jahrhundert, vergleichbar ist, wobei hinzuzufügen wäre, dass es sich diesmal um den Übergang von der durch die Französische Revolution markierten „Moderne“ in die „Post-Moderne“ handle, bemerkt D. Celso. Die Auswirkung dieses Umbruchs auf die Gemeinde seien gravierend. So sei ein allgemeines Desinteresse der jungen Generation an der Politik zu beobachten. Altruismus, Engagement zugunsten der Armen und Schwachen werde durch ein oberflächliches Glücksstreben verdrängt. Die Stimmungslage widerspiegele sich in dem slogan: „Jedermann für sich und Gott für sonst niemand.“ Umso wichtiger seien Initiativen wie die der Basisgemeinden, von denen die hierarchische Kirche sich in letzter Zeit mehr oder weniger abgewandt habe. Evangelisation gehöre zum Auftrag der Kirche, doch müsse sie zur Solidarität mit den Brüdern führen. (Tribuna da Imprensa, 4.4.08)

Dazu passt nahezu nahtlos die zur Jahresmitte 2008 von den brasilianischen Bischöfen verkündete Campanha da Fraternidade. Löblicherweise soll durch die „Kampagne der Brüderlichkeit“ die Gesellschaft aufgerüttelt und mobilisiert werden, andererseits ist sich die Hierarchie dessen voll bewusst, dass mit guten Wünschen allein nichts zu bewegen ist, und schon gar nicht der schwerfällige brasilianische Staatsapparat. Die Bischöfe wissen, dass sie mit der Campanha da Fraternidade die erstrebte und dringend erforderliche öffentliche Sicherheit nicht werden schaffen können. So wird es dabei bleiben, dass die katholischen Christen des post-modernen Zeitalters nichts anderes tun können, als zu beten, wie Pater José Vanzella, der Exekutivsekretär der Kampagne, bescheiden erklärte.

Der hohe Grad der inneren Konszientisierung der brasilianischen Gesellschaft während der mehr als zwei Jahrzehnte währenden Diktatur der Militärs, ein Prozess der Bewusstseinsbildung, zu dem die Kirche in beträchtlichem Um­fang beigetragen hat, berechtigt trotz aller Hindernisse und Störungen zu der Hoffnung, dass es schrittweise doch zu gerechteren und weniger ausbeuterischen Verhält­nissen in Brasilien kommen werde. Wie weit an einem solchen Prozess dann die Kirche effizient konstruktiv beteiligt sein wird, muss dahingestellt bleiben. Wie sagt doch der streitbare Márcio Moreira Alves? - Os que passaram pela sacristia não vão mais longe que qualquer outro - „die durch die Sakristei gegangen sind, bewirken auch nicht mehr als jeder andere.“

PS: Diesem Text liegt insbesondere Kapitel XXII - Diktatur und Kirche im Rückblick - meines Buches Ein Rückblick auf zwei Jahrzehnte Diktatur in Brasilien aus der Perspektive eines kirchlichen Beobachters (ISBN 078-3-939171-19-5) zu Grunde.

Eine Reise im Chile von 1972

- Im Oldtimerzug von Santiago nach Valdivia -

Heinz F. Dressel

Wir schreiben den 10. August 1972. Ich lasse mich von meinem Hotel in Santiago de Chile zum Flugplatz für vuelos domesticos - In­landflüge - bringen. Mein Ziel ist die kleine Universitätsstadt Valdivia, 850 km tiefer im Süden des langgestreckten Andenlandes. Um 12.15 Uhr vollziehe ich das ,,cheque-in” beim LAN-Chileno, der chilenischen „Lufthansa”. Das technische Personal dieser Fluggesellschaft wird tatsächlich von der Lufthansa ausgebil­det, sofern diese nicht überhaupt die technische Überwachung des Flugzeugparks übernommen hat. Mein Koffer wiegt 29 Kilo, 9 kg mehr, als nach der IATA-Übereinkunft für Passa­giere der Tourist-Class erlaubt. Ich zahle 31 Escudos für mein Übergepäck. Es ist das erste Mal nach vier Wochen Fliegerei durch halb Lateinamerika, dass man mein Übergepäck nicht toleriert. Doch Chile hat?s nötig: 40% des Flugzeugparks steht still. Die stillgelegten Maschinen müssen als Ersatzteilquelle für die übrigen 60% herhalten. Ersatzteile sind rar, denn sie kosten Dollars, die man nicht hat. Nur Dollarschulden. Der offizielle Wechsel­kurs ist 48 Escudos. Auf dem Schwarzmarkt werden, wie mir ein Professor aus Valdivia später mitteilte, bereits 400 Escudos für den Dollar bezahlt. Das chilenische Papiergeld ist wertlos. Im Ausland wird es überhaupt nicht eingewechselt. Im Lande selbst kann man, für noch so viele Escudos, noch nicht einmal Rind­fleisch kaufen. Die Regierung bietet Pferde­fleisch als Ersatz an. Selbst Milch, Zwiebeln und Kartoffeln sind knapp. Es mangelt sogar an Toilettenpapier.

Der auf 13.15 Uhr angesetzte Flug nach Val­divia wird auf 14.15 Uhr verschoben. Dann heißt es, nach einigem Hin und Her, die kleine Maschine werde, por motivos tecnicos, aus technischen Gründen, erst um 16.00 Uhr ab­fliegen. Um 16.30 Uhr schließlich erfahren wir, der Flug sei, jetzt por tiempo malo, wegen schlechten Wetters, überhaupt abgesetzt. Man möge sich am nächsten Tag um 13.00 Uhr wie­der erkundigen, jedoch ohne Gewähr, denn der Flug sei bereits ausgebucht. Die Passagiere werden am Schalter aufgerufen und bekommen die Gebühr für das Übergepäck zurück, samt Ticket und Flughafengebühr. Dann darf man sich seinen Koffer holen, der irgendwo auf dem Gelände im Regen steht.

Ich muss am nächsten Tag in Valdivia sein. Da die Wahrscheinlichkeit, morgen einen Platz in der Maschine zu finden, falls sie überhaupt fliegen wird, gering ist, erkundige ich mich nach einer Zugverbindung, von der ich bereits vor meinem Abflug in Deutschland gehört hatte. Ein Herr, der auch sein Glück bei der Eisenbahn versuchen will, tut sich mit mir zu­sammen, und wir fahren in einem Taxi zum Bahnhof. Der Unbekannte ist sofort bereit, mir eine Fahrkarte für den Schlafwagen zu kaufen, als er hört., dass ich durch das plötzliche Umdisponieren, in Geldschwierigkeiten geraten bin.  Er weiß von mir nur, dass ich aus Deutsch­land bin. Wir ergattern ein Zweiercoupé im Schlafwagen. Inzwischen habe ich meinem lie­benswürdigen Begleiter erzählt, dass ich evan­gelischer Pfarrer und für das Ökumenische Studienwerk unterwegs bin, um Universitäts­stipendien anzubieten. Er stellt sich als Bürger­meister von La Union vor. Er ist deutschstäm­mig, Glied der katholischen Kirche und An­hänger der oppositionellen Partei.

Der Zugkellner kommt ins Abteil und fragt, ob wir, es ist inzwischen 19.00 Uhr, im Salon­wagen speisen möchten. Wir sagen zu. Der­weilen sehen wir uns das Schlafwagenabteil genauer an. Es ist wohlgepflegt. Meist schlafen Regierungsfunktionäre und Abgeordnete auf ihren Fahrten in den Süden hier. Heute sind, glücklicherweise, nur wenige von ihnen unter­wegs. So genießen wir das Privileg, während der langen Nachtfahrt die Beine ausstrecken zu dürfen. Der Wagen stammt aus Leipzig. Das Fabrikationsjahr ist 1928. So ist der Süd­express ein Jahr älter als ich. Die Wände unse­res Abteils sind aus solidem Buchenholz. Das Waschbecken erinnert an die hygienischen Ein­richtungen alter Schlösser. Das Messing­gestänge glänzt wie am Tage der Inbetrieb­nahme des Waggons.

Inzwischen lädt der Kellner zum Essen em. Es ist etwa 20.00 Uhr. Der Speisewagen, ebenfalls aus Leipzig, strahlt die Atmosphäre der ,,guten, alten Zeit” aus. Die Kronleuchter sind richtiggehend faszinierend. Die unbeschreib­Iich flexible Federung erinnert einen während der ganzen Mahlzeit daran, dass man in einem Oldtimer sitzt. Kilometerweit wiegt sich der ganze Wagen von links nach rechts, so dass die Weinflaschen auf dem Tisch umfallen und die Hälfte meines indischen Tees über­schwappt. Bei diesem Geholper ist das Trin­ken überhaupt nicht möglich. Selbst auf dem Schiff habe ich solche Bewegung nie erlebt, höchstens einmal in einer Elektra der brasilianischen Fluggesellschaft Varig. Aber auf Schie­nen?
Als hors d?oeuvre gibt es Tintenfisch, fein garniert und schmackhaft zubereitet. Dann kommt mein Rührei mit Speck. Uns gegenüber sitzt ein nettes Ehepaar, alte, ergraute Leute. Er, Medízinprofessor an der Katholi­schen Universität von Santiago, sprudelt nur so vor Lebendigkeit. Unbeschreiblich ist die echt lateinische Sprache der Hände und Arme.

Die Ehefrau legt um so mehr Ausdruck in ihre Stimme. Ich bin wieder im echt lateinamerika­nischen Milieu und genieße die vertraute Atmosphäre. Mein Begleiter be­gleicht die Rechnung für mein Essen und be­zahlt selbst die Flasche Mineralwasser, die ich mit in die Koje nehme. Dort gebe ich meinem Reisegefährten, dem Alcalde - Bürgermeister - von La Union, einen DM-Scheck über 25 Mark. Er deckt das Schlafwagenbillet über 850 km Fahrt mit dem abenteuerlichen Old­timer-Zug. Darüber hinaus bin ich Gast. Ich darf das bequemere Bett belegen, während mein Begleiter nach oben klettert. Der Schaff­ner hat die Betten wunderbar hergerichtet und ein Ende der Decke kunstvoll aufgedeckt, wie es sich in der aufmerksamen südamerikani­schen Hotellerie geziemt.

Mein Reisegefährte beginnt von Enteig­nungen in der Landwirtschaft zu erzählen und vom wirtschaftlichen Ruin eines Landes, dessen Escudo einmal dem amerikanischen Dollar gleichwertig gewesen sei. Er spricht auch von der katholischen Kirche, der er angehöre, und von marxistischen Priestern und erzählt mir auch von den lutherischen Pastoren aus seiner Region. Die Padres seien „alle Kommunisten“; da seien die luteranos doch anders! Dann übermannt mich der Schlaf. Die Nacht geht schnell vorüber, und ich fühle mich wirklich ausgeruht. Das werde ich an diesem neuen Tag auch nötig haben. Mein Reisegefährte verabschiedet sich. Er wird, um nach La Union zu gelangen, bald eine andere Strecke einzuschlagen haben. Einmal wach, hole ich, um 7.30 Uhr, erstmalig nach vier Wo­chen des Reisens durch tropische Regionen, meinen Wintermantel aus dem Koffer und mache mich fertig. In einer Stunde soll ich in Valdivia sein, wo ich für das Ökumenische Studienwerk mit der Universidad Austral Verhandlungen zu führen haben werde. Ich begebe mich in den Speisewagen und lasse mir besonders den hei­ßen Tee munden. Mittlerweile hält der Zug auf einer Station und fährt nach einigem Hin und Her wieder los. Ich denke mir nichts dabei, son­dern widme mich dem appetitlich angerichteten Frühstück. Da betritt plötzlich mein Gefährte von gestern den Speisewagen, sieht mich sit­zen, stutzt und kommt lachend auf mich zu. ,,Wissen Sie”, sagt er, ,,dass Sie sich nun auf dem Weg nach La Union, 100 km südlich von Valdivia, befinden, während Ihr Gepäck im Kurswagen nach Valdivia unterwegs ist?” Eine schöne Überraschung für den reisenden Ausländer! Doch in Chile ,,arregliert” sich alles: Der Alcalde gibt mir die Adresse eines Lutheraners im nächsten Ort und trägt mir auf, diesem zu bestellen, er möge mir eventuell ein Taxi nach Valdivia besorgen. 50 km seien es bis dorthin. Dann bezahlt er mein Früh­stück und begleitet mich, bei der nächsten Sta­tion angekommen, zum Ausgang. Dort über­gibt er mich, man kennt sich eben auf einer solchen Strecke, der Obhut eines jungen Arztes, der hier aussteigt. Dieser wird von einer Ambulanz abgeholt. Ich steige zu und wir fah­ren zu seiner Wohnung, wo ihn sein dreijähri­ges Töchterchen stürmisch begrüßt. Ich lerne die Wohnkultur eines chilenischen Landarztes kennen: eine recht ärmliche Einrichtung, aber ein Plattenspieler, der von kulturellen Bedürf­nissen auch in dieser verlorenen Ortschaft zeugt. Ganz selbstverständlich werde ich zu einer Tasse Tee eingeladen. Zwischendurch ruft der freundliche Arzt den Lutheraner an, der auf einem 8 km entfernten Gut arbeitet. Bald fährt er mit dem Lastwagen einer landwirtschaftlichen Ge­nossenschaft vor, bringt mich damit zu seinem Gut und fährt mich dann, in seinem Privat­auto, 50 km weit nach Valdivia.

Wir fahren zuallererst zum Bahnhof. Dort steht, auf einem Abstellgleis, der Oldtimer­zug. Alle Türen sind verschlossen, aber das Zugpersonal ist noch da, macht die Betten und räumt auf. Ich werde lachend eingelassen. Man weiß sofort Bescheid: „Ihr Koffer ist dort!“ Auf dem Gang des Schlafwagens steht mein Gepäck, der Mantel fein säuberlich darübergebreitet. Nichts ist be­schädigt, nichts fehlt. Wir fahren, erleichtert, zur Wohnung meines Kollegen.

Der freundliche Helfer in der Not aus der Ort­schaft Paillaco läßt sich die Fahrt nicht bezah­len. Da kein Taxi aufzutreiben gewesen ist, entschloss er sich sofort, mich selbst zu fahren. Das bedeutete etwas in Chile! Es gab weder Er­satzteile noch Autoreifen. Deshalb standen in Santiago zweitausend Taxis still; eine Stadt ohne Taxis, ganz im Gegensatz zu Rio, Caracas, Bogotá oder Lima. In Santiago fiel mir einmal ein Ehepaar auf, das mit großen Augen vor der spärlichen Auslage eines Wurst­warengeschäfts stand. In Valdivia sah ich auf dem Markt ganze Rinderkeulen und sogar Büchsenmilch. Ein ewig langer  Streik der Taxi- und Lkw-Fahrer und dazu eine bürokra­tische Fiskalisation hatten ein reibungsloses Funktionieren des Binnenmarktes unmöglich gemacht. So gab es praktisch kein Fleisch für die Geschäfte des Stadtzentrums von San­tiago. Nichts hätte der Regierung Allende gerade jetzt so gelegen kom­men können wie eine ordentliche Wagenladung Rindfleisch, denn in dieser Millionenstadt sassen  die meisten ihrer Wähler!

Die abenteuerliche Fahrt im Oldtimer war für mich auch menschlich ein Erlebnis. Wildfremde Menschen überraschten mich mit einer Hilfs­bereitschaft, wie sie in unseren Breiten kaum mehr denkbar gewesen wäre. Ich werde den katholi­schen Provinzbürgermeister aus Südchile nicht vergessen. Gern habe ich seine Grüße an einen ehemaligen Mitarbeiter bestellt, der seinerzeit von Ungarn nach Chile geflüchtet war.  Von dort hatte ihn sein Weg nach Bochum geführt, wo im Ökumenischen Studienwerk auch mein Schreibtisch stand. Wie klein doch manchmal die Welt ist!

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