EIN RÜCKBLICK AUF BOLIVIEN ZWISCHEN 1952 UND 1992

Seit der Aymara Evo Morales das andine Binnenland Bolivien regiert (22.1.2006), ist es aus den Schlagzeilen der internationalen Presse nicht mehr herausgekommen. Im September/Oktober 2008 standen die Zeichen wieder einmal auf Sturm. Die Lage beruhigte sich erst dann ein wenig, als die Chefs der oppositionelle Departamentos mit dem Präsidenten zu einem vorläufigen Übereinkommen gelangt waren. Wie es weitergehen wird, ist schwer vorauszusehen.

Um das Land ein wenig besser zu verstehen, ist ein Rückblick auf die politische Entwicklung in Bolivien sicherlich hilfreich. Von 1952 an, als ich meinen Dienst im Gebiet  der Serra das Missões an der  Grenze zwischen Brasilien und Argentinien begann, nahm ich als interessierter Beobachter auch am politischen Geschehen, insbesondere in den Andenländern Bolivien und Peru, Anteil. 1965 hatte ich zum ersten Mal Gelegenheit,  Bolivien zu besuchen und direkte Beziehungen zu  Freunden aus diesen faszinierenden Ländern aufzunehmen.

Beginnen wir jedoch zur Einstimmung mit einem kurzen Blick auf die Ereignisse des Jahres 2005, die in vieler Hinsicht eine frappierende Ähnlichkeit mit den Vorgängen während der Monate August bis Oktober 2008 aufweisen, die jedoch vor allem den Aufstieg des „Leaders der Coca-Pflanzer“ und des MAS (Movimento al Socialismo) entscheidend markieren.

Am 6. März 2005 kündigte Präsident Carlos Mesa Gisbert, der 17 Monate zuvor mit 60% der Stimmen gewählt worden war, seinen Rücktritt an. Die Verfassung bestimmte, dass das Parlament dem Rücktritt zuzustimmen habe.  Als Gründe für den angekündigten Rücktritt nannte der Präsident die im Lande herrschende soziale Krise,  Proteste gegen die multinationalen Ölgesellschaften und die Forderung der Autonomie seitens der Provinz Santa Cruz. Es herrsche ein Klima, welches das Regieren unmöglich mache. Er wolle „bei der schändlichen Komödie nicht mitspielen“, ließ er verlauten. Sein  Hauptgegner auf der politischen Bühne war ausgerechnet sein früherer Verbündeter Evo Morales.  der „Leader der Coca-Pflanzer“ und des MAS (Movimento al Socialismo) und „Oppositionsführer“, spiritus rector der Aktionen zur Blockade der Verkehrswege, des Landes - u. a. der Ausfallstraßen der Hauptstadt in Richtung Argentinien, Chile und Peru -  und der Besetzung von Petroleumfeldern, mit dem Ziel, das Parlament zur Verabschiedung eines Gesetzes zur Nationalisierung des Erdgases bzw, zumindest zu einer beträchtlichen Erhöhung der Förderabgaben zu zwingen. Mesa war Nachfolger des im Oktober 2003 zurückgetretenen Gonzalo Sánchez de Lozada, der im Jahr zuvor mit 36% der Stimmen gewählt worden war. Nach der Ankündigung seines bevorstehenden Rücktritts gingen viele der Anhänger Mesas ebenfalls auf die Straße und demonstrierten insbesondere in La Paz und Oruro  für sein Verbleiben im Amt.

Evo Morales organisierte indessen eine erneute Blockade der Verkehrswege in über 50 Regionen des Landes, um das Parlament zur Verabschiedung der geforderten Nationalisierungsgesetze zu zwingen. Ganz Bolivien befand sich mehr oder weniger  im Ausnahmezustand. Am 8.3.2005 machte Mesa ernst mit seiner Rücktrittserklärung und es kam zwei Tage später zu einer gefährlichen Radikalisierung: der Präsident vertrete die Interessen der Oligarchie und der Multinationalen, warf man ihm vor.  Die sozialen Bewegungen befanden sich gemäß ihrer eigenen Einschätzung „im Kriegszustand“ gegenüber der Regierung. In der Hauptstadt mangelte es  an allem, an Treibstoff, an Nahrungsmitteln und an Medikamenten. Die öffentlichen Verkehrsmittel blieben in den Depots.  In dieser Situation rief Mesa die Bevölkerung von La Paz zu einer Protestversammlung gegen die Blockade auf. Das Ergebnis war eine noch striktere Blockade der wichtigsten Verkehrsadern im ganzen Land.

Der Präsident weigerte sich, in dieser Situation hart durchzugreifem. Er werde der Opposition nicht „den Toten bescheren“, auf den diese spekulierte. (1996 waren in den Minenstädten Amayapampa und Capacirca bei der Niederschlagung eines Aufstands durch Einheiten des Militärs 11 Indios ums Leben gekommen.)

Die Gegner riefen zu einer Masseninvasion in der Hauptstadt auf, um das Parlament zur Verabschiedung der Nationalisierungsgesetze zu zwingen.

In der Nacht vom 6. zum 7. Juni kam es endgültig zum Rücktritt des Präsidenten, dessen Mandat unter normalen Umständen bis August 2007 gültig gewesen wäre. In Bolivien gingen die Uhren allerdings seit Menschengedenken anders. Ein paar Stunden vor der unabänderlichen Rücktrittserklärung über das Fernsehen hatte Mesa aus Sicherheitsgründen für einige Stunden den Palacio Quemado verlassen müssen. Die Masse oppositioneller Demonstranten vor dem Regierungssitz - man sprach von 80.000 Personen - waren unberechenbar geworden. Neben Parolen wie „Nationalisierung der Hydrokarbonate jetzt“ waren auch die Losung zu vernehmen: „Jetzt ist Bürgerkrieg“! Da und dort explodierten hausgemachte Bomben.

Evo Morales erklärte, der Rücktritt Mesas, des Parlaments- und des Senatspräsidenten würde den Weg zu Neuwahlen freimachen. Mesa, dem die Kraft fehle, unter 157 Parlamentariern für Ordnung zu sorgen, sei nicht imstande, 9 Millionen Bolivianer zu regieren. Hinter den Kulissen versuchte die Kirche zwischen den Parteien - Regierung, Opposition, soziale Bewegungen, Oligarchie und Indios Aymara, Quetchua oder Guaranies  - zu vermitteln.

Eine Entscheidung sollte am 9. Juni in Sucre, wohin die Abgeordneten einberufen worden waren, fallen; die Anhänger des  MAS jedoch versuchten unter den gegebenen Umständen eine Sitzung des Parlaments zu verhindern. Zum Beispiel waren die Zufahrtswege von der 500 Meter tiefer gelegenen Hauptstadt La Paz zum aeropuerto mas alto del mundo in El Alto blockiert und der Flugbetrieb war weitgehend paralysiert. Die Maschinen des Lloyd Aéreo Boliviano blieben am Boden. Die Parlamentarier mußten mit einer Maschine der Luftstreitkräfte bis nach Surapata gebracht werden, wo sich der Flughafen fest in der Hand der Militärs befand.

Auch der unausweichliche Rücktritt Mesas vermochte die chronische Krise nicht zu beheben. Evo Morales, der am 22. Januar 2006 als Präsident der Republik vereidigt wurde, kündigte eine Bewegung zur Befreiung der Indiovölker sin parada an.

Morales hatte 54,1% der Stimmen erlangt und über den Gegenkandidaten Quiroga gesiegt. Die bolivianische Demokratie sei dabei, einen Zyklus zu beenden und einen neuen zu beginnen. Zu seiner Amtseinführung hatte er u. a.. Fidel Castro geladen. Er wolle sich mit dem Präsidenten von Venezuela koordinieren, kündigte Evo an. Bolivien benötige „Partner“, nicht „Eigentümer“, erklärte er in Richtung der „Transnationalen“ und insbesondere in Richtung USA. Das dritte Jahrtausend werde nicht dem „Imperium“ gehören, sondern den Völkern.

In den Monaten August und September 2008 wird wieder einmal von „bürgerkriegsähnlichen“ Zuständen, vom „Ausnahmezustand“ in Bolivien gesprochen.
In mehreren wirtschaftlich und politisch starken Departments, deren Gouverneure vergeblich weitgehende Autonomie für ihre Provinz forderten, hatten Massendemonstrationen und Okkupationen von Behörden Platz gegriffen, was wiederum entsprechende Gegenmaßnahmen aufseiten der regierungstreuen sozialen Bewegungen zur Folge hatte. Unter anderem wurde die Provinzhauptstadt Santa Cruz  regelrecht „belagert“. Presseberichte sprachen von 30 Toten. Die Inhaftierung des Gouverneurs von Pando, Leopoldo Fernández, der für die Ermordung mehrerer Landarbeiter verantwortlich gemacht wird, heizte das Klima weiter an. Die im „Mercosur“ verbundenen Länder kündigten Bolivien ihre Unterstützung an, Chávez drohte gar mit einer militärischen Intervention.

Morales forderte die Ausweisung des US-Botschafters wegen dessen Einmischung in innere Angelegenheiten des Landes und Unterstützung subversiver Kreise, die einen Putsch planten und die „Balkanisierung“ Boliviens betrieben. Evo kritisierte die Justiz, die ein Referendum zu einer neuen Verfassung ausgesetzt hatte und sprach von einem „zivilen Putsch“. Eine neue Verfassung sollte ihm die Wiederwahl ermöglichen.

Die unruhigen 50er und 60er Jahre

Am 9. April 1952 erfolgte die Grande Revolución Nacionalista, angeführt von Siles Zuazo, Lechin Oquendo und Paz Estenssoro, der anschließend Präsident wurde, und dann auf Druck der Gewerkschaft eine große Landreform einläutete und außerdem auch die Armee durch eine Arbeitermiliz ersetzte.

1956 übergab er das Amt an Siles Zuazo, um dasselbe nach der Wahl 1960 erneut zu übernehmen. Die Substituierung der Milizen durch die wiedereingeführte Armee kostete ihn bereits während der ersten drei Monate seines zweiten Mandats von 1964 den Verlust der Macht: Er wurde von konservativen Generalen ins peruanische Exil getrieben.

Im August 1964 erließ Paz Estenssoro ein Dekret, durch welches das Land verpflichtet wurde, ausschließlich in den USA hergestellte Erzeugnisse zu erwerben. Proteste der zu Niedriglöhnen verdammten Minenarbeiter wurden vom Militär blutig niederge-schlagen. Als im November das Militär zur Erstürmung der von Studenten besetzten Universität eingesetzt wurde, bedeutete dies das Ende der Regierung Paz Estenssoro. Er wurde von einer Militärjunta unter der Führung von General René Barrientos Ortuño (jedoch direkt geleitet von einem Offizier der US-Militärmission) verjagt. Es folgte eine Zeit härtester Oppression der aufmüpfigen Arbeiterschaft. Das masacre de mayo in La Paz und Milluni, das masacre de septiembre in Siglo XX, sowie das masacre in San Juan vom 24. Juni 1965 zeugen von dieser Phase blutiger Unterdrückung. In dieser Zeit machten Che Guevara und seine guerrillas weltweit Schlagzeilen. Als einer der 12 Überlebenden der „Granmama“ schlug er sich mit den Gebrüdern Castro bis zur Sierra Maestra in Cuba durch und fungierte nach dem Sieg Fidels über Batista (1959) in Havana als Industrieminister. 1965 schloss er sich einer guerilla-Gruppe in Bolivien an,  deren Ziel es war, die diktatorische Regierung zu Fall zu bringen. Am 9. Oktober 1967 wurde er von einer Gruppe der bolivianischen Armee in der Gegend von La Higuera - Vallegrande, Santa Cruz - gestellt und erschossen. Seine Gebeine und die von sechs seiner Kameraden wurden erst 30 Jahre später aufgefunden.   .

Das nach dem Befreier Simon Bolívar genannte Land im Herzen Südamerikas - Bettler auf einem goldenen Thron - kam  seit der conquista nie zur Ruhe. Allein in den vergangenen zwei Jahrhunderten gab es im Lande über 200 Staatsstreiche oder Umsturzversuche. Zum Zeitpunkt meines ersten Besuches  in La Paz hatte gerade der Präsident Victor Paz Estenssoro Zuflucht in Peru gesucht und General René Barrientos Ortuño das höchste Regierungsamt übernommen (1964). Zunächst stand zu erwarten, dass  die National-Revolutionäre Bewegung (MNR) dem allgemeinen “fidelistischen” Trend der Zeit folgen werde; es zeigte sich jedoch sehr bald, dass auch sie mehr  die Unternehmer als die Arbeiterschaft oder die Bauern förderte. Die blutige Unterdrückung streikender Minenarbeiter ebenso wie die Deportierung zahlreicher Gewerkschaftler nach Argentinien und Paraguay zeugte klar vom Charakter  der  “neuen” Politik. Soziale Unruhen wurden von den Streitkräften wie eh und je mit grausamen Massakern  beantwortet.  1971  marschierte Oberst Banzer mit seinen Truppen in La Paz ein, stürzte Barrientos und riss die Regierungsgewalt an sich. Auch er mußte später  nach einem Putsch weichen.

Nach dem nie völlig aufgeklärten Tod des Präsidenten Barrientos gelangte dessen Vizepräsident, der Rechtsanwalt Adolfo Siles Salinas, ans Ruder, bis General Alfredo Ovando Candia durch einen Putsch die Macht im Staat ergriff. Seine Regierung enteignete am 17.10.69 den Besitz der amerikanischen Petroleumgesellschaft Gulf Oil.

Die Präsidenten wie René Barrientos, Siles Salinas, Candia, Torres,  Hugo Banzer Suares, Pereda, Padilla, Lidia Gueiler, Luis Garcia Meza, Busch  etc. lösten einander nach jeweils kurzer Frist ab; die Härte jedoch, mit der die Mächtigen ihre Widersacher verfolgten, blieb stets die gleiche: Gegner wurden grausam verfolgt, verhaftet, gefoltert, getötet oder verschwanden spurlos. Selbst der frühere Regierungschef General Juan José Torres konnte einem solchen Schicksal nicht entgehen:  Er wurde entführt und blieb verschwunden, bis man nach drei Tagen seine Leiche in einem Vorort von Buenos Aires auffand. Man geht davon aus, dass der „Condor“ hinter diesem Mord gestanden habe. Einige der Verfolgten,  denen es seinerzeit gelungen war,  der Repression zu entkommen, wurden von der „Evangelischen Kirchen in der BRD und in West-Berlin“, wie es damals hieß,  gefördert.

Im Oktober 1970 wurde Torres  durch einen Putsch des Generals Miranda gestürzt und durch eine Militärjunta ersetzt. Angesichts des Widerstands der Arbeiter gegen diese Entwicklung stellte sich General Torres an die Spitze der Protestbewegung und errang die Macht. Er versprach eine “vom Volke getragene, nationale und revolutionäre“ Regierung zu führen, deren Grundpfeiler die Arbeiter, Bauern, Studenten und revolutionäre Militärs sein sollten. In Cochabamba stürmten Studenten das US-amerikanische Kulturinstitut. Der zu 30 Jahren Haft verurteilte Guevara-Bewunderer Régis Debray wurde nach Frankreich entlassen. Die Peace-Corps-kids hatten das Land zu verlassen.

Bereits nach zehnmonatiger Amtszeit, am 20.8.71, kam es zum Aufstand bzw. zur “Konspiration“ nationalistischer Militärs gegen den „linksgerichteten“ Juan José Torres. Nach diesem 187. golpe in 146 Jahren wurde Hugo Banzer Suares am 22.8.71 zum neuen Präsidenten proklamiert. Der Widerstand der Studenten und der Arbeitermilizen in La Paz vermochte dagegen nichts auszurichten. Nach dem Putsch zählte man 100 Tote und 700 Verwundete. Torres flüchtete in die peruanische Botschaft.

Die Ära Hugo Banzer Suárez

In diese Phase der bewegten Geschichte Boliviens gehört das curriculum einer von den Ereignissen Betroffenen: “Während meiner Schulzeit, das war in der Ära Candia und Torres, arbeitete ich aktiv in der Jugendorganisation der Bolivianischen Kommunistischen Partei (Juventud Comunista) mit. Im August 1971 wurde Präsident Torres von Banzer gestürzt und sogleich setzte eine Welle harter Repression ein.

Um mich vor einer langjährigen Haftstrafe oder Schlimmerem zu bewahren, verschaffte mir die Partei ein Regierungsstipendium des Landes Rumänien … Im Dezember 1978 reiste ich nach Bolivien mit dem Ziel, dort zu bleiben und als Ärztin zu arbeiten. Infolge zweier  kurz aufeinander folgenden Militärputsche - der eine führte zur Ablösung Banzers durch Pereda, der andere zu dessen Ablösung durch Padilla - herrschte im Lande wiederum ein Klima harter Repression, so dass ich gezwungen war, das Land nach sieben Tagen eiligst wieder zu verlassen, diesmal über Venezuela. Auf den Rat meiner Parteigenossen reiste ich erneut nach Rumänien. Seit dem Jahre 1979 sind meine Chancen, in mein Heimatland zurückzukehren, auf Null zusammengeschrumpft. Dies hängt damit zusammen, dass mein Mann, der damals sein medizinisches Studium abgeschlossen hatte, nach Bolivien zurückkehrte.  Bei Verhören durch die bolivianischen Sicherheitsorgane ließ er sich dazu verleiten, mich als politische Aktivistin zu denunzieren. Insbesondere informierte er die Sicherheitsorgane über meine Mitarbeit an dem, von Editorial Internacional PAZ Y SICIALISMO, Prag, CSSR, herausgegebenen BOLETIN DE INFORMACION. Diese international verbreitete in Spanisch, Deutsch, Arabisch, Französisch, Griechisch und Englisch erscheinende, kommunistische Zeitschrift brachte kontinuierlich auch Berichte über Bolivien, zu denen ich Informationen beigetragen hatte. Die Folgen dieser Denunziation durch meinen Mann, der sich wohl selbst in die Enge getrieben sah und nun versuchte, seine Haut zu retten, bekam sofort mein Vater zu spüren. Er wurde von den Sicherheitsleuten mehrmals aufgesucht, wobei man das Schlimmste androhte, falls ich je nach Bolivien zurückkehren sollte. Nach all dem, was inzwischen auch über kirchliche Kanäle, worüber ich durch einen Beamten der UNO in Bukarest in Kenntnis gesetzt worden bin - über die Grausamkeit von Militär, Polizei und paramilitärischen Gruppen bekanntgeworden ist, wäre meine Freiheit aufs äußerste gefährdet, wenn ich unter dem gegenwärtigen Regime bolivianisches Territorium betreten würde.“ Im April 1982 kam die Ärztin Susana mit ihren beiden Töchtern Tatiana und Lerisa auf dem Campus des Ökumenischen Studienwerks im Bochum an und nahm bis März 1983 am einem Sprachkurs teil.

Banzer herrschte von 1971-78 als Diktator, bis er im Juli 1978 Pereda weichen mußte. Politische Gegner wurden verfolgt, verhaftet, gefoltert, getötet. So wurde 1976 in einem Vorort von Buenos Aires die Leiche des drei Tage zuvor entführten früheren Präsidenten von Bolivien, Juan José Torres, gefunden.

Der „Condor“ gibt Signale

Fernando Javier aus Bolivien, 1951 geboren, wurde vom Ökumenischen Stipendienprogramm ein Sprachkurs finanziert.  Sein “Fall” war typisch: “Im August 1973 wählten mich meine Kommilitonen zu ihrem Fachschaftsvertreter. Von Januar bis August 1975 absolvierte ich parallel  zu meinem Studium das vorgeschriebene Praktikum als Auxiliar de Economia en el Ministerio de Planificación de Bolivia. Im August 1975 wurde die Universität zum Zwecke der Neutralisierung studentischer Unzufriedenheit im Zusammenhang mit der Einsetzung von Staatskommissaren und der Suspendierung nahezu aller studentischen Rechte erneut geschlossen. Kurz vor der angekündigten Wiedereröffnung  im November 1975 – es wäre meines letzten Semester gewesen – wurde ich samt der sieben Vertreter der anderen Fachschaften verhaftet, weil  studentische Selbstverwaltungsgremien wie die Dirección Estudantil Universitaria in der neuen Universitätsverfassung nicht mehr vorgesehen waren und folglich als illegal angesehen wurden. Ein Prozeß wurde uns nicht gemacht. Statt dessen wurden wir nach einem kurzen Hungerstreik, mit dem wir die Einleitung eines öffentlichen Gerichtsverfahrens zur Klärung des gegen uns erhobenen Vorwurfs der Subversion und des Extremismus erzwingen wollten, auseinander gerissen und auf verschiedene Gefängnisse verteilt. Ich wurde am 4.2.76 mit einem Militärflugzeug nach Paraguay verfrachtet und dort in einer Kaserne untergebracht. Nachdem ich von einem Regierungserlaß gehört hatte, der den im Zusammenhang mit den Novemberereignissen exilierten bolivianischen Bürgern die Rückkehr in die Heimat gestattete, versuchte ich nach La Paz zurückzukehren. Ich wurde jedoch am 4.8.76 an der Grenze festgenommen, nach La Paz gebracht und dort inhaftiert. Statt dass mir diesmal der Prozeß gemacht worden wäre, sollte ich nunmehr nach Chile abgeschoben werden. Das wäre so vor sich gegangen,  dass ich – wie viele andere vor mir – unter Militärbewachung an die chilenische Grenze gebracht und dort ohne Papiere oder sonstige Habe ausgesetzt worden wäre. Dieses Schicksal wurde mir dadurch erspart, dass AI für mich ein Flugticket nach Deutschland bereitstellte und damit meine Ausreise ermöglichte.” “Über Ärzte, die ai–Mitglieder sind, konnten wir auch erste ärztliche Untersuchungen einleiten, denn Fernando ist mehrfach gefoltert worden („water-boarding“ - Untertauchen bis kurz vor dem Ertrinken, tagelange Unterbringung in einer Zelle, in der er nur stehen oder hocken konnte, Elektroschocks, ausgeschlagene Zähne usw.”) [ai–Gruppe 43 Berlin]

Der Fall Fernando ließ sehr genau die Komplizenschaft der totalitären Regime in Lateinamerika und ihre tödlichen Praktiken im Rahmen des „Plan Condor“ erkennen: Bolivien schob einen bolivianischen Staatsbürger als unerwünschte Person in eines der befreundeten Nachbarländer ab, in der geheimen Erwartung, dass man dort schließlich das schmutzige Geschäft der Liquidierung schon übernehmen werde. Man konnte dann selbst seine Hände in Unschuld waschen. Glückte es einem Gefährdeten, in die “freie Welt” zu gelangen, stand er dort oft erneut am Rande des Abgrunds, da mangelnde wirtschaftliche Sicherheit ihn entweder zu einem klinischen oder psychiatrischen Fall werden ließ oder ihn in die Illegalität trieb. Bei den Wahlen von 1978, 1979 und 1980 gewann Siles Zuazo.

Blutige Zusammenstöße im Minengebiet

Schlagzeilen machten die Ereignisse von Coripata, die von einer Menschenrechts-kommission minutiös dokumentiert wurden (Protesta Popular y Repression, Coripata, Junio - Agosto 1978), Meldungen, denen zufolge durch einen Wahlbetrug „wie üblich“ der Sieg Pereda zugeschanzt werden sollte, wurden über den Rundfunk von La Paz verbreitet. Es kam zur Dekretierung des Ausnahmezustands und zum Aufstand von Pereda in Santa Cruz, der in der Übernahme der Staatsgewalt durch diesen bereits am Nachmittag desselben Tages gipfelte. Ein Detail zum Thema “Wahlbetrug“: die örtlichen Autoritäten hatten in vielen Regionen die ländlichen Gemeinden am Wahltag nicht mit Wahlurnen versorgt. Nach Bekanntwerden des gefälschten Wahlergebnisses kam es vielerorts zu Unruhen. Ein paar Tage nach der Wahl verbreitete das Oberkommando des Heeres eine Presseerklärung, in der es hieß: “Gestern um 11.00 Uhr wurden Angehörige des Pionierbataillons General Roman, die zwischen den Ortschaften Coripata, Arapata und Corioco (Schlucht des Rio Seco) verschiedene Arbeiten verrichteten, von einer Gruppe bewaffneter Extremisten überrumpelt und gefangengenommen. Besagte Pioniere wurden später auf die hinterhältigste Art und Weise hingerichtet, zusammen mit zwei Angehörigen der Nationalgarde und zwei Zivilisten, die am Vormittag von den Extremisten festgenommen worden waren.“ Sofort verbreitete die offizielle Fernsehstation: In Coripata agierten guerrilleros! Bezeichnenderweise verbreiteten die Polizei und das Innenministerium weitaus gemäßigtere Communiqués. Für das Militär war der Vorfall ein Grund zur “Übernahme der Kontrolle“. Im Zusammenhang mit dem Eingreifen des Militärs ereigneten sich nervenaufreibende Auftritte in einem Klima von Einschüchterung und Panik. Es kam zu systematischen nächtlichen Hausdurchsuchungen, zahlreichen Verhaftungen, Schlägen, Drohungen, Diebstählen und Vergewaltigungen. Einige  Männer  verschwanden spurlos. Bereits im November 1978 erfolgte die Absetzung von Juan Paredes Asbún und die Übernahme der Macht durch General David Padilla Arancibia. Nach 125 Tagen wurde dieser zu mitternächtlicher Stunde telefonisch in die Casa Quemada, dies ist der Name des Regierungspalais, gerufen - wo man ihn festnahm.

Bestimmte Einzelschicksale fügen sich nicht nur genau in das generelle politische Panorama Boliviens ein, sie lassen dieses auch erst richtig plastisch werden. Ein Beispiel dafür ist die Geschichte von Roberto, 1956 in Potosí geboren. Er leistete nach seiner Schulzeit (1962 - 76) im Jahre 1977 den Militärdienst ab, war 1978/79 Student der Agronomie an der Universidad Tomás Frias und setzte das Studium 1979-80 an der Universidad San Simón in Cochabamba fort. Im September 1981 wurde er KED-Flüchtlingsstipendiat. Das Stipendium beinhaltete einen Sprachkurs im ÖSW Bochum und das Studium der Landwirtschaft in Witzenhausen. Roberto berichtete: “Ich war als Augenzeuge bei dem Massaker der Minenarbeiter in Siete Suyos dabei gewesen, wo bei Zusammenstößen der Militärs mit den Bergarbeitern mein Vater in Haft genommen wurde, weil er Mitglied der Arbeitergewerkschaft war. Nach einigen Tagen erfuhren wir, dass man ihn getötet hatte. Darum wurde ich als ein gefährliches Element betrachtet. Es wurde der Befehl gegeben, mich zu verhaften. Wegen der ständigen Verfolgung durch die Militärs bis in meine Wohnung sah ich mich gezwungen, von diesem Minen–Zentrum wegzugehen. Meine Mutter hat mich überredet wegzugehen, weil sie befürchtete und ahnte, dass es mir so gehen würde wie meinem Vater.”

Roberto begab sich zunächst nach Cochabamba zu Verwandten, war aber dort ebenfalls gefährdet. Deshalb ermöglichten ihm seine Verwandten die Ausreise, indem sie alle Ersparnisse zusammenlegten. Seine Mutter war ohne finanzielle Mittel; sie hatte 10 Kinder zu versorgen.

Der Student selbst schilderte auf meine Bitte hin schriftlich das Motivo de salida: “El motivo fué el haber presenciado la masacre de los mineros en Siete Suyos donde en enfrentamientos de militares con los mineros le detuvieron a mi padre por que era miembro del sindicato de trabajadores x que despues de unos dias supimos que le habian matado y por todo ello yo estuve considerado como un elemento peligroso, por ello se me ordeno a que se me deteniase por el solo hecho haber presenciado esa masacre, por ser hijo de un trabajador miembro del sindicato y por ser estudiante universitario. Luego de constantes allanamientos a mi domicilio por los militares me vi obligado a salir de ese centro minero aunque yo no quería dejar a mi madre como a mis hermanos menores. Pero mi madre me obligo a salir por que ella tonia el temor y el presentimiento de que me iva a suceder como lo sucedió a mi padre, por ello mi madre me dijo de que me fuese por esa razón tuve que abandonar mi hogar y como e unico lugar donde tenía familiares era en Cochabamba tuve que irme ahi y ellos me acogierón y me ayudarón bastante, ai permanecí hasta eltiempo en el que salí de Bolivia. Al ver que el peligro a mi persona seguia vigente, por que aun seguía deteniendose a aquellas personas que tenían problemas similares a mio o problemas politicos, apesar de que yo no tenía nada que ver con problemas politicos ni nada por el estilo, corria el riesgo de que se me detuviera como dije anteriormente por el solo hecho de ser hijo de un dirigente sindical. Por todo ello se ve claramente la injusticia que existe en mi paiz. Y como temía primos acá en Alemania; Mis familiares de Cochabamba me conseguieron al pasaje de salida reuniando los pocos ahorros que tenían, por que mi madre no cuanta con recursos economicos ya que nosotros somos diez hermanos. - Es asi que ahora me encuentro en Alemania, bajo la ayuda de mi prima que es estudiante y que no puede ayudarme financiar ni mucho menos garantizar mi estadía en Alemania. Por lo cual acudo a la Iglesia Evangelica para que me dé la posibilidad y garantizar mi estadía acá en Alemania.“

René Mario, 1947 geboren, war bereits unter Banzer als engagierter Gewerkschaftler verhaftet worden, bis man ihn des Landes verwies und ins Nachbarland Ecuador abschob. Dort war er bis 1981 am Forschungszentrum der Katholischen Universität  für die Ausbildung von Indios in ökologischer  Bodenkunde tätig. Obwohl er mit dem Status eines von ACNUR anerkannten Flüchtlings in Ecuador lebte, waren bestimmte politische Kräfte, die sich gegen die geforderte Selbstbestimmung der Eingeborenen stellten, an seiner Ausweisung interessiert. Ihr Druck auf die Regierung führte dazu, dass Mario Gabriel von Regierungsseite wiederholt aufgefordert wurde, das Land zu verlassen. 1982 gab er dem Druck nach und begab sich, da eine Rückkehr in sein Heimatland ausgeschlossen war, mit seiner deutschen Ehefrau in die BRD, um seine Kenntnisse zu vervollkommnen. Das ÖSW lud ihn mit seiner Frau nach Bochum ein, wo die beiden zunächst als Gäste betrachtet wurden und Mario am Sprachkurs teilnahm. Im Oktober wurde ein Stipendium (M. Sc. Agrarwirtschaft, Göttingen) bewilligt. Der Quechua Mario machte 1984 zusammen mit Roberto Acebey im Kirchenkreis Bochum eine Kampagne für den Erwerb motorgetriebene Wasserpumpen im Hochland, die das Wasser aus 50 m Tiefe empor holen und auf die ausgedörrten Felder leiten. Die Dürrekatastrophe der vorangegangenen Jahre führte dazu, dass die Äcker vertrockneten, so dass viele Bauern ihre Saatkartoffeln verzehren und aus Futtermangel das Vieh abschlachten mußten.

Douglas Antonio studierte als ÖSW-Stipendiat Soziologie bei Prof. Houtart in Löwen. Sein Vater hatte als Liberaler 1948 in Argentinien Zuflucht suchen müssen. Der Sohn gelangte erst zwanzig Jahre später wieder in sein Heimatland zurück.  Dort wurde er Mitbegründer des Partido Socialista de Bolivia. 1970-71 war er zuerst im Erziehungsministerium, dann im Außenministerium als Generalsekretär tätig. Nach dem Putsch Hugo Banzers 1971 gelang ihm die Flucht nach Chile, wo er bis zum Putsch im September 1973 als Professor für Soziologie (Methoden & Techniken; Fragen der Entwicklungssoziologie) in Antofagasta bleiben konnte. Sogleich am 11.9.73 wurde er samt seiner Frau, die an der Universität als Bibliothekarin arbeitete, direkt auf dem Campus verhaftet, um am 16.9.73  zusammen mit seiner Frau und den drei Kindern über die Grenze nach Bolivien abgeschoben und dort sofort verhaftet zu werden. Die ganze Familie war in La Paz vier Wochen lang in einer Kaserne interniert. Danach wurden Frau und Kinder auf Betreiben von Verwandten nach Cochabamba entlassen. Antonios Eltern gelang es, nach Verhandlungen mit verschiedenen ausländische Botschaften für den Sohn die Erlaubnis zur Ausreise nach Europa zu erwirken. Für den Fall  jedoch, dass er in einem lateinamerikanischen Land Asyl suchen würde, hielt man die Familie als Geiseln zurück. Antonio begab sich völlig mittellos von Frankreich, wohin man ihn hatte ausfliegen lassen, nach Löwen. Dort nahm ihn Prof. Houtart - der aus Brasilien ausgewiesene frühere Mitarbeiter Dom Hélders im ITER (Recife) - vorübergehend bei  sich auf. Dieser setzte sich mit mir in Verbindung und erbat Hilfe für seinen Schützling, der kurz darauf  nach Bochum eingeladen werden konnte. Es gelang, auch die Familie aus Bolivien heraus zu bekommen.  Sie wohnte dann, glücklich wiedervereint, auf dem Campus. Dort konnte der Exilierte an einem Sprachkurs teilnehmen und zugleich eine schriftliche Arbeit - Kritische Analyse der Entwicklungstheorien in Lateinamerika - in Löwen einzureichen, um den Grad eines Lizentiaten der Soziologie zu erwerben. Erfreulicherweise ergab sich in  Belgien eine günstige Studienmöglichkeit. Im Rückblick auf die Bochumer Zeit schrieb Antonio: „Der Geist der Solidarität, von dem im allgemeinen alle, die durch das ÖSW liefen, erfüllt sind, hat mich dazu inspiriert, dass ich mich hier in Belgien den ausländischen Arbeitern und Studenten zuwende.” Nach der Promotion arbeitete der Exilierte für die UNESCO und konnte nun selbst vielen Flüchtlingen helfen.

La salida al mar

1979 rumorte es in Bolivien angesichts der Tatsache, dass inzwischen 100 Jahre seit dem Pazifikkrieg verflossen waren, was die Erinnerung an das Problem salida al mar stark belebte. Am 14. Februar 1879 hatte ein chilenisches Kriegsschiff den Hafen von Antofagasta, der seinerzeit zu Bolivien gehörte, besetzt und Bolivien den Zugang zum Pazifik versperrt. Ich erinnere mich an eine boshafte Anekdote aus dem Jahr 1979: Bei einem Staatsempfang in Lima wurde zum Gespött der Anwesenden ein bolivianischer Gast als el ministro de la marina , marina que no hay vorgestellt, doch der Bolivianer rächte sich, als gleich darauf ein peruanischer Herr als el ministro de la justicia vorgestellt wurde, indem er sogleich die Bemerkung hinzufügte: justicia que no hay … (Dabei fällt mir auch die Anekdote von jenem Bürgermeister eines Quechua-Pueblos ein, der bei einer Versammlung zur Begrüßung mit den Worten anhob: Señores y Señoras, y Señoritas, que no hay …)

Im Juli 1979 begründete General Asbun seinen Putsch mit der Bemerkung: „Sollte die linke Unionspartei der Demokratischen Volksunion hier die Wahlen im Jahre 1980 gewinnen, werden die bolivianischen Streitkräfte auf keinen Fall zulassen, dass dieses Wahlbündnis die Macht übernimmt.“ Bereits ein paar Tage später hatte ihn eine andere Gruppe von Militärs gestürzt. Walter Guevara Arce übernahm das Steuer des Staatsschiffes. Ihm folgte Oberst Natusch - der bereits 16 Tage später wieder gestürzt wurde. Im Oktober 1979 bestimmte das Parlament Lídia Gueiler Tejada zur Übergangspräsidentin.

Am 17.7.80 erfolgte der golpe gegen Lídia Gueiler Tejada durch General Luís García Meza, der so die Übernahme der Regierung durch den 19 Tage zuvor gewählten Hernán Siles Zuazo verhinderte. Ein Brief der mujeres mineras vom 10.11.80 an Kardinal Clemente Maurer nimmt zu diesem Ereignis Stellung: „Al produ-cirse del golpe de Estado del 17 de julio los explotados del país, especialmente los obreros de las minas, nos declaramos en huelga general indefinida conscientes de que sólo así podríamos, sino evitar, por lo menos frenar los excesos del nuevo quartelazo, cuyo objetivo no era únicamente cancelar la demo-cracia como forma de gobierno capitalista, sino, sobre todo, preseguia, y sin aún pretende, aplastar la política independiente del proletariado liquidando sus sindicatos, sus organizaciones revolucionarias y sus cuadros de dirección usando la violência estatal, es decir, el facismo, como nueva forma de gobierno capitalista, que no otra cosa constituye el actual gobierno.“

Zu Beginn des Jahres 1981 wurden neun Mitglieder der sozialdemokratischen Partei MIR, darunter drei Abgeordnete des suspendierten Parlaments und Vorstandsmitglie-der der Partei, von paramilitärischen Kommandos ermordet. Infolge verschiedener Putschversuche - u. a.  durch den ehemaligen Präsidenten Alberto Natush Bush und Hugo Banzer Suárez sowie Gen. Lucio Añez Rivero - verlor García Meza seinen Rück-halt bei den Streitkräften. Nach seinem erzwungenen Rücktritt wurde er am 4.8.81 durch eine Militärjunta ersetzt. (1986 wurde García Meza wegen systematischer Menschenrechtsverletzungen, wegen Mordes, Betrugs und Amtsmißbrauchs der Prozess gemacht.)  Am 4.9.81 wurde General Celso Torrelio Villa zum Präsidenten erklärt. Nach schweren Zwischenfällen bei Arbeiterdemonstrationen am 26.3.82, bei denen 6 Personen erschossen worden waren, legte am 29/30. März ein von der verbo-tenen COB ausgerufener Generalstreik das Land lahm. Torrelio Villa hob das Verbot politischer Parteien und Gewerkschaften auf und verkündete eine umfassende Amnestie.

Am 19.7.82 trat Celso Torrelio Villa zurück und am 21.8.82 erklärte das Oberkomman-do des Militärs General Guido Vildoso Calderón zum Präsidenten der Republik 1983 war Hernán Siles Zuazo Präsident.

Während seiner Regierungszeit erfolgte am 24.11.83 ein Bombenanschlag auf das Parlamentsgebäude. Unter Beteiligung des MIR kam es zu einer Notstandsregierung. Am 12.1.1985 wurde Siles Zuazo nur noch von seiner eigenen Partei gestürzt. Am 8.2. sprengten erzürnte Bauern die Eisenbahnlinie nach La Paz. Bei den Parlamentswahlen vom 14.7.85 erhielt Hugo Banzer die relative Mehrheit der Stimmen. Im 2. Wahlgang wählte das Parlament Paz Estenssoro zum neuen Präsidenten. Das Land wurde erneut von mehreren Generalstreiks erschüttert. 1985 wurde Hernán Siles Zuazo im Verlauf von 25 Jahren - inzwischen 77 Jahre alt - zum vierten Mal Präsident und dann von Alberto Natusch Busch ersetzt.Im August 1985 wurde Victor Paz Estenssoro Präsident.

Ein Blitzlicht auf das Jahr 1988: „Im Moment sind alle dabei, schnell ihr Parteihemd zu wechseln, da die herrschende MNR allen Voraussagen nach ausgespielt hat, und damit man am Ball bleibt, muß man Vorsorge treffen (ein „anständiger“ Bolivianer hat sowieso vier oder fünf Parteimitgliedschaften, je nach dem eben). Dass der Cocain-König Soarez hier im Gefängnis sitzt, … halte ich zunächst für eine Show vor den USA, der wird sich nach all dem Rummel klammheimlich freikaufen, abgesehen davon wird er ja vom Volk geliebt, wie fast alle Cocainbosse, die eben wesentlich mehr soziale Werke mit ihren Millionen hervorbringen als der bürokratische Staat mit abgetrotzten Steuern. Was wird den armen Bauern auch ein kokainsüchtiger Snob in New York interessieren, wenn sein Dorf endlich eine Schule und eine Gesundheitsstation erhält.“ So sah es Caroline, die Frau eines früheren Stipendiaten.

Der Aufstieg der „Eingeborenen“

Nach meinem Abschiedsbesuch in Bolivien im Januar 1990 und rechtzeitig vor meinem Eintritt in den Ruhestand erreichte mich über  Bischof Carlos Huacani N., Iglesia Evangélica Metodista en Bolivia  - IEMB - der Stipendienantrag des Lic. theol. Carlos Intipampa Aliaga, auf dessen Spuren ich bereits 77/78 bei ISEDET in Buenos Aires gestoßen war, und der nun an die Promotion in Kirchengeschichte gehen wollte. Die IEMB litt nicht nur unter dem Mangel an befähigten und engagierten Mitarbeitern in den Gemeinden des Hochlandes, sondern vor allem an “autochthonen“, im Volk der Aymara verwurzelten Pastoren und insbesondere auch theologisch versierten Predigern und Lehrern. Im Grunde war die Kluft zwischen der traditionell „westlich“ orientierten Methodistischen Kirche und der indigenen Bevölkerung eine Folge dieses Mangels. Die zunehmend „erwachenden“ Indianervölker der Hochanden begannen mittlerweile Fragen aufzuwerfen, die mit den Mitteln der traditionellen, auf europäischen und historisch weit zurück liegenden Fragestellungen beruhenden Theologie nicht beantwortet werden konnten. Die Bereitschaft der jüngeren Generation unter den bolivianischen Methodisten zur wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Christentum, das den einheimischen Völkern vor 500 Jahren von Eroberern aufgedrängt worden war, eröffnete zum ersten Mal die Chance, das Evangelium als gute Nachricht zu vermitteln. Im Trend des Gedenkens an die „500 Jahre Unterdrückung in Lateinamerika“ fand man sich im Stipendienkomitee ohne viel Hin- und Her zur Stipendierung des begabten Aymara-Theologen bereit. Zu meinem großen Bedauern mußte ich jedoch bald nach meinem Abschied von Bochum erfahren, dass man ihn aufgrund von „Sprachschwierigkeiten“ zur Promotion an eine katholische Universität nach São Paulo geschickt hatte. Als er mich über zehn Jahre später in Nürnberg besuchte, war er inzwischen vom Professor zum Bischof seiner Kirche aufgestiegen.

Was in der Kirche endlich geschehen  war: die Leitung der IEMB durch einen Aymara, zog sich auf dem Feld der Politik noch lange hin. Erst mit Evo Morales steht nun zum ersten Mal ein „indigena“ an der Spitze des Staates. War es schon im Bereich der Kirche zu Problemen gekommen, über die hier nicht berichtet werden soll, so häuften sich solche im Kontext der Politik ganz massiv, bis hin zu bürgerkriegsähnlichen Unruhen. Es ist nicht ohne Herzklopfen, dass wir die weitere Entwicklung des „höchsten Landes der Welt“ beobachten.

Heinz F. Dressel

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