Paraguay: Dr. Martín Almada, der Entdecker des „Archivs des Terrors”

Martin Almada schrieb 1972 an der Universidad Nacional de La Plata seine Doktorarbeit: „Paraguay: educación y dependencia” - Paraguay: Erziehung und Abhängigkeit. Die These galt in Paraguay als revolutionär und subversiv. Aus diesem Grund geriet der junge Doktor der Erziehungswissenschaften bald ins Visier der „Sicherheit”.Am 26 Dezember 1974 fanden sich ein bekannter Offizier der Reserve samt etlichen Polizisten in der Grundschule Juan Bautista Alberdi, an welcher der junge Direktor zusammen mit seinen Lehrerkollegen - inspiriert von Paulo Freire - „Demokratie im Klassenzimmer” praktizieren wollte. Paulo Freires „Pädagogik der Befreiung” bedeutete: „Die Pädagogik ist ein Akt der Liebe, deshalb handelt es sich um einen wertvollen Akt. Die Pädagogik braucht die Debatte, die Analyse der Wirklichkeit, nicht zu fürchten; sie darf vor der schöpferischen Debatte nicht fliehen, es sei denn, sie riskiere es zur Farce zu werden.” Amado wollte, unterstützt von vielen seiner Kollegen, die Beurteilung nicht allein der Schüler, sondern auch der Lehrer an seinem Colleg praktizieren. Reformen lagen in der Luft, insbesondere bei den jungen Katholiken. Die Kirche hatte bei der lateinamerikanischen Bischofskonferenz in Medellin u. a. verkündet, dass auch die Erziehung auf allen Stufen dazu gelangen müsse, schöpferische Anstöße zu geben, um einen neuen Typus der Gesellschaft zu gestalten, nach dem ganz Lateinamerika sich sehne. Derartigen Gedanken anzuhängen, war in den Augen des Sicherheitsdienstes eine Todsünde.Almada wurde zum Departamento de Investigación gebracht und dem berüchtigten Polizeichef, Pastor Coronel, vorgeführt, um anschließend von „Experten” aus der ganzen Region die sich in Asunsión eingefunden hatten, 30 Tage lang immer wieder, nackt und an Händen und Füßen gefesselt, verhört und gefoltert zu werden. Zu den Besonderheiten der Tortur in Paraguay gehörte die „pileta”, eine mit aus Wasser, Urin und Exkrementen gefüllte Badewanne. Diese besondere Version des berüchtigten „water boarding” war 1956 vom US-amerikanischen Sicherheitsoffizier Robert K. Thierry eingeführt worden. Der erste Spezialist, der ihn verhörte, war ein argentinischer Polizist aus Córdoba. Er versuchte die vermutete Verbindung des Entführten mit subversiven Argentiniern herauszufinden. Beim nächsten, in der Escuela de las Américas (Panamá), ausgebildeten Verhörexperten handelte es sich um einen Angehö-rigen der chilenischen Armee. Er wollte wissen, ob es Beziehungen zu subversiven Chilenen der Universidad Católica gab, da Martín Almada dort Psychologie und Päda-gogik studiert hatte. Dem argentinischen und chilenischen Inquisitor folgten Militär-attachés aus Bolivien, Brasilien und Uruguay. In seinem Buch Paraguay, La Cárcel Olvidada, erinnert sich Almada: „Ich hatte es nicht mit Personen, sondern mit toll-wütigen Hunden zu tun.” Nach den sadistischen Misshandlungen, Schlägen, Elektro-schocks und der „pilata” stellten sich heftiger Durchfall und Erbrechen infolge der geschluckten Exkremente ein. In der Zelle, in der er mit ein paar weiteren Häftlingen auf dem harten Boden lag, wimmelte es von Kakerlaken, die über die Körper der Geschundenen huschten, während Dutzende von Ratten aufmerksam auf eine günstige Gelegenheit zum Angriff harrten.Die dem Tribunal angehörenden Militärs kamen aus Paraguay, Brasilien, Argentinien und Chile. Die „multinationale” Zusammensetzung des Tribunals widerspiegelte deutlich die Komplizenschaft innerhalb des „Plan Condor” bzw. der „Operação Condor”. Die totale Abhängigkeit der miteinander verbündeten lateinamerikanischen Streitkräfte von den aus Washington (Henry Kissinger) kommenden Instruktionen war ganz offensichtlich.Das perfekte Zusammenspiel der Militärs wurde mit der lapidaren Feststellung begründet, es handle sich um nichts weniger als um die „Rettung der westlichen, christlich geprägten Welt aus den Krallen des Kommunismus.” Die im Bereich des „Condors” herrschende antikommunistische Hysterie jener Jahre führte zuweilen zu unglaublichen Absurditäten, wie dies eine vom Botschafter der Bundesrepublik Deutschland, Jörg Kastl, aus Argentinien berichtete Episode veranschaulicht: „In Formosa warnt der Stellvertretende Gouverneur den Bürgermeister einer abgelegenen Siedlung vor der kommunistischen Gefahr der Zeugen Jehovas. Dass sie sich weiger-ten, den Staatssymbolen Ehre zu erweisen, beweise ihre Verkommenheit.” (Kastl 3.11.76). Die Welt befand sich in der Zeit des „Kalten Krieges”. Es herrschte die „Doktrin der Nationalen Sicherheit”. Das Ziel des Verteidigungsbündnisses war: ermitteln (averiguar), Informationen erlangen (trocar informações), entführen (sequestrar ) und töten (matar). Dabei handelten die Militärs nicht allein, vielmehr konnten sie mit breiter Unterstützung aus dem zivilen Bereich rechnen, in Paraguay z.B. erfreuten sie sich der Kollaboration der Associação Rural und der Industrie. Man verhaftete Gewerkschaftler, Genos-senschaftler, Ärzte, Journalisten, Geistliche und Intellektuelle. Die Verfolgung richtete sich gegen die Schicht derer, die in Lateinamerika selbständig dachten, gegen die „Wissensgesellschaft” (sociedade do conhecimento) …Und der Condor fliegt noch immer! Die Schulungskurse für Offiziere aus lateinamerikanischen Ländern an der „Escola de Georgia” in den Vereinigten Staaten von Amerika bildet weiterhin „Experten” aus…

1995 fand in Bariloche ein Treffen statt, an dem Angehörige der Streitkräfte aus nahezu allen lateinamerikanischen Ländern ebenso wie die Präsidenten Menem und Pinochet teilgenommen hatten, um miteinander über Subversive in Lateinamerika zu sprechen.

Martín Almada, der im Rückblick auf den Militärputsch in Argentinien in einem Interview mit Noel Leiva über „die Militärs, die nichts anderes gelernt haben als zu spionieren” sprach, hatte seinerzeit die „Archive des Terrors” - die Archive des „Plan Condor” - in Lambaré entdeckt. Zwei Fragen hatten ihn umgetrieben: Warum seine junge Frau, die Lehrerin Celestina Pérez, während seiner Haft zu Tode gekommen war und weshalb seine Folterer Ausländer gewesen waren. Ein Kommissar hatte ihm 1975 zu verstehen gegeben: „Wir befinden uns in den Krallen des Condor.” Zugleich hatte er ihn auf die „revista policial”, hingewiesen. In dieser Zeitschrift der Polizei würden alle „Fälle” ver-zeichnet, mit denen es der Sicherheitsdienst zu tun habe. Martín Almada befand sich 3 Jahre lang, von 1977 - 1979, als politischer Häftling im Campo de Concentración Emboscada, Paraguay. Als man ihn nach einem Hungerstreik mit hilfe des „Comité de Iglesias del Paraguay” aus der Haft entlassen hatte, setzte er sich nach Panama ab und gelangte schließlich nach Paris, wo er 15 Jahre lang als Berater der UNO für Lateinamerika tätig war. Er strengte einen Prozess gegen Stroessner an, in dem er sich - in Analogie zu der juridischen Figur des „habeas corpus” - auf das Recht des „habeas data” berief. Die Polizei verfügte jedoch über keinen Haftbefehl des Klägers, da dieser heimlich entführt worden war, ein typischer Fall eines „Verschwundenen”. Eines Tages setzte sich die Frau eines hohen Militärs mit Almada in Verbindung und machte ihn auf einen Ort aufmerksam, an dem sich aller Wahrscheinlichkeit nach die von ihm gesuchten Unterlagen befänden. Möglicherweise wollte sich diese Frau aus irgend einem Grund an ihrem Gemahl rächen. Mit Unterstützung seines Anwalts fand Almada schließlich 1992 hinter einer Polizeistation in Lambaré tonnenweise verstecktes Material über die Repression seit 1929 (!) bis 1980.

Als die Menschenrechtskommission des Parlaments im Jahre 2007 ernstlich mit der Aufarbeitung der „Archivs der Operation Condor” begann, ging man von 10.000 Opfern der Diktatur Stroessner aus. Inzwischen ergaben die Recherchen, dass diese Zahl viel zu niedrig gegriffen war: „Wo immer man einen Stein aufhebt, findet sich ein weiteres Opfer”, berichtete Dr. José Carlos Rodriguez, eines der Mitglieder der Commission. Mittlerweile geht man von 40.000 Opfern aus.

Heinz F. Dressel

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